Nicht nur für Enkerln: Die »Grandmother«, ein Synthesizer von Moog © Foto von TStudio_lv auf Unsplash
Nicht nur für Enkerln: Die »Grandmother«, ein Synthesizer von Moog © Foto von TStudio_lv auf Unsplash

Eine kleine Geschichte des Synthesizers

Ein Themenüberblick aus gegebenem Anlass: Am 23. Jänner 2024 öffnet die Ausstellung »Musik aus Strom« ihre Pforten im Wiener Volkskundemuseum. Sie wird begleitet von einer Veranstaltungsserie, die in Kooperation mit verschiedenen Künstler*innen, Expert*innen und Kollektiven organisiert wird.

Ende des 19. Jahrhunderts entdeckte William Du Bois Duddell: Es ist möglich, die hörbaren Frequenzen zu kontrollieren, welche von Straßenlampen erzeugt werden, und zwar, indem die Spannung, die an die Elektroden geht, verändert wird. Ein Instrument namens »Singing Arc« (»singender Lichtbogen«) war die Folge. Der erste Synthesizer? Am 5. Jänner 2024 führt ein bekanntes fränkisches Musikalien-Versandhaus über 200 verschiedene, mehr oder weniger kurzfristig lieferbare Geräte unter dem Stichwort »Synthesizer«. Das billigste ist um 29,–  Euro zu haben: Stylophone S-1 Analog, die Replika eines Gerätes aus den 1970ern. Der teuerste Synth auf dieser Liste ist der Moog One. Dieser 16-stimmige polyphone Analog-Synthesizer mit Tastatur, an dem Moog drei Jahrzehnte lang entwickelt hatte, kostet 11.199,– Euro.

Meilensteine in den 1960ern und 1970ern

Bob Moog, nach ihm heißt bis heute diese Firma, war auch einer der bekanntesten Pioniere unter den Synthesizer-Herstellern. Sein Gerät, das er 1964 auf einer Convention vorstellte, gilt als erster spiel- und konfigurierbarer Synthesizer und seine Zusammenarbeit mit der Musikerin Wendy Carlos (»Switched On Bach«, 1968) ist weltberühmt. Im Ohr haben wir bis heute die frühe Anwendung eines EMS VC3, der 1969 von der Firma Electronic Music Studios präsentiert wurde. Seinen Sound kennen wir vom Intro zu »Won’t Get Fooled Again« (The Who, 1971), die TV-Serie »CSI Miami« hält uns das Lied in Erinnerung.

Don Buchla gilt als Antagonist zu Bob Moog. Bis heute wird von East Coast (Moog) und West Coast (Buchla) Synthese gesprochen. East Coast Synthese meint den subtraktiven Synthesizer. Oszillatoren liefern obertonreiche Schwingungen (etwa Sägezahn oder Rechteck), Filter entfernen Frequenzen aus diesen Schwingungen, was zu bestimmten Klangfarben führt. Bei der West Coast Synthese wird die Klangfarbe durch Manipulationen auf der Ebene der Oszillatoren erzeugt. Frequenzmodulation und Waveshaping (wie etwa Wavefolding) erzeugen komplexe Sounds. Inzwischen gibt es aktuell lieferbare Geräte, die beide Welten miteinander vereinen, wie etwa der 0-Coast (No-Coast) von Make Noise oder der Taiga von Pittsburgh Modular. Die ersten Synthesizer waren teuer, die meisten monophon, nur einige wenige, wie etwa jener von Alan Robert Pearlman, ARP Odyssey, konnten damals zwei Töne gleichzeitig spielen. Die ersten polyphonen Synths kamen Mitte der 1970er auf. Ein weiterer Meilenstein war der 1978 am Markt erschienene Prophet-5 von Sequential Circuits. Mikroprozessorgesteuert und programmierbar. 

Umstrittene Replikas

Sein Nachfolger, der ebenfalls legendäre Prophet 600 aus dem Jahr 1983, »inspirierte« in unseren Tagen den Hersteller Behringer, der in Zusammenarbeit mit GliGli den Pro-800 anno 2023 auf den Markt brachte. Um 359,– Euro gibt es also einen analogen Synth mit 16 Oszillatoren, 400 Speicherplätzen für Presets und einer Feature-Liste, die hier den Rahmen bei Weitem sprengen würde. Behringer ist bei Teilen der Community unbeliebt, weil sich das Unternehmen unter anderem von mehr oder weniger berühmten Synths, auch von gegenwärtig am Markt angebotenen, wie gesagt »inspirieren« lässt und die Ergebnisse zu niedrigen Preisen verkauft. Der jüngste Streich: eine Behringer Nachbildung des Kobol Expanders aus den 1970ern, neu um 199,– Euro zu haben. 

Aktuelle Marken, welche die Community nicht nur akzeptiert, sondern teilweise abgöttisch verehrt, sind SOMA, Sequential, Waldorf, Moog, Korg. Oder Arturia, eine Firma aus Grenoble, die neben Synths und Keyboards ausgezeichnete (auch optisch) virtuelle Emulationen berühmter Synthesizer aus beinahe allen Epochen herstellt. Man kann diese Legenden in einem Paket kaufen, in der V Collection X (V steht für virtuell, X für 10), die insgesamt 39 virtuelle Instrumente umfasst. Neben Klavieren, E-Pianos, Orgeln und dem wunderbaren Mellotron (Beatles’ »Strawberry Fields«), sind in diesem Packerl zahlreiche Synthesizer enthalten. Zum Beispiel Prophet-5, Synthi, CMI, Buchla Easel, Synclavier, SEM, ARP 2600 und einige mehr. Listenpreis ist 599,– Euro; in Schlussverkäufen und in der Black Week reduziert sich der Preis womöglich auf die Hälfte.

Wie erzeugen Synthesizer ihre Töne?

Die Klangerzeugung erfolgt über additive oder subtraktive Synthese, Frequenzmodulation; Sound Sampling wurde schon 1979 mit dem Fairlight CMI auf den Markt gebracht, dessen Urversion kostete damals rund 18.000,– Pfund (Version 3 bereits 60.000,– Pfund). Über die Granularsynthese oder die Wavetable-Synthese können ebenfalls Bücher geschrieben werden – und es gibt noch weitere elektronische Klangerzeugungsarten. Seit den 1990ern gibt es das »physical modelling«, wobei etwa Saiten oder Rohre als Modelle physikalisch simuliert und mittels virtueller Elemente, etwa Plektren oder Stöcken, zum Schwingen gebracht werden. Die inzwischen verfügbare, hohe Rechnerleistung macht das möglich. 

Apropos Rechenleistung. Heutzutage haben Handys oder Tablets weit höhere Kapazitäten als die größten Synth-Trümmer der 1960er- und 1970er-Jahre. Deshalb gibt es nette Spielzeuge, wie den Minimoog Model D Synthesizer für das iPhone schon um 34,99 Euro zu kaufen. Nicht zu vergessen: Die Modularen Synthesizer, die aus einzelnen Komponenten selbst zusammengestellt werden oder in fertigen Konfigurationen erwerbbar sind. Achtung: Hohes Suchtpotenzial! Manche Zusammenstellungen haben den Einkaufswert einer mittleren Yacht. Aber das wäre das nächste Thema ohne Ende.

Empfehlung: »Musik aus Strom«

Ende Jänner 2024 öffnet im Wiener Volkskundemuseum eine Ausstellung inkl. Veranstaltungsreihe, die gemeinsam mit Klub Montage, Manege Frei, Modular Synthesizer Ensemble, Signalzirkus und Sounds Queer organisiert wird. »Musik aus Strom« rückt die elektronische Musik im Allgemeinen und den Synthesizer im Besonderen in den Mittelpunkt. Drei Veranstaltungsserien wird es geben: »Salon Poti«, Präsentationen mit Raum für Diskussionen; »Klub Montage«, ein partizipatives Forschungsprojekt, und »Manege Frei«, hosted by Signalzirkus: Spontane musikalische Kooperationen in kleinen Gruppen präsentieren ihre jeweiligen Ergebnisse im Abendprogramm. Jetzt anmelden, die Plätze sind limitiert! Die Ausstellung selbst ist von 23. Jänner bis 16. Februar 2024 geöffnet, und zwar jeweils von Dienstag bis Sonntag, 10:00 bis 17:00 Uhr, an den Veranstaltungstagen bis 22:00 Uhr. »Musik aus Strom« wird im Rahmen des Erste Bank Sponsoringprogrammes »Vermehrt Schönes!« unterstützt.

Links: http://www.musikausstrom.at

https://www.volkskundemuseum.at/musik_aus_strom 

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