Filmstill »TraumaZone« © BBC

»TraumaZone«: Hier gibt es nichts zu sehen!

Wie der Zusammenbruch der Sozialismus zum Aufstieg Putins führte, zeigt Filmemacher Adam Curtis in einer siebenstündigen BBC-Dokumentation.

Der britische Filmemacher Adam Curtis hat eine neue Doku veröffentlicht: »TraumaZone« will in sieben jeweils einstündigen Teilen erzählen, wie es sich anfühlte, »während des Zusammenbruchs des Sozialismus zu leben«. Konkret geht es um den Zeitraum zwischen 1985 und 1999 – vom anbahnenden Ende der Sowjetunion über die Schattenwirtschaft der Perestroika und den Aufstieg der Oligarch*innen bis hin zum ideologischen Machtvakuum und dem Aufstieg von Putin. »TraumaZone« ist damit nichts anderes als eine »Anatomie des modernen Russlands«, wie Stuart Jeffries im »Guardian« schrieb.

Curtis baut seinen Take wie in all seinen Filmen in Montagen auf. Er benutzt BBC-Footage der letzten 35 Jahre. Man sieht Braunbären in belarussischen Wäldern. Frauen, die sich auf einen Schönheitswettbewerb vorbereiten, oder solche, die sich um ein paar Erdäpfel streiten. Er zeigt Afghanistan-Veteranen und Wissenschaftler, die in weißen Bäckerhauben durch das (noch nicht explodierte) Atomkraftwerk in Tschernobyl wandeln. Panzer fahren in Georgien auf, Paratruppen marschieren in Litauen ein. Gangster krallen sich fabrikneue Ladas vom Fließband. Curtis schneidet von Prostituierten in Polizeizellen zu sowjetischen Spaceshuttles und Menschen, die an nichts mehr glauben – nicht einmal an sich selbst.

Filmstill »TraumaZone« © BBC
Screen Grab from archive footage.,Screen Grab from archive footage,Screen Grab from archive footage

Nihilismus & Sozialismus

Wenn »TraumaZone« einen Punkt deutlich macht, ist es der Nihilismus, der innerhalb der letzten Jahre der Sowjetunion geherrscht hatte. Mitte der 1980er-Jahre war schließlich klar, dass der »realexistierende« Sozialismus gescheitert war. Das wusste nicht nur die Bevölkerung, sondern auch der Apparatschik des Kremls. Gorbatschow wollte den Kommunismus retten. Er führte die Perestroika ein – und schuf einen Schwarzmarkt. Während für Leute wie Boris Beresowski und Michail Chodorkowski der Rubel rollte, stand der Großteil der Bevölkerung vor leeren Regalen.

In seinem ewigschönen Büchlein »Kapitalistischer Realismus« zitiert Mark Fisher den »And so on, and so on«-Philosophen Slavoj Žižek. »Wer wusste denn nicht, dass der realexistierende Sozialismus schäbig und korrupt war? Nicht etwa die Bevölkerung, denen die Mängel allzu bewusst waren. Und es waren auch nicht die Funktionäre, die ja gar nicht anders konnten, als von den Mängeln zu wissen. Nein, es war lediglich der große Andere. Allein er wurde als jemand gesehen, der nicht über die Alltagsrealität des realexistierenden Sozialismus Bescheid wusste – und er durfte es auch nicht.«

Filmstill »TraumaZone« © BBC
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The bigger picture

Adam Curtis adressiert den »großen Anderen« nie direkt. Trotzdem steht er immer über den Bildern. In einer Szene aus dem Kreml folgt die Kamera einem Parteifunktionär, der eine Tür zu einem Büro öffnet. »Hier sehen sie, wie unsere Partei eifrig daran arbeitet, den Menschen zu …«. Er bricht ab, weil niemand im Zimmer zu sehen ist. »Sie sind bestimmt gerade in einem Meeting«, grinst er und schließt schnell die Türe.

Szenen wie diese machen klar, warum Curtis in »TraumaZone« im Vergleich zu seinen anderen Dokumentationen auf seine eigene Essay-Stimme verzichtet. Die Dokumentation zeigt nur eine Montage von Szenen – und die Untertitel, die der Filmemacher als Narrativ und zur Verortung des Gezeigten einblendet. Das funktioniert auch für Menschen, die keinen Doktortitel in Zeitgeschichte anstreben. »TraumaZone« erklärt den Scheißhaufen nicht, in dem wir aktuell hocken. Aber es versucht, uns ein Bild zu zeichnen, das größer ist als jenes, über das wir täglich in unseren Newsfeeds streichen.

Link: https://www.bbc.co.uk/programmes/p0d3hwl1