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Modernist Mozart – Festival for electronic music and beyond, 7.-10.9.2006

Das finanziell reich gesegnete Wiener Mozartjahr, das im Herbst noch mit Peter Sellars »New Crowned Hope« brillieren will, bescherte nun auch der Off- und Elektronikszene Aufträge. Nach dem vorjährigen »Picknick am Wegesrand« gab es also wieder einen Anlass, sich beim vom mica organisierten Festival zu informieren, was diverse Szeneprotagonisten und Newcomer anno 2006 drauf haben. Außerdem gastierte die »Theremin’s Surreal Future Show« im Mozartsaal des Wiener Konzerthauses und analog phonoTAKTIK wurde wieder mal ein spezieller Platz ausgewählt. Das Alte Zollamt in der Schnirchgasse, situiert in einer kleinen peripheren Großstadtwüste, direkt neben der Sigmund-Freud-Universität und Austrocontrol in Erdberg.

Donnerstag 7.9. – Altes Zollamt

Betonbunkeratmosphäre auf einer teilweise im Freien offenen Garagenfläche, nur schwer sind die Hallprobleme von der Tontechnik in den Griff zu kriegen. Das Eisschallplattenprojekt von Nik Hummer (Thilges) und der bildenden Künstlerin Claudia Märzendorfer gibt es nun auch bereits ca. ein Jahr, jedoch konnte es erstmals in großem Rahmen aufwändig präsentiert werden.

Diverse MusikerInnen, von Fennesz über Katharina Klement bis Clementine Gasser haben Kompositionen für dieses Unterfangen beigesteuert. Und wahrlich ist es bezaubernd, wie die Eisschallplatten aus einer Gefriertruhe auf die Turntables gehoben werden und die mehr oder weniger elektronischen Klänge durch den Raum flirren. Seltsamerweise ragen insbesondere die Sounds analoger Instrumente heraus. Etwa Noël Akchotés splitterhafte Gitarrensounds, in bestechender Klarheit schillernd. Hingegen war »Imago« von Michael Strohmann/Didi Bruckmayr/Joreg nichts Neues in der darüber befindlichen Zollamt-Mensa. Schon vor einigen Jahren haben Granular Synthesis mit Akemi Takeyas Antlitz digitale Kopfskulpturen auch klanglich überzeugender hinbekommen.

Freitag 8.9. – Altes Zollamt

Am Freitag machen Attwenger gemeinsam mit Wolfgang Schlögl (aka I-Wolf) den Anfang. Der Beginn ist vielversprechend, die ersten von I-Wolf generierten Noise-Dub-Sounds wummern aus der mächtigen Anlage, bis dann Attwenger mit ihrem bekannten Style einsetzen. Das gemeinsame Auftreten der zwei Austro-Kaliber ist ein Novum, gerade mal vier Tage Proben haben sie hinter sich. Von diesem Standpunkt aus harmonieren sie sehr. Die Quetschn von Hans Peter Falkner wird durch I-Wolfs Maschinen geschleift, raus kommt ein dubbiger Sound, ungewohnt gepaart mit dem straighten Schlagzeugspiel von Markus Binder. Es hört sich nach einem großen Live-Remix an. Hie und da werden Coverversionen eingestreut, z.B. von The Troggs (»Wild Thing«) und Grandmaster Flash (»Rapper’s Delight«). Attwenger drücken dann aber doch sehr stark ihren Stempel auf und der dubbige Part von Schlögel muss immer mehr weichen. Schade.

Weiter geht es eine Etage höher, im kleineren Rahmen, in gemütlicher Mensa-Atmosphäre. Für diesen Anlass hat Franz Hautzinger eine Partitur geschrieben, die von Patrick Pulsinger am Synthesizer begleitet und live bearbeitet wird. Ein Sog entwickelt sich. Die Besetzung, die weiters noch aus Cello, Posaune, Schlagzeug und Bass besteht, zieht einen zwingend in ihren Bann. Flächige, ruhige Nummern, konsequent gespielt. Es gibt keinen Ausweg, außer sich von der Musik treiben zu lassen. Und dann kommt der Paukenschlag. Er musste kommen. Der totale Wolkenbruch. Ein Sound-Gewitter sondergleichen, laut und drückend – wunderbar. Kurzum ein wahnsinnig tolles Hörerlebnis!

Samstag 10.9. – Wiener Konzerthaus, Mozartsaal

Motto des Auftakts: »The New York Theremin Society presents«. Über die Enttäuschung Baby Dee, der mit Harfe einen mittelalterlichen Tuntenbarden gibt, trösten Dorit Chrysler (exaltiert wie immer), Pamelia Kurstin (die von ihren rhiz-Gigs bekannte Amerikanerin mit einer kieksenden Mickey-Mouse-Stimme brillierte neben ihrem sehr sphärischen Thereminspiel auch visuell, indem sie zu einer Musikzuspielung so tat, als ob sie ein Cello – sofern ich mich richtig entsinne – zupfte) und Armen Ra hinweg. Letzterer ist ein Armenier in New York, der auch den von Sun Ra bekannten ägytischen Sonnengott im Künstlernamen trägt. Seine ein klein wenig an Klaus Nomi erinnernde optische Präsenz und die kitschigen Thereminwogen, die sehr schön mit meist bekannten klassischen Evergreens verschmelzen, sind neben Kurstin der vorläufige Höhepunkt. Und via Armen Ra will ich auch noch an die Guerilla-Aktionen anknüpfen, die auf das Produktions-Duo Helge Hinteregger/Stefan Parnreiter zurückgehen. Mit einem Auto, in dessen Heck DJs Turntables strapazierten oder Musiker ihr Equipment anschlossen, wurde städtischer Raum erobert. Vor allem vor Kultur/Musikhäusern etc. galt es, PR in Sachen Modernist Mozart zu machen. Wie sehr dies ein vermehrtes Publikum gebracht hat, ist wohl Nebensache. Jedenfalls war die Idee unorthodox und brachte doch auch einigen Aufruhr (z.B. Polizeistrafen) mit sich. Zurück zu Armen Ra: Sein die Guerilla-Serie abschließendes Konzert im Keller des einschlägigen Lokals SchonSchön ist mit wohltemperierten Theremin-Klassikaner-Elogen erste Sahne.

Alexander Hacke, ehemaliger Einstürzender Neubaute, zelebriert ein Breakcore Spektakel der Sonderklasse. Subfrequenz-Akkordfolgen blasen jegliche Leichtigkeit aus dem Mozartsaal. Brachial, in exzentrischer Hau-Drauf-Manier. Hacke, in all seiner Wuchtigkeit, steht jedoch nicht allein auf der Bühne, sondern neben Danielle de Picciotto, die an Hackes Seite noch zierlicher und zerbrechlicher wirkt. Picciotto macht die Visuals, unterlegt das Gewüte mit schnellen Schnitten aus sich bewegenden Zahlenformeln und unterstreicht damit das Gefühl, einen vertonten Super-Gau zu erleben. Der Abschluss-Act ist The Services, ein Duo aus New-York. Es schließt an wo Hacke aufgehört hat, wählt aber den poppigeren Weg. The Services verbreiten krachenden Wahnsinn. Geschniegelt und gestriegelt stehen sie hinter ihren Synths und was bei diesem Anblick nicht absehbar ist, passiert. Eine rockige Powerorgie. Metal-Riffs, pumpende Beats, fröhlicher Sample-Wahnsinn. WUMMS, das hat gesessen!

Samstag 10.9. – Altes Zollamt

Am ehesten dem »Happy Childhood«-Motto gerecht wird Pierre Bastien, der mit einer Riesenkonzertinstallation die Zollamt-Mensa füllt. Mittels sechs Projektoren wird auch an die Wände geworfen, wie Bastien gerade mechanische Sounds aus gebastelten Märklin-Instrumenten etc. zaubert. Ein wunderbares Klang-Bild, dass auch dem später hereinströmenden Icke-Micke-Publikum gefallen hätte. Max Nagl klinkt sich kurz in dieses verschrobene Klangimperium ein und beginnt seinen Set leider erst vor der finalen Dance-Party. Ein schwerer Programmierfehler. Somit gehen vor der sich ungeniert laut unterhaltenden Icke-Micke-Audienz (ältere Interessierte haben wohl schon die letzte U-Bahn genommen) leider die filigranen Klänge, die Nagl u.a. auf einer Melodica und weiteren Klein- und Spielzeuginstrumenten im Beisein seiner versierten Sidemen Josef Novotny und Clemens Wenger kredenzt, unter.

Auch Tanya Bednar aka DJ Tibcurl, die finalerweise auch auflegte, war ganz glücklich, sich in Kooperation mit dem Wiener Mozartjahr einen Act leisten zu können, der sonst nicht finanzierbar wäre. Die Produzenten Marco Passarani, Francesco De Bellis und Mario Pierro ziehen ihren weitschweifig Techno, House, Electro und ein wenig Disco zusammenschweißenden Set prima durch. Dieser hätte die halbtheatralen Visuals der angeblich legendären Pfadfinderei gar nicht bedurft, aber nett anzusehen war’s ja doch. Endlich hat auch Mozart die Clubdevise eingeholt: Hedonismus rules.

Sonntag 11.9. – Altes Zollamt

Schon nach 16 Uhr beginnt die Old-and-New-Talents-Schau, bei Tageslicht und erneuten Soundproblemen für die in der Garagenatmosphäre auftretenden Acts. Zu Quehenberger/Kerns räudiger Attitüde passt das ganz gut und was hernach hier unten und oben in der Mensa hereinbricht, wissen wir nur vom Hörensagen. Denn die Berichterstatter sind an diesem strahlenden Sonntag in der skug-Grafik unentbehrlich und mussten kurz vor Drucklegung die Schlussredaktion der Printausgabe skug #68, 9-11/2006 in Angriff nehmen.

www.mica.at

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Text
Alfred Pranzl, Philipp Waltner

Veröffentlichung
22.09.2006

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