»Schmigadoon!« © Apple TV+

Leslie streamt sich durch: »Schmigadoon!«

Kunst und Menschheit mögen in einem beklagenswerten Zustand sein, die Glotze ist schön wie nie. In loser Folge präsentiert skug Perlen im unüberschaubaren Streaming-Angebot. Diesmal die unerhört beziehungsreiche Show »Schmigadoon!«.

Paare in Troubles sind immer superlustig. Ein echter Bringer in Film und Fernsehen. Menschen in Beziehungen dürfen mitlachen über das wohlbekannte Elend dieses anderen Paares, während Singles sich, allein vor dem Computerbildschirm sitzend, beglückwünschen. Aber hey, Gehässigkeit tut manchmal gut. Besuch bei der Paartherapeutin – hihi, viel Spaß auch bei der Rettungsaktion, man reiche mir das Popcorn! Konstellationen bei »Schmigadoon!« sind allesamt hinlänglich bekannt und das Wort Klischee trifft tatsächlich jedes Detail in dem Beziehungsloch, in das Josh Skinner und Melissa Gimble gestolpert sind. Die beiden werden übrigens verkörpert von Cecily Strong und Keegan-Michael Key, womit sich die zwei wohl sympathischsten Comedians des Planeten zusammengetan haben. Ach ja, die Serie ist ein Musical.

Sing wenn du nicht mehr weiterweist

Lew Nikolajewitsch Tolstoi beantwortete die Frage, was ein Mann sich von einer Frau erwarten darf, mit: Lebendigkeit. Und was darf sich die Frau in einer traditionellen Heterobeziehung erwarten? Zumindest keine vollkommene Teilnahmslosigkeit. Hauptgewinn! Denn bekanntlich ist die große Leidenschaft nahezu jeden erwachsenen Mannes die Ruhe. Deswegen gehen die Typen fischen – you know. Cecily Strongs Dr. Melissa Gimble, eine gestandene New Yorker Gynäkologin, gibt sich damit aber nicht zufrieden. Sie erwartet sich von ihrem Arbeitskollegen und Liebhaber Dr. Josh Skinner gewisse Reaktionen auf ihr gemeinsames Leben, in dem für ihn hingegen alles »gut« ist. Also »gut« jetzt nicht im Sinne von »absolut umwerfend fantastisch«, aber im Sinne von: »Werden wir jetzt über alles diskutieren und es nur noch schlimmer machen? Seien wir doch froh in dem, was wir haben!« Es gibt Dinge, über die kann Mann nicht reden.

Die von Cecily Strong mit wutschnaubendem Elan verkörperte Figur ist aber nicht froh. Oder zumindest nicht froh genug. Deswegen schleppt sie das Paar nach viereinhalb Jahren Beziehung – nein, nicht zur Paartherapie, sondern zu einer Paarselbsterfahrungsreise in den Wald. Die Paare werden dort mit einem Herzstein ausgestattet, der den Namen des*der jeweiligen Liebsten eingraviert hat und den Dr. Josh Skinner gleich bei der ersten Pinkelpause verliert. »Es ist ein vage herzförmiger Stein, Baby – und vielleicht hast du ihn ja eingesteckt?« – »Warum habe ich dann deinen?!?« antwortet Dr. Gimble und hält ihm den symbolträchtigen Stein mit seinem Namen unter die Nase. Ununterbrochener Nieselregen hebt die Stimmung wenig und bald hat sich das Paar im Wald komplett verirrt. An dieser Stelle macht die Erzählung eine Wendung ins Fantastische. Die beiden hören Glockengeläut, folgen diesem und gelangen zu einer Brücke, die in blühende Landschaften führt. Also blühend ist nicht der ganz richtige Ausdruck, denn alles ist aus Plastik, aber doch recht schön anzuschauen.

Am Ende der winzigen Brücke liegt der Ort Schmigadoon und seine ausnehmend freundlichen Bewohner begrüßen das Paar mit einer riesigen, sorgfältig einstudierten Showeinlage. Jede*r in diesem Dorf kann vollendet singen und tanzen. Man lässt sich was einfallen für die fremden Gäste in der Provinz. Sie ist entzückt, aber er mag keine Musicals. Bald zeigt sich, dass die Einwohner von Schmigadoon an einer eigentümlichen Krankheit zu leiden scheinen. Sobald sie einen bestimmten Level an Emotionalität erreicht haben, müssen sie singen. Wird es schlimmer, auch noch tanzen. Den beiden abgeklärten New Yorker Besucher*innen will es nicht gelingen, die Landbevölkerung von der Herzausschüttung im Song abzuhalten, was natürlich sehr komisch und kurzweilig ist. Die Kritik an der Absurdität der Musicalhandlung liefert sich die Serie gleich selbst.

Alles so schön »woke« hier

Keine einzige Sekunde des Scores ist originell im Sinne von neu erdacht. Eher ist die komplette Fernsehserie ein einziges Verweissystem. »Oklahoma«, »Carousel«, »How to Succeed in Business Without Really Trying«, »Kiss Me Kate«, »The Music Man«, »The Sound of Music« und all diese schönen Musicals der 1940er-, 50er- und 60er-Jahre, die einst geliebt wurden und heute weitgehend vergessen sind. Dabei hat es dieser Stoff für Schultheateraufführungen der »Neigungsgruppe English« an überambitionierten weiterführenden Schulen durchaus in sich.

Weil bei der Serie die »vierte Wand« komplett eingerissen wurde, raten die Darsteller*innen selbst fleißig mit, welche Musicalreferenzen ihnen gerade begegnen. Sie lösen die Problemsituationen sogar, indem sie die Lösungen der Musicalvorlagen – mutatis mutandis – übernehmen. New Yorker Ärzt*innen kennen sich mit den Konventionen der Musicalbühnen einfach verdammt gut aus. Dadurch gelingt es den Macher*innen der Serie auf sehr elegante Weise Themen einfließen zu lassen und beispielsweise den ewig aktuellen Stadt- und Landbevölkerungskonflikt zu bearbeiten. Der Ort Schmigadoon wirkt zunächst ungut reaktionär. Es gibt beispielsweise einen Frauenverein, der über Zucht und Ordnung wacht, mit dem schönen Namen »Mothers Against The Future«. Nur kann nicht aufgehalten werden, was sich nicht aufhalten lässt.

Der Bürgermeister des Ortes (vollendet! Alan Cumming) verdrängt seine offenkundige Homosexualität, die er gerne mit dem presbyterianischen Pfarrer des Ortes (ähnlich brillant: Fred Armisen) ausleben würde, der ebenso auf ihn steht. In lustvoller Doppeldeutigkeit kann der Bürgermister einen Song singen, der seine traurige Fröhlichkeit zum Ausdruck bringt »I’m so gay«, während sein anvertrautes Eheweib ihr Leid klagt: »My husband is queer«. Alle lernen dazu und schließlich sind auch die Landeier guten Willens, so dass auch der Redneck-Opi gerne einsieht, dass Frauen heute über ihr Leben selbst bestimmen und nicht verheiratet werden müssen. Pfiffig werden so Themen angesprochen, ohne wen vor den Kopf zu stoßen.

Vier von fünf Sternen, wobei der fünfte ein Bonusstern ist

Ein bisschen darf dem Publikum allerdings das Lachen im Hals stecken bleiben, denn diese emanzipatorischen Botschaften waren bereits in den Musicalvorlagen enthalten, die vor 80 Jahren Furore gemacht haben. We came a long way, keine Frage, und viel Muff wurde weggeblasen. Einen Backlash gibt es aber ebenso zu beklagen, wenn heute in den USA bereits wieder über die Möglichkeit des Schwangerschaftsabbruchs höchstrichterlich verhandelt werden muss. Nun, »Schmigadoon!« tut, was es kann, um sich dem gesellschaftspolitischen Drall nach rechts entgegenzuwerfen.

Wer Gesangseinlagen nicht abgrundtief verbscheut, sollte bei »Schmigadoon!« ruhig einschalten. Die Show erreicht zuweilen das Niveau des Goldstandards der Musicalserie »Crazy Ex-Girlfriend« und hat wenig mit den langweiligen Ehrgeizlern von der High-School zu tun, die Popnummern covern (»Glee«). Unterm Strich eine echte Empfehlung für Freund*innen des Inside-Jokes und die Serie ist schneller geguckt als dieser Artikel gelesen.

Leslie will return mit dem Weltuntergangsdrama »Station Eleven«. Schalten sie also wieder ein, wenn es heißt »Leslie streamt sich durch«.

Link: »Schmigadoon!« bei Apple TV+