Leben zwischen Rosa und Blau

Im »Tintenfischalarm« geht die FM4-Moderatorin und Filmemacherin Elisabeth Scharang einem der letzten Tabus der modernen Gesellschaft nach: der Intersexualität. Ein informativer Dokumentarfilm, der viele Fragen stellt.

Intersexualität ist ein in der Öffentlichkeit kaum präsentes Thema. »Von den Problemen heranwachsender Intersexueller weiß niemand etwas außer den Betroffenen selbst«, sagt Alex Jürgen, heute 26 und als Mann lebend. Genau diesem Umstand möchten der Protagonist und die Regisseurin entgegenwirken.

Elisabeth Scharang befragt in gewohnter »Jugendzimmer«-Manier Alex – und später Alex Jürgen – nach ihrer/seiner spezifischen und vielfach qualvollen Biographie. Auf Alex war sie im Rahmen einer Jugendzimmer-Sendung gestoßen, als Alex es zum ersten Mal wagte, mit seiner Geschichte an die Öffentlichkeit zu treten. Im Rahmen der etwa 100-minütigen Dokumentation wird in etwa die Problematik einer (ländlichen) Kindheit und Jugend als Intersexueller vermittelt; ganz nebenbei erfährt das Thema an sich eine klare und mehr oder weniger eingehende Darstellung. Alex – in den ersten zwei Dritteln des Films eher weiblich wirkend – erzählt genauso von den Problemen ihrer Sozialisation wie von der physisch-medizinischen Seite der Intersexualität – und gibt einige beklemmende Details preis. Im weiteren Verlauf des Films – Scharang begleitete Alex drei Jahre lang – erfolgt auch Alex‘ Entschluss, die ihr von außen aufgezwungene weibliche Identität abzulegen und fortan ein Leben als Mann zu führen. Hier findet gewissermaßen ein Bruch im Film statt. Andererseits entwickelt der Film gerade im letzten Drittel eine Dynamik, da hier – viel zu spät – auch andere Intersexuelle zu Wort kommen und damit die über weite Strecken monotone Konstellation Fragende-Befragter aufgebrochen wird.

Trotz der sehr sympathischen und offenen Person des Protagonisten und der einfühlsamen Art Scharangs sind einige Schwächen von »Tintenfischalarm« unübersehbar. Gerade die bewusst gemütliche »Wohnzimmer-Situtation« wird hier allzu familiär ausgelebt. Sätze wie »Ich heiße Alex, bin 26 und werde euch jetzt etwas über mich erzählen« sind nicht genregerecht und tun dem Film nicht gut. Fragwürdig bleibt außerdem, warum gerade die drei wohl wichtigsten Bereiche im Leben eines Menschen – Familie, Freundeskreis und beruflicher Werdegang – hier vollkommen ausgeblendet werden. Nicht ganz unproblematisch scheint auch der Umstand, dass Alex all seine Probleme ausschließlich auf seine Intersexualität zurückführt. Zudem ist eine gewisse Einseitigkeit der Darstellung zu spüren – mehrere Protagonisten in verschiedenen Lebenssituationen hätten zweifellos ein vollständigeres und heterogeneres Bild abgegeben.