Zelimir Zilnik

Seine Filme sind Momentaufnahmen über Veränderungen, über das Leben im Transit und reflektieren die Situation Serbiens seit dem Zweiten Weltkrieg genauso wie die persönlichen Schicksale der Protagonisten als imaginärer oder realer Teil (mikro-)gesellschaftlicher Zusammenhänge. Im Laufe der Jahre hat Zilnik einen Stil entwickelt, der die „Cinema Verité“ und den Autorenfilm mit einer heftigen Portion Dokumentation bereichert: Geschichten werden anhand von Einzel- oder Gruppenschicksalen erzählt, die Protagonisten werden in reale Situationen geworfen. Zilnik berichtet über das Fremdsein im eigenen Land, über Emigration, Exil und die vielzitierten „kleinen Leute“ und nennt das Ganze „Doku-Drama“.

Gefeiert und gehetzt, mit internationalen Aufzeichnungen überhäuft, wurde er zuerst aus Serbien und später aus Deutschland ausgewiesen. Dissident in den jeweiligen Ländern, beging er Tabubrüche mittels Dechiffrierung sozialer Verhältnisse, arbeitete mit ironischem Witz und Parodien, die „Radio Eriwan“-Qualitäten haben und ist ein Vortragender, der sich auf sozialpolitischen Themen wie ein Kampfhund in pawlow’scher Manier festbeißt.

In seinen Doku-Dramen lässt Zilnik seine Helden durch Szenen laufen, die so normal und alltäglich sind, dass es beinahe schmerzt („Marketpeople“, 1977; „Vera i Erizka“, 1981). Dann wieder sind es Revolutionen und Demonstrationen, die das Hintergrundambiente liefern für tragische Liebesgeschichten („Hot Paychecks“, 1987; „Throwing off the yalks of bondage“, 1997), sexuelle Ausschweifungen und „abnormale“ Praktiken („Marble Ass“, 1995). Und schließlich Roadmovies („Wanderlust“, 1988; „Old Timer“, 1989; „Fortress Europe“, 2001; „Kennedy is coming back home“, 2003), schon mit Verfolgungsfahrten quer durch Europa nur in dem Wissen, dass die Szenen, die Grenzbeamten, die Polizisten und die Knarren echt sind. Die Narration, wenn auch vielschichtig, bleibt meist relativ stringent, Bruce Conner, Maurice Pialat und „Dogma 95“ sind Anknüpfungspunkte. In seiner Filmografie ist von „Feature Filmen“ und von Dokumentationen die Rede: Derartiges kann nur Hilfsbestimmung sein, denn, so Zilnik: „Die Schicksale der Leute sind das interessante. Nicht aus einer voyeuristischen Haltung heraus, sondern um zu zeigen: Er ist wie du. Du bist wie ich. In Jugoslawien und Serbien ist die Realität weit spannender als jede Fiktion.“

Zilniks Schaffen hat mehrere Phasen durchgemacht. Eine der allerersten Dokus, „The Unemployed“, wurde 1968 mit dem Grand Prix beim Oberhausener Kurzfilmfestival ausgezeichnet, ein Jahr später, bei der „Jugoslawischen Woche“, räumte Zilnik in Oberhausen mit „Early Works“ sensationell ab und erhielt den „Goldenen Bären“ Berlins. Da war er gerade 27. „Early Works“, gleichzeitig als Inspiration und später in so konstituierenden Filmen wie „Crni Film/ Der schwarze Film“ (1971) widerlegende kinematografische Beschäftigung mit Politik, wurde zu einer Blaupause einer „anderen“ Sichtweise auf die folgenschweren Jahre nach 1968. Für diese Filme stand Karpo Acimovic-Godina hinter der Kamera. Daraus entwickelte sich eine Zusammenarbeit über Jahrzehnte hinweg. Als leidenschaftlicher Kinogänger wollte sich Tito in Berlin den Film nicht entgehen lassen. Immerhin wollte man ja informiert sein über jenen jungen Filmemacher, der da in der „wichtigsten aller Künste“ so für Furore sorgte. Zilnik: „Am nächsten Morgen kam ein Funktionär und sagte, Tito sei sehr aufgebracht gewesen, er hätte nach einer Viertelstunde den Film stoppen lassen und gefragt »Was wollen diese Idioten?«“

Der Protagonistin namens Jugoslava wurde besondere Weltfremdheit vorgeworfen. Was war geschehen? Ihr Sprechtext war unerkannt geblieben, dabei war er aus dem „Kommunistischen Manifest“ und der Briefkorrespondenz zwischen Marx und Arnold Ruge zusammenmontiert worden. Dieses „know your enemy“ als politisch brisant aufgeladene Manifestation, als ironische Entlarvung der Parolen als Nonsens, noch dazu in einer „devianten“ Auseinandersetzung mit Sexualität, zeigte nachdrücklich das divergente Interpretationsfeld auf, in dem sich Zilnik fortan bewegen sollte. Indes Divergenzen sind – wie könnte es anders sein in einem modellhaften Vielvölkerstaat wie Jugoslawien – paradigmatisch. Weder den Hardliner-Doktrinen aus Moskau folgend noch wirklich gen Westen gewandt, war Jugoslawien Ende der 60er Jahre ein kreatives Pulverfass mit Serbien als Zündschnur. Werke wie Zilniks „Schwarzer Film“ oder Dusan Makavejevs „WR: Mysteries of the organism“ setzten als von der Polizei so genannte „Schwarze Welle“ heftige Kontroversen in Gang, die mit der Inhaftierung von Lazar Stojanovic wegen „Plastic Jesus“ einen der Höhepunkte fanden. Die Filmemacher dagegen sprachen vom „Neuen Jugoslawischen Film“. Die vormaligen Kreativzellen, wohlorganisiert als Ciné-Clubs in Belgrad, Nis, Novi Sad und anderen Städten lösten sich auf und die Mitglieder verschlug es in aller Herren Länder. Zelimir Zilnik versuchte sein Glück in Deutschland. Jugoslawien war ja ein offenes Land, man konnte reisen.

Mit Filmen wie „Öffentliche Hinrichtung“ über die RAF-Aktivitäten 1974 rüttelte er erneut das schlummernde Sozialgewissen auf. Polizeiliches Dokumentationsmaterial war so geschnitten worden, dass die FSK dem „Ausländer Zilnik“ Sendeverbot erteilte und der Film erst 1997 uraufgeführt werden konnte. Mittlerweile hatte Zilnik das Medium Fernsehen für sich entdeckt. „Das Fernsehen ist ein gutes Medium. Man erreicht sehr viele Menschen, ohne dass eine Bildungsstätte dazwischen geschaltet ist. So sehr mich das Kino interessiert, finde ich Fernseh-Filme viel direkter. Wem soll man mehr trauen: einem Kinobild oder einem TV-Bild? Die Leute kennen aus den Nachrichten die Ästhetik der Dokumentationen und daher ist es leichter, dort eine inszenierte Dokumentation so zu gestalten, dass man sich nachher fragt: Ist das wirklich so? Es gibt nicht „die“ Wirklichkeit, aber ich glaube, dass man Menschen sensibilisieren kann für bestimmte Themen damit sie bereit werden, Verantwortung zu übernehmen“.

1976: Wieder zurück in Jugoslawien. Nach dem Tode Titos 1980 ging für Zilnik einiges besser, wenn auch nicht leichter. Politisches Tauwetter war angebrochen, für Zilnik eine Zeit der Freiheit, vergleichbar mit der Ende der 60er Jahre und abgelöst von der „Nomenklatura“ serbischer Nationalisten zugunsten eines diktatorischen Regimes. International ausgezeichnete TV-Produktionen wie „The Injury and Recovery of Buda Brakus“ (1981) und „Brooklyn-Gusinje“ (1988) waren daraus folgende Verortungen der Partikel mikropolitischen Zusammenlebens zwischen dominanten und marginalen Ethnien.

„Brooklyn-Gusinje“ wurde an der Grenze zwischen dem Kosovo und Albanien gedreht. „Ich wollte wissen, wie Albaner, die bei den Serben einen sehr schlechten Ruf haben, leben. Denn ich kann mich erinnern, dass sie zu meiner Schulzeit als sehr vertrauenswürdig gegolten hatten. Ich wollte zeigen, dass sie genauso normal leben und arbeiten wie wir Serben.“ Endlich hatte man die Gelegenheit, zu sehen, wie es bei den Nachbarn so zuging. „Sogar im alten Jugoslawien kannte man sich ethnisch aufgrund der Mosaikhaftigkeit des Staates nur oberflächlich.“ Nach der Implosion des Landes wurden diese Tendenzen noch verstärkt, genährt durch nationalistische Ressentiments.

1993 gründete Zilnik zusammen mit seinem Filmkollegen Sarita Matijevic die Film- und Vertriebsgesellschaft „Teresianum bt“ in Budapest. Daneben fungieren die von ihm gegründeten Gesellschaften Terra Film und Low Budget Productions in Novi Sad als weitere Knoten im sich immer mehr auch international etablierenden Netzwerk ex-jugoslawischen Filmschaffens.

Zeit: 1994. Ort: Belgrad. Plot: Tito unter den Serben. Mit seinem von Radio B92 mitgetragenen Feature-Film „Tito’s second time amongst the Serbs“ erreichte Zilnik einmal mehr unerhörte Popularität. Hier wurden Zilniks soziopolitische Ansätze, gepaart mit Ironie und Feinfühligkeit, auf den Punkt gebracht. Der alte Glanz, zum Anfassen. Das Konzept einfach. Ein Schauspieler mimt in den Straßen Belgrads in den signifikanten Posen und der Uniform des Marschalls, sprücheschwingend. Der Mummenschanz wird nie in Frage gestellt, nur allzu gerne werden die Passanten schließlich ihre Kommentare los. Der Schauspieler erkundigt sich nach einem, „wie heißt er denn gleich, ein gewisser Milosevic. Macht er seine Sache gut? Wer kann mir etwas über ihn erzählen?“ In einer kinematografischen „Die Frage zum Tag“-Ästhetik werden so in einer politisch brisanten Situation soziologische Feldstudien betrieben, die tief in die Befindlichkeit der Menschen eindringen und am Ende für Befreiung sorgen, oder, so wie eine alte Frau, nachdem ihr „Tito“ eine Rose geschenkt hat, gerührt feststellt: „Dass Sie 14 Jahre lang tot waren, merkt man Ihnen gar nicht an“…

Zilniks neuer Film, „Kennedy is coming back home“, ist eben fertiggestellt worden. Darin wird das Schicksal einer praktisch über Nacht aus Deutschland abgeschobenen Gastarbeiterfamilie gezeigt, die wie so viele andere versucht hatten, ihre Lebensumstände zu verbessern und daran gescheitert waren. Die „Festung Europa“ steht trutzig im Winde und prüft vorher genau, wen sie durch ihre Tore hindurchlässt. „Man wird sehen, wie sich die ehemaligen Klassenfeinde Ost und West durch die Erweiterung der EU aufführen werden. Bisher ist „Europa“ ein Konstrukt einiger Weniger.“ Und Zilnik schiebt nach, und man sieht förmlich, wie das eine Auge weint und das andere lacht: „Diese Entwicklungen werden mir auf jeden Fall sehr viele neue Stoffe für meine Filme liefern…“

Links:
http://www.geocities.com/zilnik_zelimir/index.htm
http://www.novisad.com/zilnik
http://www.wsws.org/de/2001/jul2001/zil2-j12.shtml
Diagonale
Parallel zur Diagonale sind diverse Publikationen erschienen, u.a. der Katalog „Above the Red Dust“, Herausgeber: Za Film, Filminstitut Belgrad, 2003. Mit Beiträgen u.a. von Goran Gocic und Miroljub Stojanivic.
Slowakische Gruppe Pozitiv