MAURACHER - 28. 10. 2005, WUK/Wien

Es geht doch nichts über ein klassisches Rockkonzert. Vor allem, wenn es kein wirklich klassisches ist. Die Neunziger hallen nach, allerdings mit einer gehörigen Brechung durch die dazwischen liegende elektronische Ära. Einflüsse werden nicht mehr kopiert, wie es viel zu lange im Alternative-Bereich üblich war, sondern sie sind verarbeitet.

Das Set der Vorgruppe The Bunny Situation dröhnt gewaltig. Florian Prix, der Produzent, ist wie üblich nicht auf der Bühne, hier regiert Ellen Muhr mit Stimme und Livepräsenz, und so brutal wie die Beziehungsprobleme, die meist besungen werden, kommt der Sound. Im Gegensatz zur Platte, wo die elektronische Produktion für Spannung sorgt, die aber doch nie richtig laut zur Pointe kommt, werden hier alle Höhen und vor allem Tiefen ausgelotet. Die historische Referenz liegt schon bei der Platte strukturell im schweren Grunge-Rock, der Sorte mit markanten Chören durch oft dissonante Intervalle, das wird einem hier bewusst. Live wird diese Linie noch klarer. Spitze, wenn sich dann noch die Sängerin als monströses Visual selbst in den Rücken fällt und grotesk die Lippen völlig asynchron zum tatsächlichen Geschehen bewegt.

Als kurioser Zwischenteil spielt ein sibirischer Barde, Freund des folgenden Gitarristen, drei melancholische Lieder mit E-Gitarrenbegleitung. Ein absoluter Antistar mit unspeicherbarem Namen, gleiches gilt für die Teilrepublik, aus der er kommt und deren Hymne ein altes Trinklied ist – eine der drei Nummern übrigens. Jede Menge Sympathiepunkte.

Wenn dann der Hauptact, nämlich Mauracher, auf die Bühne tritt (nach eigenhändig eifrigen Umbauarbeiten), werden sämtliche heute festgefahrenen Alternative-Muster endgütig vernichtet. Hier wird gerockt, jede Nummer vom präsentierten Album hat extreme Festival-Hüpfqualität und dabei mindestens zwei Hooklines: Eine aus der Songstruktur und eine aus den Laptopklängen, die der Meister aus seiner nicht zentralen, aber doch prominenten Position abspielt. Sängerin Maja Racki ist vielseitig, von Jazz bis Rock-Röhre hat sie alles drauf, dazu Camouflage-Hosen und eine sportliche Note á la Guano Apes. Aber sie ist viel lustiger: Wenn sie nichts zu singen hat, schwenkt sie sich und ihr Arme mit zum V geformten Händen. Gitarrist Frenk Lebel ergänzt die Performance unaufdringlich und professionell, dabei trotzdem sehr markant. Er verkörpert nicht nur den 90er-Rock, sondern auch seine Vorgeschichte. Daneben wirkt Mastermind Mauracher wie ein typischer Grunger, musikalisch kompetent, aber etwas unbeteiligt und als sei ihm alles wurscht. Seine Referenzen sind heterogener, dEUS blitzen da genau so auf wie Faith No More. Zur Ballade tritt M’Cinoc Haddad mit seiner Tochter an, der das Lied auf der Platte gewidmet ist. Familie auf der Bühne, Väter als Rockstars?

Im Gegensatz zum derzeit üblichen Revival-Rock aller Art, der bestenfalls überkommene Muster gut weiter verbreitet, bietet dieses Konzert eine echte und zeitgemäße Alternative: Rock ohne Machismo, Alternative ohne Klischees und trotzdem gefühlsmäßig und funktional korrekt.

Ad Mauracher siehe auch: Artikel in skug 65, Thema »Elektronik quo vadis?«