Alle Fotos © David Višnji? http://pnyhof.tumblr.com/

Manic Street Preachers, Arena Wien, 28. 4. 2012

»All we want from you are the kicks you’ve given us«. Die Urgesteine aus Wales lieferten vergangenen Samstag im Rahmen ihrer »National Treasures«-Tour Auszüge einer Bandhistorie zwischen Weltrevolution und Stadionrock. Ein Rückblick der etwas anderen Art, an einen Abend und die Zeit davor. Eine Liebeserklärung an eine nicht immer einfache Beziehung.

Vor zehn Jahren erscheint mit »Forever Delayed – The Greatest Hits« eine erste Best-Of-Zusammenstellung der »Manics« rund um James Dean Bradfield, Nicky Wire, Sean Moore und dem 1995 verschwundenen Richey James Edwards. Seit Ende letzten Jahres gibt es nun mit »National Treasures« eine weitere, alle Singles der Band umfassende, Kompilation mit Blick zurück. Wo erstgenannte noch nette Remixes von u. a. Mogwai, Stereolab, Massive Attack oder den Chemical Brothers mitlieferte, birgt die zweite walisische Schatztruhe nun kaum (die The The-Coverversion »This Is The Day« als einzige Ausnahme) Ungehörtes für den geneigten Sympathisanten. Aus Zweit- wird also Drittverwertung, that’s how the industry works. Und wo uns das manische Manifest einst noch »The Masses Against The Classes« predigte, standen auf der Bühne der vollen Arena mittlerweile leicht gealterte Revolutionäre und gestandene Geschäftsmänner, stets Flagge zeigend und mit aufgenähten Star Wars-Reminiszenzen. Live gab es eine Auswahl von 23 der insgesamt 38 »National Treasures« zu hören, was für ein Schwelgen in Erinnerungen und eine Reise der Band durch ihre eigene, von Höhen und Tiefen gezeichnete Vergangenheit sorgen sollte.

Zerstörerisches aus der urbanen Hölle

Wien-Besuche der Manics haben Seltenheitswert, so liegt der letzte bereits zehn Jahre zurück. Üfter zugegen ist da schon Sänger und Gitarrist Bradfield, optisch mittlerweile der Kategorie Genussmensch zuzuordnen, der Silvesterabende laut eigenen Angaben auch gerne mal als geschichtlich interessierter Tourist in Wien verbringt. Nicky Wire © David Višnji?Texter, Poser & Bassist Nicky Wire schaut immer noch aus wie Nicky Wire, bleibt noch Sean Moore, der Mann für das gepflegte Schlagzeug-Handwerk. Zudem gab es noch einen vierten mit Gitarre, der auch die backing vocals sang, welche Wire mit seinem fast schon legendären Federboa-Mikrofon nicht zusammenbringt. Der Konzert-Opener »Motorcycle Emptiness« ist seit je her ein etwas Autobahntauglicheres »Smells Like Teen Spirit« für Führerscheinneulinge, zu finden am »ultimate driving record« (O-Ton Nicky Wire) »Generation Terrorists« (1992). Ein nach wie vor eindrucksvolles Debütalbum einer Band, welche zu diesem Zeitpunkt wohl auch als eine Art walisische Guns N’Roses durchgegangen wäre, man fühlte sich dann aber doch eher dem Spirit des Punk verpflichtet. Im späteren Verlauf des Abends sollte die zerstörerische Ästhetik des Erstlings sehr ausgiebig mit weiteren darauf befindlichen Singles wie »Stay Beautiful«, »You Love Us«, »Slash’n’Burn« oder dem sanften »Little Baby Nothing« gewürdigt werden. Letzteres Stück misslang jedoch grö&szligtenteils in seiner Live-Umsetzung, fehlten hierfür doch ein Keyboarder sowie die Stimme von Traci Lords oder am besten gleich Kylie Minogue. Die jugendliche Leichtigkeit von einst retteten dafür die ebenso frühen Veröffentlichungen »Motown Junk« sowie das Johnny Mandel/Mike Altman-Cover »Suicide Is Painless (Theme From M*A*S*H)«. Auskopplungen aus »Gold Against the Soul« (1993) sowie Richey Edwards‘ düsterem Vermächtnis »The Holy Bible« (1994) waren live mit »From Despair To Where« bzw. »Revol« leider nur recht spärlich vertreten.

Zeit der (zu) gro&szligen Melodien

Die Zeit danach ist auch die Zeit der Manic Street Preachers ohne den bis dahin Text wie Stil prägenden Richey James Edwards. Etwas mehr als ein Jahr nach seinem Verschwinden erscheint »Everything Must Go« (1996), ein gleichzeitig irgendwie gezwungen wie befreiend wirkendes Album und damals wohl Schlüsselwerk für die weitere Zukunft der drei verbliebenen Manics. Situiert zwischen den zwei Phasen der Band, befinden sich darauf auch noch fünf Stücke mit Texten von Edwards. msp_live_arena28041228.jpgDie im Vergleich zu bisherigen um einiges zugänglichere Platte wird zum Hit, allen voran der Song »A Design For Life«, auch beim Konzert in der Arena verantwortlich für Begeisterungsstürme im Publikum. Eine ähnliche Stimmungsexplosion lösten die vier performten »Treasures« aus dem insgesamt doch eher glatten »This Is My Truth Tell Me Yours« (1998) aus, quasi Opium fürs Volk aus dem bis heute kommerziell erfolgreichsten Album der Waliser. Herauszuheben sind da schon viel eher die dargebotenen Auszüge aus »Know Your Enemy« (2001), einem musikalisch vielseitigen und auf mehreren Ebenen polarisierenden Werk. Pitchfork bezeichnete es einst als »Versuch, einen Protestsong in so ziemlich jedem Genre zu schreiben«. Ich füge an dieser Stelle mindestens ein »Versuch gelungen« hinzu. Stücke wie das treibende »Found That Soul«, »Let Robeson Sing« oder das von Bradfield geschriebene »Ocean Spray« zählen mitunter auch live zum Besten, was der manische Song-Katalog zu bieten hat. Relativ schwierig wird es in der Album-Chronologie jedoch ab diesem Zeitpunkt. Während das weitgehend verachtete »Lifeblood« (2004) noch zeitweise mithalten kann, fallen die Alben »Send Away The Tigers« (2007) und vor allem »Postcards from a Young Man« (2010) fast gänzlich ab. Einfallslos und überproduziert sind die Stichwörter, die in diesen Fällen zu greifen beginnen. Später Lichtblick in der Diskographie der Manics ist dafür das aus dem Textnachlass von Richey James Edwards gebaute »Journal For Plague Lovers« (2009), welches wieder mit vermehrt raueren Klängen (danke, Steve Albini!) zu überzeugen wei&szlig. Singles wurden daraus jedoch keine veröffentlicht, auch wenn hier wohl mehr »National Treasures« zu finden wären als in manch anderen Fällen. Jeweils nur ein Song der davor beschriebenen zweieinhalb Ausfälle ist an diesem Abend Teil des insgesamt sehr umfangreichen, spielfreudigen Sets. Zu Recht wird der Fokus hier auf Früheres gelegt. Und auch zum Glück. Die »kicks«, die uns diese Band im Laufe der Jahre gegeben hat, sind schlie&szliglich alles was wir wollen. Einen solchen gibt es auch zum Abschluss, »If You Tolerate This Your Children Will Be Next« als schöne Schlusswörter beim nostalgischen Bad in der begeisterten Menge.