Zwei Frauen auf einem Balkon, sie unterhalten sich. Die ältere der beiden, Margarethe Bösch, war Verkaufsmanagerin, sie hat zunächst in Europa, dann in Afrika Stoffe aus Vorarlberg verkauft – prächtige, farbintensive Spitze, gefertigt in Lustenau. Diese Handelsbeziehung war nicht immer legal. Darüber hat Frau Bösch ein Buch geschrieben (»Margret’s African Connection«, Bucher Verlag 2014, Neuauflage 2023), aus dem sie auch vorliest. Das ist die Anfangsszene des Dokumentarfilms »Stoff – Ein Spitzengeschäft« der Filmemacherinnen Anette Baldauf, Joana Adesuwa Reiterer, Chioma Onyenwe und Katharina Weingartner. Die Doku zeigt, wie Spitze aus Lustenau nach Lagos kam und was diese Handelsbeziehung mit Wohlstand, Ausbeutung, Mode und Sklavenhandel zu tun hat – und das auf spannende, eindringliche und ungewöhnliche Weise.

Zusammenarbeit auf Augenhöhe
Vier Regisseurinnen haben den Film gemacht, der ein multiperspektivisch dargestelltes Stück Geschichte und Gegenwart vermittelt. Nigerianische und europäische Protagonist*innen treffen sich auf Augenhöhe, tatsächlich und nicht nur behauptet. »Stoff« blickt nicht nur hinter die Kulissen eines Segments der internationalen Textilwirtschaft, sondern auch hinter die des Filmemachens. Wir sehen, wie die Regisseurinnen online kommunizieren, die Modalitäten der gemeinsamen Arbeit ausverhandeln. So wird unter anderem sichtbar, dass Film etwas Gemachtes ist. Konventionelle Dokumentarfilme à la ORF »Universum« machen Filmteams unsichtbar, um die Illusion zu erzeugen, Tiere, die Natur, »fremde Kulturen« direkt zu beobachten. Für »Stoff« arbeitet in Nigeria ein nigerianisches Filmteam, quasi autonom. So (und nur so) ist es möglich, eine Perspektive einzunehmen, die nicht westlich, europäisch, kolonial geprägt ist. »Von Anfang an wussten wir, dass der nigerianische Teil von nigerianischen Filmemacherinnen erzählt werden muss«, sagt die aus Vorarlberg stammende Dokumentarfilmerin Katharina Weingartner, »das ist in der österreichischen Dokumentarfilm-Produktion ungewöhnlich, aber notwendig.«

Kolonialismus und Abwertung
Ireti Bakare-Yusuf ist die Hauptprotagonistin in Lagos. Sie ist Journalistin und Aktivistin. Ihre verstorbene Mutter gründete ihr eigenes Business für Spitze aus Vorarlberg und initiierte den heute noch bestehenden Lace Market in Lagos. In Nigerias Kleidungs- und Modewelt ist Iretis Mutter nach wie vor in Erinnerung und eine Legende. Ireti geht den Spuren der Spitze nach und recherchiert, wie es um die indigene Textilproduktion steht. Denn seit dem 18. Jahrhundert drangen europäische Handels- bzw. Kolonialmächte mit ihren Produkten nach Afrika und verdrängten die heimischen Textilerzeugnisse geradezu gewaltsam. Dass das österreichische Kaiserreich selbst keine Kolonien okkupierte, ändert nichts am kolonialen Verhalten seiner Geschäftsleute. »Durch Iretis Präsenz konnten wir zeigen, wie koloniale Wertesysteme fortbestehen: ›Made in Nigeria‹ wird immer noch abgewertet, auch wenn sich das gerade beginnt zu verändern«, stellt die nigerianische Filmmacherin Chioma Onyenwe fest.

Sicherer Raum für Begegnung
Eine Besonderheit von »Stoff« ist, dass der Film nicht nur einfach Interviews mit Menschen, die in der Textilerzeugung tätig waren/sind, oder in Österreich lebenden People of Colour zeigt, sondern die Personen mittels Soziodrama in eine spezielle, intensive Art des Austauschs bringt. Im Soziodrama übernehmen Darsteller*innen Rollen realer Figuren (z. B. Angehörige eines aus Vorarlberg stammenden Textilfabrikanten, der im 19. Jahrhundert in die USA auswanderte, um dort mit Baumwolle zu handeln; die Familie besaß sowohl ein stattliches Anwesen als auch Sklav*innen), aber auch Rollen wie »das Kapital« oder »die Baumwolle«. Dazu erläutert Annette Baldauf: »Wir suchten eine Möglichkeit, Gewalt anzusprechen, ohne sie zu reproduzieren. Klassische Interviews hätten uns in problematische Gespräche geführt. Soziodrama bot einen sicheren Raum, in dem verschiedene Gruppen dieser Geschichte begegnen konnten.«
P.S.: »Stoff – Ein Spitzengeschäft« ist unter anderem im Stadtkino Wien zu sehen, auch in Screenings mit anschließendem Q&A bzw. Diskussion mit den Regisseurinnen, Protagonist*innen und anderen Beteiligten.
P.P.S.: Falls ihr nach Lagos und Umgebung kommen solltet: Unbedingt über Nigerian Fashion informieren und den Lace Market besuchen, ist sehr spannend.
P.P.P.S.: Die Zitate von Annette Baldauf, Katharina Weingartner und Chioma Onyenwe stammen aus einem Interview der Regisseurinnen mit Karin Schiefer.











