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Kurt Wagner – 17.11.2007, Schloss Hartberg – Rittersaal

Eines muss man Kurt Wagner lassen: Durch das konsequente Tragen dieser doch eher grindigen und vom ästhetische Standpunkt aus betrachtet äußerst fragwürdigen Baseballkappen ist es ihm gelungen eine ganz eigene optische Trademark zu entwickeln. Und in Kombination mit der »zeitlosen« Kassenbrille macht das dann doch wieder was her. Über Geschmack lässt sich bekanntlich nicht streiten. Dass in einer Region wie der Oststeiermark, in der sonst eher das bodenständige Zeltfest, der traditionelle Bockbieranstisch (der am selben Tag stattfindet), oder die beliebten Feste der freiwilligen Feuerwehr (Stichwort: Brand!) unterhaltungsmäßig den Ton angeben, ein Crack wie Kurt Wagner eine seiner raren Soloshows spielt ist zunächst um nichts weniger als sensationell. Möglich wird das durch das Engagement eines kleinen Zirkels Musikbegeisterter, der vor kurzem begonnen hat, Singer/Songwriter-Konzerte (4x im Jahr ist geplant) zu veranstalten. Unlängst war »der Sohn einer Samtratte« Georg Altziebler mit Band zu Gast in den altehrwürdigen Gemäuern des Rittersaales im örtlichen Schloss, einem bestuhlten Raum, der wegen seiner ungewöhnlichen Höhe (inklusive Galerie) über eine hervorragende Akustik verfügt. Die Voraussetzungen sind also bestens, mit rund 130 teils von weit angereisten Besuchern ist die Show des Country-Innovators beinahe ausverkauft.

Notenblätter an der Leine

Die sitzenden Gäste dürften für einen kurzen Moment etwas verwirrt gewesen sein, startet Wagner doch seine Show aus dem Hinterhalt der Galerie A cappella, stakst dann lässig, immer noch inbrünstig singend, Richtung Bühne. Es folgen über 90 ergreifende Minuten, in denen ein bestens gelaunter Kurt Wagner traurige Songs aus allen Schaffensperioden (Lambchop-Stücke, unbekanntes Material, ausgesuchte Coverversionen, vermisst habe ich nur das großartige »The Man Who Loved Beer«), zelebriert. Ein Mann und seine Gitarre gegen den Rest der Welt! In diesem Fall allerdings nicht ganz allein, sondern mit hingebungsvoller Unterstützung der anwesenden »Wagnerianer«. Erledigte Songs kluppt Wagner an eine vor bzw. über ihm gespannte Wäscheleine, die sich somit sukzessive mit Blättern füllt. Metaphorisch betrachtet eine Umkehrung des herbstlichen Blätterverlustes der Bäume. Zwischen den Stücken erzählt der in der Traditionell-Country-Hochburg Nashville/Tennessee Ansässige launige, kurze Geschichten und lädt die Gäste zur aktiven Teilnahme ein, indem er diese auffordert, ihm Fragen zu stellen. Es wird also gefragt (und geantwortet), womit das für nach dem Konzert angesetzte Interview mehr oder minder obsolet wird.

Nichts für Menschen mit Aufmerksamkeitsdefizit-Syndrom

Es muss schon als Leistung angesehen werden, die Aufmerksamkeit des Publikums mit durchwegs langsamen, sehr leisen Stücken, über eineinhalb Stunden aufrecht zu halten. Fast jedes Flüstern aus dem Publikum ist deutlich zu vernehmen, eiserne Disziplin also gefordert. Das verhängte Rauchverbot zog dann aber doch den einen oder anderen kurzfristig aus dem von der sprichwörtlichen Stecknadel-Atmosphäre erfüllten Saal. Es ist vor allem Wagners zugleich kratzige und samtene Stimme mit hohem Wiedererkennungsfaktor, aber auch das über weite Strecken filigrane Gitarrenspiel mit seltenen lauteren Passagen, was zusammengenommen einen unverkennbaren Sound produziert. Ungewöhnlich ist auch, dass diese über mehr als ein Monat laufende Europa-Tour nicht wie sonst üblich der Promotion für eine neue Platte dient (es gibt keinen Wagner-Tonträger), sondern einzig der Bühnen-Selbsterfahrung (und der daraus erhofften Inspiration) Wagners jenseits des gewohnten Lambchop-Bandkontextes. Das Beste kommt dann wie so oft am Schluss: Eine recht nah am Original angesiedelte Interpretation des Leonard-Cohen-Oralsex (mit Janis Joplin)-Klassikers »Chelsea Hotel Nr.2«, ein würdiger Abschluss eines leisen, introspektiven Abends. Nur, wo war das »oldfashioned tapedeck to provide some atmosphere«, das in der Ankündigung erwähnt wird?

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Text
Stefan Koroschetz

Veröffentlichung
19.11.2007

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