Viennale - So retro and so future

Mit der neuen Programmschiene „Propositions“, Filmlectures, Tributes für Lauren Bacall und Amos Vogel sowie Special Programs zu Jean-Pierre Gorin und Koreeda Hirokazu samt umfangreichem Hauptprogramm präsentiert sich die diesjährige Viennale vom 15. bis 27. Oktober. Im Österreichischem Filmmuseum (1.-31.10.) findet die große Retrospektive „Die Früchte des Zorns und der Zärtlichkeit“ statt, die dem Werk des Filmemacherpaares Jean-Marie Straub und Daniele Huillet gewidmet ist; dazu werden 25 vom Filmemacherduo ausgewählte Filme von John Ford gezeigt.

Eine 40.000 Jahre alte Hundezeichnung von den Felsen der Sahara soll die „feine Schnauze“ symbolisieren, mit der man sich auf die Fährte macht und interessante Dinge findet (H. Hurch) – diese dient als diesjähriges Plakatsujet.

Eine ebensolche bewies der aus Wien stammende Vermittler und Filmpublizist Amos Vogel („Film als subversive Kunst“), der in den 1930er Jahren in die USA emigrieren musste. Dort gründete er 1947 mit seiner Frau Marcia – angeregt durch die Avantgardefilmvorführungen, die die Filmemacherin Maya Deren Mitte der 40er Jahre organisierte, sowie nach dem Vorbild europäischer Filmclubs der 20er und 30er Jahre – den Filmclub „Cinema 16“. Als Programm waren Experimental- und Dokumentar-, Spiel- und manchmal sogar wissenschaftliche Filme kombiniert  zu sehen – damit  betrat er auf amerikanischem Boden zumeist absolutes Neuland. Europäisches Kino (Bunuel, Bresson, Rossellini, Dreyer oder Vigo) war genauso präsent wie amerikanische Avantgardekünstler (Maya Deren, Stan Brakhage, Kenneth Anger oder Jonas Mekas) sowie erste Arbeiten junger Talente wie Roman Polanski, Francois Truffaut, Nagisa Oshima, Brian De Palma oder John Cassavetes.
 
„Propositions“, als Festival im Festival mit prominentem Abendtermin konzipiert, umfasst 12 ausgewählte Arbeiten (für jeden Tag des Festivals eine) mit der Hurch besondere, unabhängige Positionen der Gegenwartsproduktion hervorheben will. Dort beispielsweise zu sehen: „13 Lakes“ die neueste Landschaftsstudie von James Benning, „Bekleme odasi“ („Waiting Room“) des alten Viennale-Bekannten Zeki Demirkubuz, oder als Welturaufführung „Lettre a Jean-Luc“ von Jean-Pierre Gorin, dem ein diesjähriges Special gewidmet ist. Gorin war eine der prägenden Figuren der Pariser Filmszene während der Ereignisse vom Mai 1968. Gemeinsam mit Jean-Luc Godard gründete er die Gruppe Dziga Vertov und realisierte in Co-Regie mit ihm einige der einflussreichsten Arbeiten des politischen Kinos jener Jahre. Im Rahmen der neuen Viennale Reihe „Working Class“ wird er eine seiner berühmten Lectures halten. Ebenfalls wird in dieser Reihe „Dandelion“, das gelobte Regiedebüt von Mark Milgard, dem Gründer des Independent-Plattenlabels Lakeshore Records zu sehen sein.
 
Im Hauptprogramm gibt Olivier Assayas mit „Clean“ wieder einmal ein kräftiges Lebenszeichen von sich. Hong Kong-Superstar Maggie Cheung spielt eine ehemalige Moderatorin einer Musikvideo-Show, die mit einem Rockstar verheiratet und heroinsüchtig ist. Hans Weingartner erzählt in der deutsch/österreichischen Koproduktion „Die fetten Jahre sind vorbei“ von drei jungen Menschen in Berlin, die nicht mehr ans Demonstrieren glauben. Jean-Luc Godard führt uns mit „Notre Musique“ nach Sarajevo und Mostar. Weitere Höhepunkte: Lisandro Alonsos „Los muertos“, Neil Youngs Regieversuch „Greendale“ oder „Tropical Malady“ von Apichatpong Weerasethakul.
 
Im Kurzfilmprogramm werden zahlreiche Arbeiten des amerikanischen Filmemachers und Medienkünstlers Bill Morrison (dessen Arbeiten z.B. Bestandteil der ständigen Ausstellung des Museum of Modern Art sind) zu sehen sein.
 
Der 1962 geborene japanische Filmemacher Koreeda Hirokazu zählt seit einigen Jahren zu den ungewöhnlichsten  Regisseuren seines Landes. Sein Werkkatalog umfasst acht Filme, die alle in Wien zu sehen sein werden. Im Wettbewerb des diesjährigen Festivals von Cannes sorgte „Daremo Shiranai“ („Nobody Knows“) für eine nachhaltige Überraschung.
 
Sehr interessant ist der neue Dokumentarfilm von Raymond Depardon, der sich bei Gericht umsah, Musikfreunde sollten sich diese zwei Empfehlungen vormerken: die ungewöhnliche Doku „Metallica: Some Kind of Monster“ (eigentlich ist dieser Film eine Chronik von Metallicas Gruppentherapiesitzungen. Elektra zweifelte am Produkt, Metallica lösten den Film für 2 Millionen $ aus, gingen ins Studio und spielten „St.Anger“ ein, welches ihr  4. US-Nr.1-Album wurde, als es im Juni 2003 weltweit veröffentlicht wurde) sowie die Musikdokumentation „DIG!“. Acht Jahre (1995-2003) verfolgte der Filmemacher Ondi Timoner den Aufstieg und Rivalität der beiden amerikanischen Bands Brian Jonestown Massacre und der Dandy Warhols. Wie meinte in diesem Film ein A&R Manager treffend: „So retro and so future!“
 
Das Viennale-Programm im Netz: www.viennale.at