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Die Hö(h)l(l)en Europas

Sich die Bresche schlagen durch zwei Tage Programm macht die Auswahl leichter und doch ist man vor Fehlschlägen nicht gefeit. Von den beiden Wettbewerbsfilmen als Schnittmenge des »Europäischen Kinos« erzählte »Principii de Viat?â« / »Principles of Life« einen Tag aus dem Leben eines neureichen Machertyps (Vlad Ivanov, bekannt aus Cristian Mungius Klassiker »3 Monate, 4 Wochen & 2 Tage«) und seiner Patchworkfamilie, doch langweilt der zweite Langfilm Constantin Popescus schon nach fünf Minuten. Note fünf in Dramaturgie! Zu viele, kaum sinnreiche Dialoge mit wenig Substanz, über eine lange Strecke nicht zu ertragen, weshalb auf die finale Zuspitzung gern verzichtet wird. Pia Marais‘ »Im Alter von Ellen« / »At Ellen’s Age« hat immerhin weniger Abdrift-Impulse. Ellen, gespielt von der wohl bewusst hanebüchen wirkenden Jeanne Balibar, steigt aus ihrem bisherigen Leben aus. Zwar wirken Szenen wie jene um eine Tierschützer-Clique glaubhaft, doch im gesamten Ablauf bauscht sich der Streifen immer mehr zu einem Konstrukt an Skurrilitäten auf. Gro&szligartig allerdings ist die Filmmusik von Horst Markgraf/Yoyo Röhm die den »Absturz« der Stewardess und ihren finalen Aufbruch in ein neues, afrikanisches Leben beklemmend zu begleiten wei&szlig. Dass »Im Alter von Ellen« von der Jury ex aequo mit Lluís Galters »Caracremada« mit dem CROSSING EUROPE Award European Competition (Preisgeld: EUR 10.000) bedacht wurde, überrascht somit einigerma&szligen.
 
Ceau?escu und Europas visionslose Romapolitik

eins_1.jpg Beziehungen und familiäre Verstrickungen ziehen sich beinahe wie ein Faden durch die Programmierung. Selbst in »Le Bateau En Carton« aus der Reihe »Stadt – Migration – Identität« (in Kooperation mit dem Architekturforum OÜ). José Vieira hat diese im englischen »The Paper Boat« betitelte Doku von März 2009 bis März 2009 gedreht und damit eine klar umrissene Bestandsaufnahme des Scheiterns der europäischen Politik geschaffen. Seit Rumänien in den Schengenraum aufgenommen wurde, besteht für jeden Rumänen Reisefreiheit. Auch für die Roma, die dem grassierenden Rassismus ihrer Landsleute und der beträchtlichen Armut entfliehen. Ein Leben als Bettler in Frankreich erschien vielen aus der Stadt Horezu (aus dem Kreis Vâlcea, Kleine Walachei) erstrebenswerter. Denn immerhin lie&szlig sich von den Almosen, die die Franzosen geben, ein Leben zwischen Autobahn- und Eisenbahnsträngen einrichten. In Frankreich fühlen sich die rumänischen Roma respektiert, auch wenn sie dort meistens nur Geld durch Betteln erwirtschaften. Doch seit Sarkozy hart durchgreifen lässt, werden viele slumartigen Besiedlungen geschliffen. Vieira zeigt eindringlich wie die Tsiganes ihre »Häuser« mit eigener Hand aus Holzplanken, jungen Baumstämmen, Teppichen und Plastikplanen als Seitenwände und Dächer zimmern, ohne je ein Messgerät dafür zu verwenden. Und wie die Polizei Räumungen durchführt, die manchmal den sozialen Zusammenhalt durcheinanderwirbeln, mit schlussendlich folgender Planierung der Hütten samt bescheidenem Wohnmaterial. Wütend schreit ein Roma seinen Unmut heraus: »??Liberté, Egalité, Fraternité?? steht auf jedem französischen Rathaus geschrieben. Aber das stimmt nicht, die französischen Behörden sind Rassisten!«

CE11_PAS_le_bateau_en_carton_the_paper_boat_2.jpgVieira gibt mit dieser Doku den Roma ihre Würde zurück, die ihnen eine mutlose französische (Zurückschiebung nach Rumänien mit 300 Euro Handgeld) bzw. uneinige EU-Politik raubt. Perspektive hie&szlige, den Roma eine Ansiedlung etwa in Gebieten zu ermöglichen, die nicht mehr landwirtschaftlich genutzt werden. Dafür gäbe es sogar EU-Subventionen. Immerhin löst die EU das Problem nicht wie einst Rumäniens KP-Generalsekretär Nicolae Ceau?escu, wie zwei Protagonisten aus »Le Bateau En Carton« über das bittere Schicksal von Vorfahren erzählen. Machten Roma ein Problem, lie&szligen sie Schergen des Conduc?tor verschwinden, indem sie im Hafen von Konstanza auf ein Boot verfrachtet wurden. Drau&szligen auf dem Schwarzen Meer hatte sich dann die Bootspappe mit Wasser vollgesogen ??

Deutsch-türkische »Parallelwelt« in Istanbul

Gro&szligartig wie immer ist der Zyklus »Arbeitswelten« programmiert. »Wir Sitzen im Süden« / »Based Down South« von Martina Priessner porträtiert Bülent, Murat, Fato? und ?i?dem, die ihre Kindheit und Jugend in Deutschland verbracht haben, jedoch unfreiwillig in die Türkei zurückkehren mussten. Dank ihrer perfekten Sprache sind sie in Call-Centern für Neckermann oder Lufthansa tätig. Zu ihrem Job haben sie ein ambivalentes Verhältnis wie auch zum Leben in Istanbul, das sie in einer Art Parallelgesellschaft verbringen, wo beispielsweise in einem Café nur Deutsch gesprochen wird. Jede/r hat sich sein Ersatz-Deutschland eingerichtet. Man/Frau ist in beiden Kulturen zu Hause und doch überwiegt die Sehnsucht Richtung Wunschheimat Deutschland, doch scheint eine Rückkehr wegen der verschärften Fremdengesetze nicht machbar.

CE11_PAS_wir_sitzen_im_sueden_6.jpg Martina Priessner begleitet Fato? und Murat in die alte Heimat, was nach langwierigem Ansuchen um ein Visum nur im Urlaub möglich ist. Trotz der traurigen Tatsache gelingt es der bayerischen Filmemacherin, die Liebenswürdigkeit und den Humor und Witz der jeweiligen Charaktere hervorzustreichen. Etwa, als Fato? auf dem Weg zu ihren Pflegeeltern den nebelumrankten Schwarzwald entlangfährt. Dabei schildert sie, wie sie als Kind den Nebel erklärt bekommen hat: »Die Hasen machen sich dort gerade einen Kaffee«.

Morbide Grandezza an den Gruben Europas

Im Mittelpunkt von Marianna Kaats »Auk Nr. 8« / »Pit No. 8« stehen zum einen die Narben einer Landschaft, in die eine Unmenge von Schächten eingegraben ist. Im ukrainischen Donbass, einst Vorzeigeregion des Kommunismus, sind sehr viele Kohlegruben geschlossen worden, doch wird in Schacht Nr. 8 wieder geschuftet, illegal Kohle abgebaut, um einen Lebensunterhalt bestreiten zu können. Viele Menschen haben den Niedergang nicht verkraftet und darben im Alkoholismus.
 
3kids4.jpgZum anderen werden diesen fantastischen Bildern der Tristesse die vitalen einer kleinen Ersatzfamilie gegenübergestellt. Dank der Energie des 15-jährigen Yura, der in solchen Minen sein Geld verdient, bleibt er mit jüngerer und älterer Schwester zusammen. Das soziale Gefüge ist brüchig, stellt sich über die Jahreszeiten heraus, und im beginnenden Frühling stehen die Zeichen leider auf Zerfall, weil sich die Ältere ausklinkt und auch Yura eine Neuorientierung plant. Unvergessen bleibt jener Filmausschnitt, wo die Kinder vor einem McDonalds-Lokal in der Stadt Snizhne stehen und sich beim Studieren der teuren Menükarte wundern: »Das sind aber fabelhafte Preise.«

»Schacht Nr. 8« wurde im »Panorama Europa« gezeigt. Diese ergiebige Kinoquelle ist unterteilt in die Schiene »Panorama Docs«, wo die brutale Realität mitunter fiktional erscheint und ebenso bildgewaltig festgehalten wird, wie in der Parallelreihe »Panorama Fiction«, wo Erdachtes mit ungeheurer Urgewalt über einen hereinbrechen kann. »Beli Beli Svet« / »White White World« von Oleg Novkovi? ist einer der allerbesten daraus und spielt in Bor, wo sich die angeblich tiefste Bergbaugrube Europas befindet. Dušan Makavejev hat Bor übrigens bereits zu einem Schauplatz seines leidenschaftlichen Kinos gemacht: »?ovek nije tica« / »Man Is Not A Bird« (YU, 1965).

CE11_PAF_beli_beli_svet_white_white_world_4.jpg Nach einem Drehbuch von Melina Markovi? und mit dem in Novi Sad lebenden Komponisten Boris Kova? hat Novkovi? ein episches Drama entwickelt, in dem die Schauspieler vor Ort die Handlung unterbrechen, um in einem Song ihren desaströsen Seelenzustand mitzuteilen. Die vom Leben gezeichneten, antiglamourösen Filmfiguren wirken so heruntergekommen wie die Kupferminenstadt im Südosten Serbiens nahe der bulgarischen Grenze – was aber keine Metapher auf den Zustand des politischen Gebildes Ex-Jugoslawiens ist. Jedenfalls muss der Autor dieser Zeilen ob der dunklen Stimmungen an Nick Cave denken, der vor Neid erblassen würde, sähe er diese abseitige Story mit dem Herz wie Seele rührenden Soundtrack. Als der Barbesitzer King, der unbekannterweise die Tochter seiner Ex-Geliebten schwängert, davon erfährt, dass er sein eigener Gro&szligvater wird, steht er am Rand des Abgrundes der Kupfermine und der Chor der Bergarbeiter von Bor verstärkt die gesungene Larmoyanz ob seines eigenen Niedergangs. Was für ein glorioser Jammer! Gänsehaut! Damit ist diese Tragödie mit überragenden Bildern von ausdrucksstarker Wucht noch gar nicht zu Ende erzählt ?? die Hoffnung besteht, dass sich ein österreichischer Verleih findet. Immerhin wurde »Beli Beli Svet« mit dem NEW VISION AWARD (EUR 5.000) prämiert.

seven.jpg Schlussendlich sei noch »Szelíd Teremtés – A Frankenstein Terv« / »Tender Son, The Frankenstein Project« erwähnt. Regisseur Kornél Mondruczó spielt darin selbst den Vater, dessen von ihm versto&szligener Sohn zum Casting kommt, dabei einen Mord und bald darauf zwei weitere im Affekt begeht. Ein verwunschenes, fast leer stehendes Wohnhaus in Budapest bietet ein Setting, das im Zuseher mehr und mehr Unbehaglichkeit hervorruft. Das Gruseln ob des seelischen Unvermögens bleibt allerdings verhalten, und in der schön gefilmten Schlusssequenz verlieren sich nach einem Verkehrsunfall hoch oben in Osttirol die Spuren. Der Vater stapft, den schwer verletzten Sohn im kaputten Auto zurücklassend, ins verderbnisvolle Wei&szlig der Schneehölle.

»Principii de Viat?â« / »Principles of Life«. Rumänien 2010. Regie: Constantin Popescu. DarstellerInnen: Vlad Ivanov, Gabriel Huian, Rodica Lazar u. a.

»Im Alter von Ellen« / »At Ellen?s Age«. Deutschland 2010. Regie: Pia Marais. DarstellerInnen: Jeanne Balibar, Stefan Stern, Georg Friedrich, Julia Hummer u. a.

»Le Bateau En Carton« / »The Paper Boat«. Frankreich 2010. Regie: José Vieira. DarstellerInnen: Ionut M., Belgyan S., Liliana R., Gogu L., Gheorghe A., Ionel C., Carmen S.; Niculita G., Gheorghe G., Sorina M., Cristina F., Aurélia S., Marius B., Andreea L.

»Wir Sitzen im Süden« / »Based Down South«. Deutschland/Türkei 2010. Regie: Martina Priessner. DarstellerInnen: Bülent Kubulu, Murat Demirel, Fato? Yildiz und ?i?dem Üzdemir

»Auk Nr. 8« / »Pit No. 8«. Estland/Ukraine 2010. Regie: Marianna Kaat. DarstellerInnen: Yura Sikanov, Julia Sikanova, Ulyana Sikanova u. a.

»Beli Beli Svet« / »White White World«. Serbien/Deutschland/Schweden 2010. Regie: Oleg Novkovi?. DarstellerInnen: Nebojša Glogovac, Meto Jovanovski, Uliks Fehmiu, Milica Mihajlovi?, Hana Selimovi?, Nemanja Jovanov, Boris Isakovi?, Marko Janketic, Jasna ?uri?i?.

»Szelíd Teremtés, A Frankenstein-Terv« / »Tender Son, The Frankenstein Project«. Ungarn/Deutschland/Üsterreich 2010. Regie: Kornél Mondruczó. DarstellerInnen: Kornél Mondruczó, Rudolf Frecska, Lili Monori, Kitty Csíkos.

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Text
Alfred Pranzl

Veröffentlichung
18.04.2011

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