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Scout Niblett`s Nirvana – 8.11.2005, B72

Manchen unter euch dürfte der Name ein Begriff sein, vielleicht auch nur weil Scout Niblett diesen Sommer im Vorprogramm der Kills in Wien zu Gast war. Schon damals hätte ich Scout am liebsten mit nach Hause genommen: Und ihr zu essen gegeben und sie in einen flauschigen Pyjama gesteckt, um sie mit einem übergroßen Teddybär zu Bett zu bringen und ihr beim Einschlafen zu versichern, dass alles, wirklich alles, wieder gut wird. Musik die mich an eine eiskalte Treppe denken lässt, auf der du sitzt, verloren, vor einem schäbigen Konzertsaal, aus dem laute Punkmusik dringt. Es ist kalt, vor dir liegen Zigarrettenstummel, du siehst Fußabdrücke, Glasscherben und eine Flasche undefinierbaren Fusels im kalten Neonlicht. Du möchtest allein sein, vielleicht auch nicht, am liebsten tot. Scout Nibletts in leisen Momenten, wenn sie nicht ihren Weltschmerz hinausschreit. Tut sie es, möchte man selbst gerne auf der Bühne stehen, denn es wirkt nicht lächerlich, wenn sich da oben jemand die Seele aus dem Leib kreischt – da herunten würde man sich blöd vorkommen.

Vielleicht verstärkt auch der intime Rahmen des B72 diesen Effekt, man kann sich der Intensität eines Auftritts schwer entziehen wenn man nur einen Meter von der Band entfernt steht … Ja, man will Scout Niblett wirklich in den Arm nehmen.

Aber das würde nur stören, sie und Todd Trainer, der Drummer, wirken manchmal wirklich als wären sie ganz weit weg. Überhaupt, Hilfe, ich kenne diese Frau überhaupt nicht, vielleicht ist sie in Wirklichkeit furchtbar, ich weiß nicht, anstrengend zum Beispiel!

Ich bin nur Zuseher, aber jemand, der den Mut bewundert so groß zu sein, groß genug, um auf offener Bühne zuzugeben, dass man doch nur ein kleiner Hanswurst ist.

In all unsrer Coolness, in all der zur Schau gestellten Künstlichkeit habe ich ein Bekenntnis wie dieses lange vermisst. Weder ein noch so gutes Styling, noch eine perfekt zur Schau gestellte Nerdigkeit kann verhindern, dass dir jemand weh tut. Scheiß auf die »Ich-AG«, scheiß auf die »Hochglanz- Magersucht«: Da stehen Gestalten wie du und ich im Rampenlicht und werden unsagbar schön in ihrer Verletzlichkeit. Machen großartige Musik, weil sie wütend sind, weil sie verletzt wurden, weil nichts perfekt ist.

Eben diese Momente sind es die Leute dazu bringen, eine Band zu gründen, um endlich sie selbst zu sein, was auch immer das ist. The spirit of Punk, the spirit of drei Akkorde, the Spirit of Nirvana smells like Scout Niblett. Das hat wohl auch Steve Albini in Scout Niblett gesehen, der ihr letztes Album »Kidnapped by Neptune« produziert hat.

Nicht, dass ihr mich missversteht: Ich will hier keinen Retro-Trend heraufbeschwören, kein Revival mit schlechten Dreads und Holzfällerhemden, keinen trotzigen Narzissmus. Ich rede von Verletzlichkeit, nicht Wehleidigkeit: Ein Unterschied wie zwischen Pearl Jam und Nirvana. Und ich rede von Ironie: Wie sonst ist es zu verstehen, wenn Scout Niblett auf der Bühne steht und der Satz »We all gonna die« klingt wie ein fröhliches Kinderlied? Alles was ich will ist mehr von diesen Konzerten, mehr Leute, die mir zeigen, dass ich nicht alleine bin in meiner Unperfektheit. Ich will, dass jemand kommt, der den Arm um mich legt, wenn ich allein auf einer dreckigen Treppe sitze. Dann können wir gemeinsam Scout Niblett hören.

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Text
Sanna Samsara

Veröffentlichung
11.11.2005

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