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Temp~ Electronic Music Festival, 11./12. 8. 2006, Strombauamt Greifenstein/NÖ.

A cool night after sunshine – Fr. 11. 8. 2006 (Philipp Waltner)

Zuerst ein kühles Bier an der benachbarten Donau und den Blick Richtung Sonnenuntergang. Perfekt, jetzt kann es los gehen. Aber behutsam bitte. Und das tut es. Der erste Live-Act vom Temp~Festival 2006 ist tr, ein fast schon klassischer Laptop-Musikant. Aus den Boxen der Open-Air-Bühne massieren wummende Basslines das Gedärm, angenehm, aber nicht aufregend. Trotzdem der richtige Start und wie sich später herausstellen wird, war das Line-Up von den Temp~Organisatoren sehr gut ausgeklügelt. Als nächstes auf der Hauptbühne: Mauf, ein Beatbox-Trio. Beeindruckend was alles mit drei Mikrophonen und der Stimme möglich ist. Mit Selbstironie und Interaktivität mit dem Publikum erzeugen Mauf die ersten Anzeichen von Partystimmung. Mit der Zeit waren mir Mauf dann etwas zu eintönig, also ab ins Zelt, zur Center-Stage. Hier frickelt Orjo herum, düsterer Sound zwischen Breakbeat und Techno. Mutige Breaks versetzt mit zerstückelten Gitarrensamples, das gefällt. Parallel dazu beginnen die Wiener von Dot.Matrix auf der Hauptbühne. Die kann ich mir nicht entgehen lassen. Dot.Matrix machen Sound mit dem Gameboy, das klingt jetzt nach verspieltem Nerdstuff. Aber halt! Die Truppe rund um Herbert Weixelbaum (Duo505) macht einen knarzig technoiden Sound, der so richtig nach vorne geht. Als Anspielung auf ihr Lo-Fi Gameboy-Instrumentarium steht auf der Visualwand: »Mikrofeine Musik wirkt!«. Das unterschreibe ich sofort, Dot.Matrix sind eine kleine und schöne Überraschung für mich. Noch während die Gameboy-Sounds hüpfen und drücken, gibt mir ein Freund einen Tipp: Andy Korg auf der Center-Stage, den darf man sich nicht entgehen lassen. Und er hat recht. Die Entdeckung der Nacht: Discoschrauber Andy Korg aus Linz, der als vitaler Poser die Anwesenden in Tanz-Ekstase versetzt. Bigbeat? Genau! Freche Discosamples? Jawohl! Große Show von Andy Korg. Als nächstes kommt Richard Raw und macht seinem Namen alle Ehre. Ein knochiges Minimal-Set, konsequent durchgezogen, vielleicht ein wenig zu konsequent und damit doch sehr brav. Fließender Übergang zur Open-Air-Bühne. Electric Indigo aka Susanne Kirchmayr kämpft mit technischen Problemen, der Laptop will nicht ganz. Sie schaut schon etwas verzweifelt drein, aber dann haut es endlich doch hin. Die große Technosause kann beginnen. Electric Indigo spielt einen sehr reifen Techno, man hört förmlich ihre jahrelange internationale Erfahrung. Flächige Melodieteppiche, stampfende Kicks und galoppierende Snares. Das ist richtig großer Sound, der direkt in den Körper fährt. Nach Electric Indigo ist der zweite arrivierte Act vom Freitag an der Reihe: I-Wolf. Diesmal ohne Band, beginnt er mit einem lauten Noisegewitter, viele Leute aus dem Publikum halten sich bereits die Ohren zu, bis der erleichternde dubbige Beat einsetzt. Fette, rollende Beats mit eingespielten Vocals, unter anderem von den großen Dälek. Man wünscht sich einen Live-MC, der das I-Wolf Konzert organischer machen würde. Zusammenfassend: Der erste Tag am Temp~Festival machte riesigen Spaß. Die Bandbreite ist groß. Viel neuer, guter Input!

After and before the rain – Sa. 12.8. (Alfred Pranzl)

Wen nicht die Neugier treibt, der lässt sich doch abschrecken vom schlechten Wetter, das das Temp~Festival am 2. Tag heimsuchte. Aber, aber: Halt eine Jacke mehr anziehen, kein Problem, und als kleine Belohnung zeigte sich die Witterung doch gnädig, als rechtzeitig zu Beginn der Regen aufhörte. Entschädigen tut dann auch der Blick auf den Stausee samt Donaukraftwerk Greifenstein. Erste und letzte Sonnenstrahlen blitzen aus den Wolken hervor: Eine großartige idyllische Kulisse – der Kranwagen im Kraftwerk vor gelbrot-dunklem Himmelhintergrund – tut sich auf. Mehr als ein Foto wert wäre dieses Ambiente.

Also, hinein in die tolle Strombauamt-Location. Und schon – es ist erst 20 Uhr – ereignen sich die nächsten, ersten Highlights. Vor Visuals, die das Spiel auf zwei Gitarren zeigen, und nur das, sind de.con vs. f733 (Netlabel Konkord) zugange. Sie brettern grad funky Basslines auf ihren Apple Powerbooks über einem housigen Melodieunterbett. Auch ein Vokalloop kickt: »Du gehst raus«. Minimal ist das schon auch, doch lugen die beiden Brillenträger eklektischerweise weit über den Tellerrand in die Popwelt hinaus. Gut so!

Im Zelt, das heute infolge der eher nassen Kühle die Open Air Stage ersetzt, kredenzt Peter Szely Bevorstehendes aus seinem im Herbst/Winter bei Mosz erscheinendem Zweitling. Unglaublich, wie das zwischendurch beatgeladen fetzt, und doch findet sich auch Elegisches im Live-Set. Hernach übernehmen Linkmen, vier Oberösterreicher. Die beiden Frontguys haben Käppis auf’m Kopf. Unverkennbar HipHop-Afficionados, die mit Körpereinsatz an Knöpfen drehen und Tasten drücken, und so eine teils darke Abstraktversion abliefern, die recht organisch in die Tanzbeine fährt. Darauf folgen: 78plus mit äußerst beschwingten Popsongs, die sie aus ihrem 78er-Schellack-Fundus neu schöpfen. Metalycée mit ultraharten Metalsamples, jedoch mit durchschimmernder Funkyness. Und TNT Jackson, die zunächst vom Soundmixer sehr aus der Fassung gebracht werden, aber am Schluss dann doch noch als Könige des keyboardlastigen Electropop reüssieren.

Gestern noch Open Air-Bühne, heute eingezeltet in ein Kleinformat Bühne, das sich Acts und Publikum teilen: Pocketpatrol beindruckten wie die DJs Mark Knochen oder Glow und doch will ich gleich das Auftakt-Duo herausheben: Die Schweizer Mize & die­_katse (Abbruchhaus) spielen so ne Art Techno Free Jazz. Den Sound bestimmt das EVI, ein Blassynthie, dem mit Zirkularatmung digdgeridoo-ähnliche, jedoch nicht so esoterisch klingende Töne entlockt werden. Der männliche Part hat dieses EVI vom Sun Ra Arkestra geschenkt bekommen, da er dieses schon seit Jahren als Soundmischer auf Touren begleitet. Von diesem Electronic Wind Instrument gibt es weltweit nur vier Exemplare und wie es den Sound des technoiden Live-Sets bestimmt hat, war echt ein Hit!

Zurück zur im Strombauamt situierten Club Stage. Meist regt dort advanced Minimal Techno zum Tanzen an (Live-Sets u.a. von Mes., Odd & Iroy). Spitzenklasse ist der Kroate Tristy Nesh, ein Meister des Electronic Minimal House bzw. Techno. Coole Synthmelodien, trockene Bässe, heftig, rrrockt. Okaye Visuals (diese auch noch zu rezensieren, würde den Rahmen sprengen).

Schlussendlich Wechsel in die Centar Stage (das große Zelt am Eingang), zum Headliner des Abends. Wipeout sind in Hochform und erweisen sich einmal mehr als tolle Live-Band mit entfesselter Bühnenshow. Was sich in zahlreichen Zugabeforderungen niederschlägt. Die Schleusen öffnen sich wieder: Um ca. 3 Uhr Mitfahrgelegenheit (Dank an Herbie Molin vom rhiz, wo am 13.8. noch eine Aftershow-Party stattfand) nach Wien bei strömendem Regen. Stört gar nicht, das Temp~Festival 2006 wird in bester Erinnerung bleiben.

http://www.temp-records.net/

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Text
Alfred Pranzl, Philipp Waltner

Veröffentlichung
23.08.2006

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