»Import Export«

Zu Ulrich Seidls »sozial-realem« Spielfilm »Import Export«.

Als die Welt Pasolinis ultimativen Streifen »120 Tage von Sodom« 1975 erstmalig auf Leinwand sah, herrschte globale Entrüstung sowohl unter den Filmkonsumenten als auch -kritikern. Derzeit noch in manchen Ländern beinhart verboten, verblüfft dieser Außenseiter trotz seines extrem avantgardistischen Charakters und brisanter Aktualität heute nicht mehr derartig wie damals, aber er peinigt.
Genauso bitter-beißend, weniger jedoch bestürzend, ist Ulrich Seidls neue inszenierte Dokumentation, oder sehr gerne genannt, »sozial-realer« Spielfilm »Import Export«, der heuer im Cannes-Wettbewerb lief. Was »Import Export« eigentlich ausmacht, die Realität der Illusion oder die Illusion von Realität, weiß keiner der Filmcrew so genau. Nichts desto trotz schuf Seidl ein Filmwerk, nach dessen Radikalität und Stärke sich das österreichische Kino schon längst sehnte. Beschimpft als »Sozialpornograph«, beteuert als »berüchtigter Dokumentarist des alltäglich Abnormen«, liefert er wirkungsvolle Bilder zweier ungeschminkter Wirklichkeiten, die gleichermaßen bestialisch trist Gerechtigkeitssinn stiften und mit einem Tropfen bedrückten Humors verfeinert sind. Olga (Ekateryna Rak) ist als Krankenschwester in der Ukraine angestellt und kann von ihrem unregelmäßigen Lohn unmöglich ihr Kind ernähren. Nach einem misslungenem Kurzversuch als Darstellerin für eine Live-Internetpornoseite etwas dazu zu verdienen, versucht sie ihr Glück in Österreich, wo sie als Haushaltshilfe und schließlich als Putzkraft in einer geriatrischen Klinik landet. Der junge Wiener Paul (Paul Hofmann) verliert dahingegen nach einer gehirnwäscherischen Ausbildung zum Security-Wachmann seinen Job und muss seine Schulden begleichen, indem er mit seinem verhassten Stiefvater (Michael Thomas) Spielautomaten in der Ukraine aufstellt. Olga als billige, austauschbare Arbeitsimportware für den Westen, Paul als von Überdruss und Konsum zum Scheitern nahe Menschenware für das noch funktionierende Absatzgebiet Osten. Beide hoffen auf eine bessere Zukunft.
»Import Export« verkörpert eine graue und doch von dämonischer Schönheit und Kälte konsequent durchzogene Metapher für das zwischen Chauvinismus und Prostitution taumelnde Konglomerat Osten-Westen. Schmerzhaft und zwingend ja, aber keineswegs verwundernd, enthüllt Seidl minimalistisch in nüchternen Bildern dargestellte Wirklichkeit. Eine improvisierte Wirklichkeit, die ihn und seine Mannschaft drei Jahre harter physischer Arbeit unter Extrembedingungen und viel psychischer Ausdauer kostete. Keiner dachte zu jenem Zeitpunkt ans jetzige Kunstwerk, bloß an dessen Qualität im jeweiligen Entstehungsstadium. Pasolinis Preis für sein letztes Wagnis war damals leider sein Tod, Ulrich Seidl hingegen bedeutet endlich einen willkommenen Meilenstein in der österreichischen Filmgeschichte. Ab ins Kino!

Kinostart: 9. November 2007

Im Rahmen der Viennale: Donnerstag, 25.10., 20:30 h Gartenbau, Samstag, 27.10., 11:00 h Künstlerhaus. Als Gäste anwesend: Ulrich Seidl, Ekateryna Rak und Ed Lachmann (Kamera)

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