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Ich kann dich auch im Rollstuhl lieben, Baby

Das aus neun Männern bestehende isländische Mariachi-Kollektiv schenkte dem nicht allzu zahlreich erschienenen Publikum einen wunderbaren Abend und mixte dabei die Zutaten Bläserblechlawine, Songwriting mit Hawaiigitarre und a capella-Chöre zu einer bekömmlichen Melange.

Man sagt den Isländern ja nach, dass sie – ähnlich wie die das angeblich bei den Finnen ist -ein seltsames Völkchen sein sollen. Manifestieren tut sich das an diesem Abend zuerst durch den etwas irre agierenden Bassisten und Teilzeitsänger der in Trainingshose und T-Shirt inklusive rot verglaster Sonnenbrille und Holzfäller-Fusselbart seltsame Verrenkungen vollzog. Eine Zeitlang durchaus unterhaltend, wurde die kleine Privatshow dann doch ein wenig anstrengend, und man würde sich wahrscheinlich zweimal überlegen, ob man den jungen Mann gerne als WG-Mitbewohner hätte. Aber egal, schon deshalb, weil ja die Hauptstimme, Benedikt H. Hermannsson (aka Benni Hemm Hemm, oder nennt sich die Band so?) in feinsten dunklen Zwirn gewandet bis zum obersten Hemdknopf zugeknöpft und adrett frisiert und kontrolliert fast aussieht wie der junge Roy Black, und für den restlichen, eher sorglos heterogen gekleideten Männergesangsverein mehr als entschädigt.

Bottleneck und Blasesause

Vom ersten Ton an hat die Band das Publikum auf ihrer Seite, in den leisen Passagen – wie im schon sehr früh verschossenen Highlight »Fight« – das thematisch den unendlichen Kampf der Geschlechter kurz und präzise abhandelt – konnte man fast die buchstäbliche Stecknadel fallen hören. Und das ist beim allgemein sehr kommunikativen Wiener Konzertpublikum alles andere als eine Selbstverständlichkeit. Markantes strukturelles Element der Benni Hemm Hemm’schen Stücke ist der Wechsel von leisen, introspektiven Gesangspassagen mit gestreichelter Akustikgitarre und bestenfalls dem einen oder anderen jaulenden Ton von der passagenweise mit Bottleneck gespielten, elektrischen Penisverlängerung, und dem voluminösen Einsatz der gesamten Brass-Sektion und den restlichen Standardinstrumenten für den Rock’n’Roll. Das garantiert auch keine allzu langen, eintönigen Passagen, die so spät am Abend ja schnell einmal den Gähnreflex aktivieren. Seltsam ist auch, dass hier eine altersmäßig durchwegs in den Zwanzigern angesiedelte Band (der Schlagzeuger ist eventuell etwas älter und sieht aus wie eine jüngere Kreuzung aus Robert Wyatt und Slovoj Žižek) Musik für ein Publikum macht, dass im Schnitt wahrscheinlich sogar mehr Jahresringe hat als die Musiker. Das kann aber auch daran liegen, dass Hermannsson, ähnlich dem Texaner Micah P. Hinson, wesentlich älter klingt, als es seine biologischen 26 Erdenjahre und sein juveniles Aussehen erwarten lassen würden

Adoleszenter Fatalismus

Und auch thematisch ist man in den teils englisch, teils in blumigst klingendem isländisch gesungenen Stücken von der » Hochsaison im Eissalon« weit entfernt. In einem in der Muttersprache vorgetragenen Stückn ist z.B. in ganzen sechs kurzen Textzeilen die Rede von einer Bootsfahrt in einem Grüppchen von sechs oder sieben (?) Leuten, von denen einer nur mehr als Geist zurückkehrt. Seltsam, und wenn man nicht gerade dabei war kennt man sich da echt nicht aus, und ähnlich orakelgleich sind auch die Zwischenkommentare (warum fehlt im Tal eine Aluminiumfabrik?), bei denen das Warten auf eine Pointe lang werden kann. Kryptisch, kryptisch, macht aber gar nix, weil einem musikalisch fast zwei Stunden lang so wunderbar beherzt in jubilierenden Melodien kalt/warm gegeben wird, dass die Zugabenforderungen selbst nach dem zweiten Bonusblock nicht abreißen wollen. Spezielles Highlight waren die vom »Testosteron-Neuner« unisono gesungenen Passagen, in denen anschaulich demonstriert wurde, dass das Erhabene und das Lächerliche oft nur um Haaresbreite auseinander liegen. Beim nächsten Wien-Termin gibt’s keine Ausreden mehr: Pflichttermin!

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Text
Stefan Koroschetz

Veröffentlichung
12.03.2007

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