Eine seltsame Sonne ging im Jahr 1938 über Kärnten auf © Jüdisches Film Festival

Let’s keep it

Heute startet der zweite Teil des Jüdischen Filmfestivals Wien. Der dort vorgestellte Dokumentarfilm »Let’s keep it« von Burgl Czeitschner zeigt, wie schwer sich die Republik Österreich mit der Restitution »arisierten« Beuteguts tut. skug verlost 2 mal 2 Karten für dieses sehenswerte Werk.

Der namenlose Schrecken der Shoah überdeckt meist ein weiteres Spezifikum des nationalsozialistischen Terrors. Dieser war in einem seiner Kernmotive ein groß angelegter Diebstahl. Gerade dieser Beutezug machte ihn für viele Bürger*innen in Deutschland und Österreich so attraktiv. Vom Besitzer eines Krämerladens bis hin zur Burgschauspielerin freuten sich viele insgeheim über das Verschwinden ihrer jüdischen Konkurrenz. Der Nationalsozialismus entfernte eine ganze Gesellschaftsschicht, von armen Lumpenhändler*innen bis zu Fabriksbesitzer*innen. Sie verloren ihre Anstellungen, ihre Geschäfte und ihren Besitz. Sorgsam darauf bedacht, sich einen rechtsstaatlichen Anschein zu geben, zwang man die Jüd*innen offiziell zum »Verkauf« ihres Besitzes. Fast immer geschah dies zu vollkommen lächerlich ungünstigen Konditionen. Später zeigte sich, wie unfähig die österreichische Nachkriegsgesellschaft auf dies reagierte. Der scheinbar »rechtmäßig« während der NS-Verwaltung erworbene Besitz scheint einen großen Teil der Bevölkerung in eine Komplizenschaft zum Unrechtsregime gebracht zu haben, die nie aufgegeben werden konnte. Auch von der Republik selbst nicht, deren Spitzen in arisierten Villen residierten und die mit viel Einfallsreichtum Rückgaben erschwerten und verunmöglichten. Der mit gebremstem Zorn und großer Sorgfalt recherchierte Film von Burgl Czeitschner »Let’s keep it« gibt anhand von teils erschütternden und teils aberwitzigen Episoden ein Bild davon, wie die Republik Österreich nationalsozialistisches Unrecht aufrechterhielt.

Historiker*innen fressen sich durch die Aktenberge, um Besitzverhältnisse zu belegen und leisten dabei Erinnerungsarbeit © Jüdisches Film Festival

Die Liebe zur klassischen Musik
Ein Filmprojekt wie das von Burgl Czeitschner steht vor gewissen formalen Problemen. Wie soll die Geschichte der unzureichenden Restitution erzählt und bebildert werden? Durch das Abfilmen von Aktenbergen und Interviews mit alten Jüd*innen? Wie kann die trockene und komplexe juristische Thematik aufgearbeitet und begreifbar werden? Eine Thematik, die allein deswegen so juristisch diffizil erscheinen muss, weil Heerscharen an Jurist*innen daran gearbeitet haben die Vorgänge undurchschaubar zu halten, damit das offenbare Unrecht verdeckt wird. Czeitschner fand dafür einen überraschenden und überzeugenden Weg. Sie erzählt einfach ihre eigene Geschichte. Der entscheidende Clou liegt darin, dass sie dies aber nicht als Opfer von Vertreibung und Arisierung erzählt, sondern als eine 1946 geborene Österreicherin. Als die Tochter und Enkelin zweier Männer, die sich mit Judenhetze im nationalsozialistischen Kärnten profilierten und von den »Entjudungen« profitierten. Sie erzählt in ihrem Film die Geschichte einer Frau, die im Nachkriegsösterreich aufwuchs und mit der nie jemand über die Geschehnisse der Jahre 1938 bis 1945 sprach. Ein typisches Schicksal. Czeitschner zeigt auf, wie sie nahezu ihr ganzes Leben lang brauchte, um all die Verstrickungen der österreichischen Gesellschaft in das NS-Regime zu durchschauen, die teilweise bis zum heutigen Tag fortwirken.

Ironischerweise beginnt der Film dann tatsächlich mit dem delikaten Abfilmen von Aktenbergen (und ja, sie sind wirklich riesig). Untermalt wird dies mit schöner, zuweilen walzerseliger Musik von Strauß bis Strauss und ganz viel Gustav Mahler. Man möchte schwelgen in der österreichischen Hochkunst der »Weltmusikhauptstadt« Wien und gerade der verhaltene Avantgardist Mahler eignet sich hervorragend als Lieferant von Scores. Begeistert saß die kleine Burgl Czeitschner in den 1950er-Jahren am Radioapparat und lauschte den Übertragungen aus der neu errichteten Wiener Staatsoper, die ihre Liebe zur klassischen Musik erweckten. Die Oper wurde wiedereröffnet mit Beethovens »Fidelio« und zu hören als Florestan war Anton Dermota. Mit dem lebenslang gefeierten Tenor, der kräftig beim Aufpolieren des schönen österreichischen Scheins mithalf, beginnt Czeitschners Reise durch die sorgfältig verborgenen Abgründe. Dermota hatte sich im Nationalsozialismus fleißig und erfolgreich um Grundstücksentjüdungen bemüht und Filethappen an Wiener Immobilien zu fassen bekommen. Geschadet hat ihm dieses offenbare Fehlverhalten nach dem Krieg nie. Schließlich war man in Österreich selbst Opfer.

Paul Hörbiger zeigte wie viele österreichische Künstler*innen auch Talent in Opportunismus © Jüdisches Film Festival

Die Geschichten ähneln sich. Der berühmte Dirigent Karl Böhm ist ein weiteres Beispiel für eine Musikgröße, die von Arisierungen profitierte, mit dem Vorwand, dies nur zur Erhaltung der Immobilien getan zu haben. Aber, und dies ist besonders empörend, dies betraf nicht nur das Fehlverhalten einzelner Individuen, die ganze Republik machte mit. Die Präsidenten und Bürgermeister Karl Renner, Adolf Schärf und Theodor Körner bezogen beispielsweise eine arisierte Villa, von der aus sie die Republik Österreich repräsentierten. In einem Akt überparteilicher Eintracht wurde eine Taktik ersonnen, bei der man so tat, als würde man zurückgeben, aber faktisch keine Anstalten machte. Zu gut hatte man sich selbst eingerichtet. Czeitschner verfolgt diese Linie des rechtlichen Gebarens bis in die aktuelle Gegenwart des »Washingtoner Abkommens«. Hier zeigt sich, wie in vielen Fällen zum hohen Ziel der Rechtssicherheit Unrecht festgeschrieben wird. Von 2.300 Anträgen auf Rückgaben von Naturalbesitz wurden gerade einmal 600 bearbeitet und nur 60 Liegenschaften abgegolten. Mit teils bizarren Einschränkungen, wenn etwa Land und Haus nicht entschädigt werden konnten, aber zumindest das Mobiliar. Für viele Hinterbliebene ist dieses evasive Verhalten der Republik eine erneute Schmach.

Jüdisches Leben der 1930er-Jahre
Mag das kenntnisreiche Detailwissen des Films auch beeindruckend sein, auf die Dauer könnten die immer gleichen Geschichten recht deprimierend wirken, insbesondere, weil sie eine aberwitzige Ohnmacht dokumentieren, von der es scheinbar in Österreich kaum ein Entkommen zu geben scheint. Beispielweise wird eine schöne Geste des Wiener Bürgermeisters Helmut Zilk gezeigt. In Aspern ließ er mit Schulkindern 65.000 Bäume pflanzen. Einen Baum für jede*n aus Wien vertriebene Jüd*in. Die Aktion aus dem Jahr 1988 erinnert an das damals viel diskutierte Werk Joseph Beuys »7000 Eichen« und hat den kleinen Fehler, dass man die Bäume auf arisiertem Land pflanzte, das nie zurückgegeben wurde. Tja. Im Laufe von eineinhalb Stunden Film reihen sich Aufdeckungen dieser Art aneinander und zeichnen ein wenig schmeichelhaftes Bild der Republik. Burgl Czeitschner erkennt die Gefahr, dass ihr Film zu einer, wiewohl berechtigten, letztlich ermüdenden Anklage gerinnen könnte. Sie fängt dies auf, indem sie den Aufzählungen der Enteignungen Tiefe verleiht durch das Erzählen der Schicksale der Betroffenen.

Private Filmaufnahmen zeigen, wie der Nationalsozialismus in die Gesellschaft hineinschnitt © Jüdisches Film Festival

Der Verlust eines Hauses oder einer Wohnung ist nicht nur ein monetärer. Menschen aus ihren Häusern zu vertreiben, ist eine intime Verletzung die über Generationen nachwirkt. Das Ganze ist mehr als ein »Streit ums Geld«. Dies gilt es zu zeigen und erfahrbar zu machen. Czeitschner hat in ihrer Recherche beeindruckendes Foto- und Filmmaterial aus der Zeit vor der Machtergreifung durch den Nationalsozialismus zusammengetragen. Der Film ist dadurch auch ein beeindruckendes Dokument jüdischen Lebens jener Jahre. Insbesondere die Aufnahmen der Familie Regenstreif ziehen in den Bann. Die Schwester Paul Regenstreifs, Ellen Illich, besaß eine Filmkamera, mit der sie das Familienleben aufnahm. Fröhliches Beisammensein im Garten, kleine Theateraufführungen der Kinder. Die drei Söhne sind zu sehen, wie sie zu ihrer heiligen Erstkommunion gehen. Eine übliche Praxis vieler Jüd*innen damals, die sich mit Kultur und Tradition ihrer österreichischen Heimat identifizierten und daran teilhaben wollten. Ein gewisser tagespolitischer Sprengstoff liegt hierin, schließlich wird heute ununterbrochen das Gerede von der ach so nötigen »Integration« angestimmt. Nun, genützt hat es den Jüd*innen damals offenbar nichts.

Der Zug der Kommunionskinder mit ihren festlichen Kleidern und den großen Kerzen ist zu sehen. Ein besorgter Pfarrer eilt neben den Kinderchen her. Plötzlich muss der Zug halten. Auf der Straße kreuzen Hitlerjungen mit Stechschritt. Ellen Illich dokumentiert die Machtergreifung im Prisma des Familienlebens. Später hält sie fest, wie das Haus geräumt wird und Teile des Mobiliars in einem verplombten Möbelwagen verstaut werden. Ein letzter Blick auf die prächtige, nach den Entwürfen des Architekten Friedrich Ohmann in Pötzleinsdorf errichtete Villa. Zurückkehren konnte die Familie nie. Burgl Czeitschners Film ist eine bedeutende Dokumentation, die bei der aktuellen und enorm wichtigen Aufgabe hilft, eine kollektive Erinnerung in Österreich zu pflegen. Einzig diese bietet einen zivilisatorischen Schutz gegen Barbarei und Dummheit.

»Let’s keep it« ist am Mittwoch dem 17. Oktober 2018 um 18:30 Uhr im Votiv Kino in Wien zu sehen. Zu dieser Veranstaltung, bei der es auch ein Gespräch mit der Regisseurin geben wird, verlost skug 2 mal 2 Karten. Bei Interesse bitte bis 14. Oktober eine E-Mail mit vollständigem Namen an gewinnspiel@skug.at senden. Die Gewinner*innen werden nach Zufallsprinzip ermittelt und per E-Mail verständigt. Rechtsweg und Barablöse sind ausgeschlossen. Persönliche Daten werden zur Gewinnverständigung verwendet und nicht weitergegeben.

Link: www.jfw.at