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File Under: Village Disco or Space Folklore

Die Voraussetzungen für diese meines Wissens nach erste Wien-Visite des Ukrainers German Popov als Hauptact waren bestens: 2005 hatte der unter dem nom de Guerre OMFO (Our Man From Odessa) Firmierende mit »Trans Balkan Express« einen mittelgroßen FM4-Hit abgeliefert, der in den entsprechenden Clubs heavy rotierte. Das offensichtliche Kraftwerk-Zitat sagte bereits viel über den Produktions-Zugang des schon lange in Amsterdam lebenden Popov aus: Hier wurden tradierte Volksliedmelodien mit elektronischem Unterfutter bastardisiert, zum einen wird schamlos mit dem Einsatz am Tanzboden geliebäugelt, zum anderen wird auch in Ambient-Jagdgründen gewildert. Vor einigen Monaten erschien OMFOs zweite abendfüllende CD »We Are The Shepherds« (produziert von »Kokosnuss« Uwe Schmidt), die schon mit der Cover-Art – einem gemalten Bildnis eines Kosmonauten auf einer Planeten-Kraterlandschaft nebst seiner Schafherde, wobei selbst die Schafe lustige, transparente Helme tragen. Es geht also eindeutig in Richtung Retro-Futurismus, inhaltlich in Form eines am CD-Cover abgedruckten Manifestes über die vermeintlich enorme Bedeutung der Schafhirten (Yuri Gagarin, der Astronaut William Shepherd, sogar der berühmte Hirtenhund Laika kommen ins Spiel) in Sachen Raumfahrt, Klangentwicklung, und für die Menschheitsgeschichte sowieso. OMFO soll nach Überlieferung in seiner Jugend von einer Kosmonautenlaufbahn geträumt haben, zum Glück ist daraus nichts geworden.

Hitverweigerung und tanzende Steppenbären

Live präsentiert sich OMFO als Hohepriester am Laptop mit Teilzeitbeschäftigung an der Hirtenflöte, am Podest hinter seiner vierköpfigen Band, die an diesem Abend einen Großteil der »Drecksarbeit« an den »echten« Instrumenten erledigt. Da ist einmal der Crooner im hellen Anzug (der auf den ersten Blick wie ein gutmütiger George Clooney mit leichten Symptomen von Morbus Basedow aussieht), der – wenn er nicht gerade herzzerreißend singt – sich an der Handtrommel engagiert. Der – ähmm – optisch ziemlich strizzihaft und trotzdem grundsympathisch auftretende junge Mann mit den Pudellocken, welcher virtuos die ukrainische Mutation eines Hackbretts, das Akkordeon, sowie die Melodika gleichermaßen überzeugend bearbeitet. Weiters ein Multitalent für jegliche Art von östlichen Gitarrenverschnitten (weiß irgendwer wie dieses große, dreieckige Instrument, sozusagen ein Vorläufer der Gibson-Flying-V, heißt?), sowie eine der wunderbaren Jane Birkin ähnlich sehende Frau am Xylophon, dem Theremin, und an was weiß ich noch alles. Durchwegs Multiinstrumentalisten also, die mit ihren skurril-kaurismäkoiden Kopfbedeckungen zu den eigentlichen Helden des Abends werden sollten. Von Popov im stilsicheren roten Nadelstreif souverän aus dem Hinterhalt dirigiert, geigt sich der spielfreudige Vierer mit Steuermann durch eine Revue des bisher veröffentlichten OMFO-Werkes und noch Einiges mehr. Unterbrochen nur durch launige Ansagen des Elektronik-Magiers, dessen »Clicks & Cuts« sich in den besten Momenten in die Gefilde von Richard James vorwagen bzw. in den seltenen schwächeren Passagen in ein eher prolohousiges »Four to the Floor« abzweigen. Der knackevolle Club Ost will ja zwischendurch auch einmal richtig »gerockt« werden, wenn auch die zum Teil mit mindestens 160 Sachen und Blaulicht (Gruß an Ex-Minister Hubert Gorbach an dieser Stelle!) präsentierten Techno-Folklore-Gassenhauer leicht gereicht hätten, das frenetische Publikum nach über zweistündiger gekonnt choreographierter Show mit glänzenden Augen in die Nacht zu entlassen. Bei dieser Begeisterung hinterließ es auch keinen bitteren Nachgeschmack, dass dem Publikum der »Trans Balkan Express« vorenthalten wurde. Sollten sie in nächster Zeit Gelegenheit haben OMFO live zu erleben – Schauen sie sich das an!

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Text
Stefan Koroschetz

Veröffentlichung
08.02.2007

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