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Red Lotus – Zeitgenössisches asiatisches Kino in Wien

Von 12. bis 15. Mai 2022 findet im Wiener Stadtkino im Künstlerhaus erstmals das Red Lotus Festival für asiatisches Kino statt. Ein unvollständiger Streifzug durch ein erlesenes Programm.

Obwohl der Lotus in unseren Breiten eher als Chiffre für Ostasien steht, wird beim Red Lotus Filmfestival zum Glück nicht der Fehler gemacht, »Asien« auf das fernöstliche Klischee zu verkleinern. Vielmehr hat das Veranstalterduo – »ray«-Herausgeber Andreas Ungerböck und Viennale-Programmleiterin Katja Wiederspahn – Filme zwischen Teheran und Osaka gewählt. Das Programm hat den Anspruch, »das populäre asiatische Kino als lebendige, funkelnde Massenkultur« zu feiern, wie es in der Festivalbeschreibung heißt. Und das gelingt, insofern die Filmauswahl beweist, was hiesige Fans des asiatischen Kinos freilich schon längst wissen: dass die feinen Unterschiede zum europäischen und US-amerikanischen Kino in ästhetischer wie narrativer Hinsicht nicht nur hochgradig spannend sind, sondern zuweilen sogar eine verloren geglaubte Kinomagie wieder hochleben lassen können.

Von Fischen, Konfuzianismus und Macht

Die im südkoreanischen Film tradierte Kunst, Genres so organisch zu mixen, dass der Plot zwar heftige Wendungen bietet, nie aber aufgesetzt wirkt, kennen wir etwa von Bong Joon-ho (»The Host«, »Parasite«) oder von Park Chan-wook (»Old Boy«, »Durst«). Auch der auf sehr erfolgreiche Historiendramen gebuchte Regisseur Lee Joon-ik (»The King and the Clown«) erfüllt eben das in seinem neuen Film »Book of Fish« (2021). Aber mit einer besonders eigenwilligen Zartheit, die über freundliche Verführung funktioniert. Das betrifft nicht nur die wunderschöne Schwarz-Weiß-Kinematografie, sondern auch die federleichte Figurenzeichnung – und den spielerischen Score, der zuweilen an US-Blockbusterkino erinnert.

Es geht um den Gelehrten Chung Yak-jeon im Korea des Jahres 1801. Er wird nach einem Machtwechsel ins Exil auf eine Insel verbannt, weil er verbotenen westlichen Lehren anhängt. Auf der Insel trifft er auf den zunächst unfreundlich gesinnten jungen Fischer und Konfuzianismus-Fan Chang-dae. Als der Gelehrte beschließt, eine erste Enzyklopädie über Meereskreaturen zu schreiben, entspinnt sich eine Freundschaft zwischen den beiden Männern.

So herzerwärmend und witzig »Book of Fish« loslegt, so ernsthaft und präzise entspinnt sich dann doch ein kritisches Historiendrama um den Kontrast von Aufklärung und politischen Realitäten in einem feudal-patriarchalen Korea am Beginn der 19. Jahrhundert. Dazu gibt es viele tolle Aufnahmen von Landschaften und seltsamen Fischen.

Schönheit und Elend der urbanen Globalisierung

»Come & Go« (2022) von Lim Kah Wai bildet den Abschluss einer filmischen Trilogie um die japanische Hafenstadt Osaka. Das Großstadtmosaik hebt mit fröhlich-groovigem Sound und lichtdurchfluteten Bildern an, zeigt aber nach und nach jene »verwaltete Welt« (Adorno) eines kapitalistischen Zentrums, die insbesondere »Fremde« ohnmächtig einpfercht zwischen bürokratischen Regularien, Ausbeutung und der Enge einer sterilen Metropole.

Wir begleiten in lose verwobenen Episoden u. a. einen vietnamesischen Arbeitsmigranten, koreanische Sexarbeiterinnen, einen chinesischen Touristen, eine taiwanesische Studentin, einen malaysischen Geschäftsmann. Verbunden werden die einzelnen Episoden nur durch die immer wieder erschallende TV-Berichterstattung über den Fund eines Skeletts in einer dicht bewohnten Gegend – ein kleiner Crime-Plot, der die Vignetten begleitet, als Metapher für den schnellen Wandel, die Zersplitterung sozialer Bande und die Vereinsamung in der Großstadt.

Lim Kah Wai verzichtet auf jegliches Moralisieren. Die präzisen Porträts seiner Figuren sind getragen von einer empathischen Distanz, die immer luftdurchflutet und schön wirkt, zugleich aber streng darauf bedacht bleibt, einzufangen, dass es sich hier um nur einen geteilten urbanen Raum handelt – was die einfache Distanznahme auf eine produktive Art wiederum unterläuft. In anderen Worten: Atmosphärisch tilgt »Come & Go« die Fragmentierung der modernen urbanen Lebensrealitäten, ohne dass diese inhaltlich geleugnet würde.

Neo-Noir aus China

Es gibt viel Regen in »Back to the Wharf« (2020), dem dritten Langfilm des chinesischen Regisseurs Li Xiaofeng. Und auch das nächtliche Blaulichtgeschmetter, die ernsten Mienen und überhaupt der düstere Sog drehen die Stimmung auf Film Noir. Es geht um den beschädigten Antihelden Song Hao, der mit einem bösen Geheimnis zum Ort seiner Kindheit zurückkehrt. Dort trifft er nicht nur auf einen zum Immobilienhai gewordenen Jugendfreund, sondern auch auf eine hartnäckig um ihn buhlende Ex-Schulkollegin. Kurz keimt Glück. Aber die Vergangenheit ruht nicht, auch nicht in der sich rasend schnell modernisierenden, hyperautoritären Volksrepublik. Und so wird ein altes Verbrechen, das aus einem Mix von fehlgeleitetem Ehrgeiz und blöden Zufällen passierte, dem Antihelden zum Verhängnis.

Im Rahmen einer knappen Figurenkonstellation zeigt dieses Thriller-Drama, worüber das offizielle China schweigen möchte: Korrupte Staatsgewalt, skrupellose Aufsteigertypen und ein zwischenmenschliches Leben, das von Konkurrenzdruck, Verrohung und Vereinsamung geprägt ist. Der Genre-Blick ermöglicht Kritik. Ein unaufdringlicher, aber sich subtil wandelnder Score begleitet den langsamen Spannungsaufbau und die Wendungen des Plots.

Die chinesische Zensur ist bekanntlich ziemlich fokussiert auf Filme. Ein absurdes Beispiel dafür war die letzte Szene von David Finchers »Fight Club« (1999): Diese zeigt bekanntlich zahlreiche Explosionen in einem Business District, verursacht von dem fehlgeleiteten Anarcho-Männerbund »Operation Chaos« um Tyler Durden. Der chinesische Streamingdienst Tencent Video hat dem Kultfilm dieses Ende einfach genommen und stattdessen ein bizarres Nachwort eingeblendet, das versichert, die Terroristen seien gefasst und die Ordnung sei wieder hergestellt worden. Nach einem kritischen Aufschrei vieler Nutzer*innen über diese bizarre Verstümmelung, ist der Film nun wieder zur Gänze zu sehen.

Das Ende von »Back to the Wharf« erinnert ein wenig an diese Zensur-Farce. Denn auch hier endet es mit einer Texttafel, die von Verhaftungen erzählt und eine solche Wiederherstellung der Ordnung suggeriert. Es kann nur spekuliert werden, ob dieses Nachwort tatsächlich ein Zugeständnis an die Zensurbehörde ist. Jedenfalls lässt sich die triste Ausweglosigkeit des Erzählten nicht wegwischen durch die beruhigenden Schlusssätze. Mehr noch: Sie wirken sogar wie ein ironischer Kommentar auf die verordnete Harmonie eines autoritären Regimes.

Adrenalin und Kritik

Gesellschaftskritische Impulse qua Genre bietet auch der iranische Polizei-Thriller »Just 6.5« (2019). Polizist Samad verfolgt den Teheraner Drogenboss Nasser Khakzad mit Verbissenheit und Brutalität. Nach einer riesigen Razzia, deren Verhaftungen ein überfülltes Gefängnis zur Folge haben, kann der Polizist gemeinsam mit seinem Kollegen Hamid schließlich die Adresse von Khakzad ausmachen. Dessen Verhaftung ist dann aber erst der Auftakt zu einem nervenaufreibenden Katz-und-Maus-Spiel.

Der zweite Langfilm des jungen Regisseurs Saeed Roustayi ist atemlos inszeniert, sowohl hinsichtlich der Dialoge wie auch der Actionszenen. Die Spannung verdankt sich mehrerer, perfekt abgestimmter Elemente: Erstens einer kongenialen Schnittsetzung, die insbesondere bei Verfolgungsjagden und bei den hektischen Gefängnisszenen ihre ganze Sogwirkung entfaltet; zweitens der großartigen schauspielerischen Performance der beiden Antagonisten und schließlich drittens der inhaltlichen Kompromisslosigkeit, mit der die Polizeigewalt gegen Süchtige und Dealer*innen in der islamistischen Diktatur dargestellt wird, ohne dass darunter der ständig überraschende Crime-Plot leiden würde. Roustayi schafft es, dass Drogenabhängigkeit durchgehend als gesellschaftliches Problem sichtbar bleibt und nicht auf das herkömmliche Polizei-vs.-Verbrecher-Schema eingestampft wird.

Durch den spannend inszenierten innerbehördlichen Schlagabtausch sickert zudem ein schonungsloses Bild von der paranoiden Struktur eines stumpfsinnigen, faschistoiden Polizeiapparats – wo der eben noch brutal ermittelnde Beamte auch schnell mal neben die zusammengepferchten Junkies gehandschellt wird, wenn ein »Verdacht« gegen ihn aufkommt.

Triumph des Sinnlichen

In »Love after Love« (2020), dem neuen Film von Meister-Regisseurin Ann Hui (»Boat People«, »Tao Jie – Ein einfaches Leben«), triumphiert sinnliches Kino in jeder Szene über den melodramatischen Plot um eine herabsinkende Elite im Hongkong der 1930er-Jahre. Ob in dämmrigen Zimmern, im sattgrünen Garten oder in den Nebelschwaden der subtropischen Hügel – die Lichtstimmungen und Farbkompositionen sind derart satt und schön, dass dem gesamten Film etwas traumhaft Entrücktes anhaftet.

Die junge Ge Weilong aus Shanghai kommt nach Hong Kong, um auf dem Anwesen ihrer Tante Liang zu wohnen. Sie erhofft sich eine bessere Zukunft als in der Einflusssphäre ihres konservativen Vaters. Doch das Leben der Tante erweist sich schnell als ein einziges Spiel um elitäre Etiketten und dekadente Intrigen. Ihre relative Unabhängigkeit scheint einem schelmischen Umgang mit Gerüchten und einem instrumentellen Zugang zu Lust abgetrotzt zu sein. Ähnliches gilt für den reichen Playboy George, der auf dem Anwesen verkehrt. Zu Letzterem entbrennt bald eine Liebe, die Ge Weilong in den Abgrund zu ziehen droht und von der Tante ausgenutzt wird.

Die Arbeit von »Chungking Express«-Kameramann Christopher Doyle erweist sich als perfekt für das entschleunigte Tempo von Ann Huis Erzählweise. Dazu kommt ein großartiger Soundtrack von dem Musik-Tausendsassa Ryuichi Sakamoto. Aber die Sinnlichkeit ist kein reiner Selbstzweck, sondern passt zu der fadenscheinigen Aura patriarchaler Codes sowie zu dem Zwang der jungen Protagonistin, ihr Begehren nach Maßgabe eines bröckelnden Regelwerkes zu verwalten.

Neben »Love after Love« zeigt das Festival mit »Keep Rolling« (2022) auch ein dokumentarisches Portrait von Ann Hui, das ihre Biografie mit der Geschichte von Hong Kong und seinem Kino verwebt. Darin lernen wir eine Frau kennen, die sich nicht nur in einer arg männerdominierten Umwelt durchgesetzt hat, sondern sich auch durchwegs jene sinnliche Sensibilität bewahrt hat, die ihr Kino auszeichnet.

Das Red Lotus Filmfestival – das heuer insgesamt dreizehn Filme zeigt – soll zum festen Bestandteil der Wiener Festivalkultur werden. Eine stete Erweiterung des Programms ist geplant, etwa hinsichtlich regionaler Schwerpunktsetzungen oder Hommagen an asiatische Kinopersönlichkeiten. Bereits in diesem Jahr wird ein erster »Lifetime Achievement Award« vergeben. Er geht an den Hongkonger Schauspielstar Chow Yun-fat, bekannt aus John Woos »A Better Tomorrow«-Trilogie und international bekannt seit seiner Rolle als Schwertmeister Li Mu-bai in Ang Lees Oscar-prämiertem »Tigers and Dragons« (2000). Eine Wahl, die den Festivalanspruch, Popularität und Qualität zu verbinden, unterstreicht.

Link: https://red-lotus.org/