Alle Fotos © David Višnji?

SWANS, OFF Festival Katowice, 5.8.2012

Schönheit ist überbewertet. »To be kind« haucht Michael Gira mantrisch ins Mikrofon. Freundlich sein. Diese ersten Worte sind keine Worte, die man unbedingt mit seiner Person in Verbindung bringt. Swans live also. Das von Gira angeführte Projekt war nie begraben, der Sarg eher am Dachboden gelagert, um 2010 wieder geöffnet zu werden. Und so stehen sie am OFF Festival im polnischen Katowice genau dort wo sie hingehören, als großer Headliner auf der Hauptbühne.

Swans sind imposant, legen eine Größe an den Tag die sich durch brachiale Intensität definiert. Eine invertierte Druckwelle knallt hier auf das Publikum, anstatt weggeblasen zu werden wirkt das Klanggewitter wie ein Magnet, die Faszination steigt mit jeder Minute. Eine Fesselung aus der man nie wieder befreit werden möchte. Swans präsentieren sich als Orchester der Hölle, Gira persönlich als vom Leben gezeichneter Dirigent. Alle Augen auf der Bühne sind auf ihn gerichtet, man will ja nicht enttäuschen, nichts falsch machen. IMG_1148.jpgMan sieht, Swans sind Michael Gira, die Mitmusiker Ausführende seiner Ideen welche perfekt umgesetzt werden müssen. Sollte man aber des Dirigenten Gedanken nicht lesen können, so muss man sich böse Blicke und noch bösere Gesten von eben diesem gefallen lassen. Nicht nur einmal wandelt sich Giras Gesicht zu einem wutverzerrten Picasso, nicht nur einmal wird die Hand zur Faust in Richtung Rhythmuspartie geballt. In keinem Moment möchte man Plätze mit Thor Harris oder Phil Puleo wechseln. Nette Chefs sehen anders aus. Nette Bosse verlieren aber auch oft die Kontrolle über ihr Schaffen. Gira ist also ganz und gar böse. Er gibt den grantigen Existenzialisten den man sich insgeheim erwartet und gewünscht hat. Er mimt ihn nicht, für die Dauer des Konzertes ist er es. Immer wieder deutet er den Jungspunden an Schlagwerk und Bass »schneller, lauter, mehr, mehr, mehr!«. Die Miene vor Wut zerfurcht. Der Urschwan Norman Westberg an der Gitarre beobachtet das ganze mit stoischem Blick, man will den Kollegen nicht verärgern. Die stetig ansteigende Lautstärke spiegelt den aktuellen Gemütszustand Giras. Die Swans sind im für sie bekannten Element. Hat Thurston Moore am Vortag noch die Apokalypse angekündigt, stellte sich in diesem Moment heraus, dass unter Garantie nicht Iggy und seine Stooges gemeint gewesen sein können.  

Gira schreit, schwitzt, schüttelt sich, geißelt sich. Gira ohrfeigt sich selbst. »I’m a Coward, put your knife in me«. Mit »Coward« wird die erste und einzige Nummer aus der Ära vor der Ruhigstellung der Swans gespielt. Wobei spielen der falsche Ausdruck zu sein scheint, »Coward« vom »Holy Money«-Album wird aufgeführt, zelebriert. IMG_9442.jpgImmer wieder knallt Giras Hand gegen sein Gesicht. »I?m worthless, I love you«. Die Schönheit eines Schwans ist also tatsächlich nicht das, was man auf den ersten Blick sieht. Hässlichkeit fasziniert.  Haben sich die Swans zu Beginn noch einen Proberaum mit Sonic Youth geteilt, bleibt es 2012 bei dieser Gemeinsamkeit. Während die Berufsjugendlichen um Kim Gordon immer mehr Richtung popige Belanglosigkeit gewandert sind, klingt das, bis auf eine Ausnahme ausschließlich aus neuen Stücken zusammengesetzte, Live-Set der Schwäne nach Passion und perfektem musikalischem Handwerk. Sie sind laut, jedoch kilometerweit von Lärm entfernt. Jegliche Gitarrendrescherei ist perfekt platziert, jeder Trommelschlag ein unentbehrliches Detail im Klangbild. Der repetitive Sprechgesang ist große Poesie. Nicht umsonst behauptet Michael Gira von sich selbst, einer der größten Perfektionisten in der Musikwelt zu sein.

Immer wieder muss man sich in Erinnerung rufen, dass man hier auf einem großen Open Air ist. Einem Festival sogar. Das Publikum wohnt nach wie vor einem immer mehr zum Aufsehen erregenden Schauspiel mutierendem Konzert bei. Die vorgesehene Spielzeit wird maßlos überzogen, ein Mitglied der Backstagecrew will dem ganzen ein abruptes Ende setzen. Nicht mit Michael Gira, der sich mit diesem Störenfried anlegt, es fast zu Handgreiflichkeiten treibt. Die Masse jubelt, Gira lässt sich feiern und bringt das dunkle Spektakel langsam zu einem Abschluss. Und siehe da, er kann es doch – ein Lächeln in diesem gezeichneten Gesicht.

Swans. Am 28. November in der Arena Wien.