Billie Holiday im Tonstudio © Polyfilm/Charles Peterson/REP Documentary/Marina Amaral

»Billie«

Billie Holiday zählt zu den prägendsten Stimmen der US-amerikanischen Jazz-Szene der 1940er-Jahre. Dennoch wurde die 44-jährig verstorbene Sängerin bis dato mehr mystifiziert als konkret recherchiert. Die Dokumentation »Billie« von James Erskines soll das nun ändern.

Linda Lipnack Kuehl, eine US-amerikanische Journalistin, begann Ende der 1960er-Jahre mit der Recherche für eine Biografie über die 1959 verstorbene Jazz-Legende Billie Holiday, die sie jedoch aufgrund ihres eigenen Todes niemals fertigstellen konnte. Es ist dieses Narrativ, in dem James Erskines’ Dokumentation »Billie« die verschiedenen Erzählstränge über die Figur Billie Holiday zusammenlaufen lässt. Kuehl hatte nämlich vor ihrem Tod sowohl mit Größen wie Charles Mingus, Tony Bennett und Count Basie als auch mit Billies Cousin und einem FBI-Agenten, der Billie einst verhaften ließ, lange Interviews geführt, deren Aufnahmen erstmals in Erskines’ Streifen gezeigt werden. Dabei bleibt in der Dramaturgie des Filmes die Geschichte von Billies Leben immer im Dialog mit der Eigenerzählung Kuehls, deren vermuteter Suizid bis heute in der Familie ein großes Fragezeichen über die Verbindung zu dem Interesse an Billie Holiday setzt.

Billie Holiday auf der Bühne © Polyfilm/Getty/Michael Ochs Archives/REP Documentary/Marina Amaral

»Strange Fruit«

Billie Holiday wurde 1915 als Eleanora Fagan in Philadelphia geboren und wuchs in Baltimore teils bei ihrer Mutter, teils bei der Schwiegermutter ihrer älteren Halbschwester unter sehr prekären Verhältnissen auf. Nach einer Vergewaltigung, die sie erst Jahrzehnte später aufarbeitete, kam Billie in ein katholisches Erziehungsheim und fing 12-jährig an, als Botenmädchen im Bordell ihrer Mutter zu arbeiten, wo sie zum ersten Mal mit Jazz-Musik konfrontiert wurde. Das alles kurz vorangestellt, soll nun aber auf den wohl wichtigsten – und von Erskines am meisten betonten Aspekt – von Billies ausdrucksstarkem Singen und Leben hingewiesen werden, nämlich inwiefern ihre meist selbstgeschriebenen Texte in Zusammenhang mit der Stimme stehen, mit der sie, wie Billie selbst meinte, »gerne so singen würde, wie Louis Armstrong spielt«. Damit lieferte sie gewissermaßen den Soundtrack für die Widerstandsbewegung, die später unter Martin Luther King ihren ersten Zenit erreichte. Billies turbulentes und vielschichtiges Leben fand vor einem Hintergrund statt, in dem die Degradierung der Schwarzen Bevölkerung noch lange keinen Bogen um »Stars« wie Billie Holiday machte. Als Schwarze Frau in einer weißen Band, die sich in der nächtlichen Clubszene Harlems ihre ersten Sporen verdiente, blieb sie nicht bei Liebesballaden und Unterhaltungsmusik stehen, sondern machte ganz dezidiert mit ihren hochgradig politischen Texten auf die Gewaltakte gegen Black and People of Color aufmerksam, selbst wenn dabei oftmals meist weiße Teile des Publikums den Saal verließen.

Billie Holiday, die Queen des Jazz © Polyfilm/Photofest, inc/Robert Asen/REP Documentary/Marina Amaral

»All of Me«

Wogegen die Rebellin Billie Holiday sich aber nicht verwehren konnte, war die aggressive politisch-polizeiliche Verfolgung, der sie ausgesetzt war. Mit ihrer Suchterkrankung, die sich im Laufe ihres Lebens auf immer stärkere Subtanzen zuspitzte, war ein Grund gegeben, der der Polizei und allen, die Billie nicht mehr auf ihren Bühnen spielen sehen wollten, einen Angriffspunkt gab, die Jazz-Legende hinter Gitter zu bringen. Was – nach mehreren gescheiterten Versuchen – schlussendlich auch gelang. Doch auch während ihres Gefängnisaufenthalts blieb Billie nicht demütig, sondern saß die ihr verordnete Gefängnisstrafe vollständig ab, um schließlich mit noch größerem Jubel ihr »Comeback« zu feiern. Ihr blieb es aber auch für ihr restliches kurzes Leben nicht erspart, den Frotzeleien der staatlichen Polizei ausgesetzt zu sein. So wurde noch an ihrem Totenbett im Krankenhaus versucht, eine Verhaftung zu vollziehen, welche Billie allerdings nicht mehr überlebte. Und es ist eine Kunst des Dokumentarfilmemachens, hier nicht mit Schuldsujets zu spielen und weder ihre Drogenabhängigkeit zu romantisieren noch das »Motiv« der einsamen Rebellin, die unverständlich für ihre Außenwelt gewesen sei, zurück aufs Podest zu stellen. Ganz im Gegenteil schafft es Erskines, nicht kitschig zu sein und die realen Lebensumstände der Sängerin aufzuzeigen, ohne die ganz offensichtliche Dramatik ihres Lebens so ins Bild zu rücken, dass sie die realen Probleme ihrer Zeit verklären würde. Zwar bleibt uns ein bisschen »Mystifizierung« auch bei Erskines’ Film nicht erspart, nachdem vor allem die Geschichte der Journalistin Kuehl sehr dubios gerendert wird. Allerdings machen das die vielen großartigen gezeigten Live-Aufnahmen wieder wett, die in Erskines’ Film in einer ganz neuen Archivmaterialaufbereitung Billie Holiday auch erstmals in Farbe zeigen.

Schlussendlich motiviert der Film also vor allem auch dazu, sich der Musik Billie Holidays und der damit einhergehenden Epik wieder aktiv zuzuwenden. Denn – wie im Film besprochen – der große Unterschied zu ihrer Kollegin Ella Fitzgerald ist der, dass, wenn Ella über einen Mann singt, der sie verließ, es sich anfühlt, als wäre er nur kurz einkaufen gegangen. In Billies Interpretationen sei er allerdings für immer fort und käme sicherlich nie wieder.

Österreichischer Kinostart von »Billie« ist der 12. November 2021.

Link: https://www.polyfilm.at/film/billie/