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Die Zukunft ist nicht mehr, was sie war: Das utopische Kino von Mika Taanila

taanila.jpgMika Taanila wurde 1965 in Helsinki geboren, wo er auch lebt und arbeitet. Nach dem Studium am TV- und Filmdepartment des Polytechnischen Instituts in Lahti begann er 1993 mit Film-Lectures und gründete 1994 die Helsinki Film Coop. Seit 1997 laufen seine Kurzfilme auf Film- und New-Media-Festivals weltweit, dazu kommen an die fünfzig Gruppen- und Soloausstellungen. Er war Kurator u.a. für die Shortfilm-Festivals in Uppsala und Tampere, seit 2000 ist er Programmdirektor für das Avanto – Helsinki Media Art Festival. Er ist Mitglied des Filmerkollektivs Kinotar und gilt als einer der prononciertesten Vertreter aktueller finnischer Medien- und Filmkunst.

Taanila ist ein veritabler Musikfan. In praktisch jedem Film spielt Musik eine prominente Rolle. Nach diversen filmischen Vorstudien begann er 1991, für eine Reihe finnischer Bands wie etwa den rabiaten Surf-Rockern von 22-Pistepirkko Musikvideos zu drehen. In seinem ersten 35mm-Streifen »Thank You For The Music« (»Elokuva muzakista«) setzte er sich 1997 mit Muzak auseinander, eine Musik, die gerne als verkaufsfördernde Hintergrundbeschallung in Kaufhäusern verwendet wird. »Optinen Ääni« (»Optical Sound«) schließlich wurde 2005 auf dem Stuttgarter Festival für Expanded Cinema mit einem Preis ausgezeichnet. In dieser wie bei einer Rayographie direkt auf Film kopierten abstrakten Arbeit stammen sämtliche Bilder und Töne von veralterten Computern und Druckern, auf der Tonspur läuft der dröhnende Sound von »Symphony #2 for Dot Matrix Printers« der kanadischen Künstlergruppe [The User].

Zwischen diesen Filmen liegt eine lange Entwicklung unterschiedlichster Herangehensweisen an die Schaffung eines technologisch induzierten Blicks auf gesellschaftliche Phänomene: Taanilas Filmsprache lässt an retrofuturistische Implikationen denken, bei denen die Zusammenführung von Mensch und Maschine eine gewichtige Rolle spielt. Nicht umsonst gilt seine Dokumentation »Tulevaisuus ei ole Entisenä« (»The Future is not what it used to be«) von 2002 über den finnischen Mathematiker, Filmemacher und Live-Media-Pionier Erkki Kurenniemi als Schnittstelle zwischen Kurenniemis audiovisuellen Visionen in den mittleren 1960ern und aktueller finnischer Elektronikmusik, exemplifiziert an der Band PanSonic und dem Label Säkhö, welche Mitte der 1990er zur Blaupause für zeitgenössische elektronische Experimental- und Technomusik werden sollten.

tulev_ek_kuvaaWeb.jpgDer 1941 geborene Erkki Kurenniemi zählte zu den ersten, die an einer Verschaltung von angewandter Computerphysik mit Musik- produktion forschten, der Visionär erfand zahlreiche Synthesizer und Modular- programme. In Tanilaas Dokumentation erzählt Kurenniemi in seiner eigenen melancholisch-philosophischen Art die Geschichte der audiovisuellen Computerkunst und damit seine eigene, als Hybridität noch echte Zukunftsmusik war. Zu sehen ist auch ein kurzer Ausschnitt aus sozusagen Kurenniemis Version eines »Ballett Mécanique«: »DIMI Ballett« ist eine, aus unerfindlichen Gründen nie gezeigte, für einen finnischen Fernsehfilm realisierte Dokumentation einer Performance für Musik und Tanz. Der Sound kommt von dem von ihm konstruierten »DIMI-O« (Digital Music Instrument, Optical Input), einer Art »Lichtorgel«, die die Bewegungsimpulse einer Tänzerin in Töne in Echtzeit umsetzt. Ein Dokument über die Frühzeit der visuellen Klangerzeugung. – Klar gab es in der Folge einige gemeinsame Konzerte von Kurenniemi und PanSonic.

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 Erkki Kurenniemi erklärt den »DIMI-O«; »Tulevaisuus ei ole Entisenä« (Filmstill)

Taanilas Codes speisen sich aus anthropologischen Grundlagen, Found-Footage und aus Newsreels, die zu Cut-Ups aus Historie, (Film-)Material und Wissenschaft montiert werden. So könnten seine Filme als künstlerisch wertvolles Anschauungsmaterial für den Schulunterricht durchgehen, bei denen nicht mehr auszumachen ist, ob sie aus den späten 1960ern, von jetzt oder gar aus den 1920ern stammen. Weshalb es beinahe logisch erscheint, dass die sehr schön produzierte DVD »Aika & Aine« vom Amsterdamer Label Reel23 veröffentlicht wurde, dessen Name und Programm auf William S. Burroughs rekurriert.

Dabei ist Taanilas Ansatz keineswegs in eine mythologisierte Vergangenheit gerichtet. Denn bei aller Ernsthaftigkeit der verhandelten gesellschaftspolitischen Themen blitzen immer wieder informative, kuriose und teils skurrile Momente durch: So etwa in der Doku »RoboCup ’99« von der ersten Roboter-Fußballweltmeisterschaft, zwei Jahre nachdem der damalige Schachgroßmeister Garri Kasparow zum ersten Mal vom Computer »Deep Blue« geschlagen worden war. Dieses Ereignis hatte für viele Wissenschafter, die sich mit künstlicher Intelligenz beschäftigen, einen regelrechten Paradigmenwechsel und Quantensprung bedeutet.

Die Mini-Spieler sorgen bei Programmierer- und Filmpublikum für ein ähnliches emotionales Wechselbad wie bei einem ›echten‹ Spiel. Dabei geht es nicht nur um die Leidenschaft Fußball sondern auch darum, Entwürfe für Kybernetik und Raumfahrt bereit zu stellen. So träumt der koreanische Leiter des »RoboCup« im Film davon, dass um 2080 die Roboter es mit echten Spielern aufnehmen werden und gibt zu bedenken, dass es weniger als sechzig Jahre brauchte, um von ersten Flugversuchen zur Raumfahrt zu kommen und gut fünfzig Jahre, um von den ersten Lochkarten-Rechnern zu Supercomputern wie eben »Deep Blue« zu gelangen. Seiner Meinung nach seien Roboter dann in der Lage, schwierige Operationen beim Menschen (im Körper selbst) durchzu- führen oder im Weltraum oder bei der Kolonisierung von unbekannten Planeten selbstständig Entscheidungen zu treffen. »RoboCup« sieht sich als ein technisch-wissenschaftliches Testgelände und erdet es in einem hochdynamischen Spiel wie Fußball.

Den »RoboCup ’99« gewann übrigens überlegen die Mannschaft der Universität Teheran gegen ihre Kontrahenten aus Italien. Der Coach, ganz aufgelöst: »This was a great day for Iran and will be a great surprise there. We are very happy that we could demonstrate that also a country like Iran plays in the top league of artificial intelligence roboting.«


 

Interview mit Mika Taanila

Wie kamen Sie dazu, Dokumentarfilme zu machen?
Als ich 14 Jahre alt war, habe ich einige experimentelle Filme des finnischen Regisseurs Eino Ruutsalo (1921-2001) gesehen. Es war eine Art positiver Schock, festzustellen, dass es Filme ohne Geschichte, Handlung und sogar Menschen gab. Nach ein paar Super-8-Filmen für meine Punkband Swissair wollte ich Film studieren, wurde aber nicht genommen. Ich schrieb mich also am Anthropologie-Institut in Helsinki ein, wo es Kurse über anthropologisches Filmemachen gab. Daraus ergaben sich meine beiden »Traditionen«, nämlich Avantgarde- und ethnografischer Film. Darüber hinaus haben mich die Arbeiten von Man Ray, Duchamp, Jean Painléve oder Emile de Antonio sehr geprägt.

Haben Sie neben Ihren Dokus und Installationen auch ›reguläre‹ Filme gedreht?
Ich könnte nie fiktionale Filme machen. Während meines Filmstudiums habe ich mich an einigen versucht, das endete aber im Desaster. Jemandem zu sagen, wie sie/er zu spielen hat oder narrative Handlungen zu entwerfen, liegt mir einfach nicht.

Was gibt es beim Avanto-Festival zu sehen?
Das Avanto stellt immer wieder eine gute Möglichkeit dar, Avantgarde auf die große Leinwand zu bringen. Es gibt keine regulären, diesbezüglichen Veranstaltungen und keine Experimentalfilmserien in Helsinki, weswegen das Avanto von Leuten, die sich für neues Kino interessieren, recht genau verfolgt wird.

Wie ist Ihr Zugang zur Filmproduktion?
Meine Arbeitsweise ist sehr langsam, weil ich für jeden Film eine neuen Methode ausprobiere. Ich liebe Montage. Wenn erst mal das Shooting vorbei ist, könnte die Post-Production ewig dauern. Glücklicherweise arbeite ich mit einem Produzenten zusammen, der mit sagt, wann Schluss ist.

Die Doku »Tulevaisuus ei ole Entisenä« ist dem finnischen Mathematiker und Erfinder Erki Kurenniemi gewidmet, der hier praktisch komplett unbekannt ist …
Kurenniemi war ein echter Visionär. Seit den frühen 1960ern hat er Unglaubliches geleistet, um neue Interfaces zu entwickeln, er war immer auf der Suche nach einer Symbiose zwischen Mensch und Maschine. Zwischen 1968 und 1973 konstruierte er eine Reihe musikalischer und optischer Instrumente namens DIMI (Digital Musical Instruments), die ihrer Zeit weit voraus waren. Er war wirklich ein Pionier der interaktiven elektronischen Kunst. Sein Einfluss auf die finnische Elektronikszene kann nicht überbewertet werden.

 

Mika Taanila: »Aika & Aine«. DVD. Mit Musik von [The User], Erkki Kurenniemi, Rehberg & Bauer, Electroverde, u. a. Sprachen: Finnisch, Schwedisch, Englisch, 2.0/ 5.1. Untertitel: Deutsch, Spanisch, Englisch, Französisch, Schwedisch. Ratio: 4:3/16:9. Erschienen bei Reel23, deutschsprachiger Vertrieb: Projekt b.

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Text
Heinrich Deisl

Veröffentlichung
24.01.2007

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