Motorpsycho © Josef Waritschlager

Euphorie und Trance im Megapaket

30 Jahre nun schon veröffentlichen die Musikarbeiter von Motorpsycho Alben und touren fleißigst durch die Lande. Am Donnerstag waren sie im Festsaal Kreuzberg. Eine Huldigung von Fans und Band.

»Ich bin gerade in Trance« verlautbart eine kleine Person, die sich extra auf ein Podest gestellt hat, um das Spektakel über die vornehmlich hochgewachsenen männlichen Besucher hinweg zu sehen. Das ist irgendwann in den gefühlt fünf Stunden des Konzerts, die die Gestalten aus Norwegen ja so regelmäßig aufs Parkett legen. Eine andere Person verschüttet ihr Bier teilweise auf ihre Tasche, merkt es aber nicht. »Schau, da ist Bier auf deiner Tasche« – »Ach, nicht schlimm, das ist Rock’n’Roll«. Aber nicht dieser ernsthafte, unangenehme und auch nicht dieser ironische Rock’n’Roll. Sondern der sympathische Motorpsycho-Rock’n’Roll, der von ihren Hardcore-Fans (Psychonauten genannt) gelebte, welche die Band quasi vergöttern, ihnen hinterherfahren (Oliver Polak ist da ein recht berühmtes Exemplar, hat sie bereits an die hundert Mal gesehen) und für welche die Konzerte wohl so etwas wie Familien-Gatherings sind. Es ist der Rock’n’Roll der etwa 35–40-jährigen musikbegeisterten lieben Menschen, die einem einfach mal ungefragt Bier anbieten oder auf die Schulter klopfen, wenn man sie fröhlich anschaut. »Das ist sooo doll schön« ruft die Bierfrau und springt dabei herum, wild mit den Armen fuchtelnd, will ihre Freude allen mitteilen. Zurecht.

Motorpsycho sind nämlich wirklich so schön. So auch das Konzert im Festsaal Kreuzberg in Berlin, bei dem zudem Reine Fiske (Fire! Orchestra, Dungen) an Gitarre und Synths aushilft. Es beginnt mit dem ausführlichen Psychedelic-Jam-Sound, hervorgebracht vor allem durch Songs der neueren Releases »The Crucible« und »The Tower«, es folgen Abstecher Richtung »Timothy’s Monster« (»On My Pillow«), bei »No Evil« (von »Black Hole/Blank Canvas«) und dem Übersong »Hey, Jane« brodelte es im Hochofen. Aus der Jam heraus hat man sich nun in einen straighten Gitarren-Rock-Sound hineinmanövriert, dem eher introvertierenden Sound folgt ein wieder ausgelassenerer, der jedoch nicht ohne etwas Melancholie aus dem düsteren Norwegen auskommt. Die wird natürlich absorbiert und in Freude umgewandelt, in diesem Schmelztopf der Gefühle. Nach dem Abschluss mit einem Can-Cover (»Halleluwah«) reichen sie noch zwei weitere Nummern nach. Ihnen selbst wird offensichtlich auch nicht langweilig. Ein mittelalter Herr, schön, freundliches Gesicht, ist es, der mir so lieb auf den Rücken klopft, mich anlächelt. Er selbst habe schon zwanzig Auftritte an der Zahl gesehen, wird nicht müde. »Es ist jedes Mal ein Traum«, sagt er, und trotz der Länge der Show bleiben die Fans gespannt und geduldig. Hier bleibt man es auch, in Erwartung von neuem Material. Wer es nicht aushalten kann, lese doch bitte nochmal das Interview zum letzten Album.

Link: http://motorpsycho.no/