Picknick am Wegesrand - 22.09.2005 im Palais Donaustadt

Offener Raum bzw. die Möglichkeit, Kunst im selbigen darzustellen, ist das vorwiegende Thema des thatercombinats. Das Picknick am Wegesrand soll die vielschichtige Auseinandersetzung damit auf der musikalischen Front der österreichischen Musikszene erforschen und weitertreiben. Der dritte Termin wurde u.a. mit Thilges3, Fritz Ostermayer, Patrick Pulsinger, NSA oder dieb13 zu einem richtigen Highlight der Reihe.

10.500 m² groß ist das Palais Donaustadt, eine eingeweißte Fläche zwischen Wolkenkratzern, auf der bald das zweithöchste Gebäude Österreichs stehen wird. Dieses fast gespenstische Loch wird also gefüllt mit allerlei Fragen an die Kunst- und Raumproduktion, allerlei Choreographie, Theater, Film und nicht zuletzt auch Musik. Wie (öffentlicher) Raum produziert, geformt und vermarktet wird, ist hier ebenso Thema, wie was unser kleiner Beitrag dazu sein kann. Raumproduktion heißt hier also auch: Den Raum sichtbar machen. Das Picknick am Wegesrand verschafft dieser zukünftigen Baustelle Sicht- und Hörbarkeit.

Videoprojektoren untermalen die kurzen Gigs, in Containern werden neben Schlafgelegenheiten auch Bildschirme mit Zeitrafferaufnahmen von der Entstehung des Palais Donaustadt gezeigt. Schaufenster mal anders trifft auf Musik mal anders. Das Line-Up war am dritten Tag vorzüglich wie die beiden Donnerstage davor. UTE-MARIE von Nista Nije Nista zeigte Vokalakrobatik und lyrische Waghalsigkeit, während DIEB13 als ewiger Querdenker elektronischer und subsonischer Musik Turntable-Wunder flächig-chaotisch über die beachtliche Zuschauerzahl verstreute. Kurze Feedbacks, präzise Loops und klangliche Räume die nicht nur konzipiert, sondern auch bespielt werden, sind prinzipiell übergeordnetes Thema der Veranstaltung. Seien es FRITZ OSTERMAYERs Schlager-Avancen, immer wieder in 15 Minuten den Kitsch konkret zu machen, oder die Electronica-Desaster von THILGES3, die abermals zeigten, dass Sozioakustik mehr mit Metal zu tun hat, als die meisten glauben wollen (und was mit »Another White Album« vom Quasinebenprojekt Metalycée erst recht gezeigt wurde). Straight Forward brach der Gig von BULBUL/TUMIDO auf uns rein: Experimental-Krach mit Härte und Schluckauf im HC-Eck. Auflockerungen des wieder mal (trotz einiger Absagen wie z.B. von MARTIN SIEWERT) unglaublich dicht gedrängten Programms gab es z.B. mittels einer (von manchen als etwas uninspiriert empfundenen) Lesung von AMALIA ALTENBURG oder den Gigs von noch nicht so bekannten österreichischen Acts. NSA vom umtriebigen Wiener Noisecamp praktizierte »heavy electronic noise rock« (Selbstbeschreibung) mit desaströser Genauigkeit und zeigte auf, dass Noise (wie die Formbarkeit des öffentlichen Raumes) oftmals zu verschwinden droht, und noch viel öfter unsichtbar wird, wenn es um musikalische Stil- und Normfragen geht. Wir sollten ihm öfter Beachtung schenken. Angenehme DJ-Sets von u.a. GOLLINI oder PATRICK PULSINGER (cheap) rundeten das Programm ab.

Nun – was zu sagen bleibt, ist: Das Picknick ist mit jedem Tag mehr eine bemerkenswerte Schnittstelle von Produktion und Rezeption, Kunst und Technik, Großstadtflair und Stadtrandbaustelle, UNO-City und freiem Eintritt. Die Atmosphäre ist in ihrer Ausgelassenheit unübertroffen, das gemütliche Herumsitzen auf mitgebrachten Decken und den lose auf der Fläche verteilten Tischen und Bänken, das Leuchten das falschen Mondes über den Köpfen, die ewigen Kollisionen auf der engen Treppe die uns hinbringt und wieder wegführt und das abwechslungsreiche und vielschichtige Programm (kein Gig dauert länger als 15 Minuten!) bescheren uns das vielleicht gemütlichste, dichteste und in seiner Bedeutung für die österreichische Musikszene wichtigste Festival seit vermutlich SoundBridges in der Fluc Mensa.