Über die Berichterstattung des Online-Magazins »Pitchfork« gingen im Sommer 2020 mehrere Frauen mit Anschuldigungen gegen den US-amerikanischen Singer-Songwriter Mark Kozelek an die Öffentlichkeit. Sie schilderten Situationen aus verschiedenen Phasen seiner Karriere, in denen Kozelek, geboren 1967, sie bedrängt oder sexuelle Handlungen erzwungen haben soll. Der Musiker wies sämtliche Vorwürfe in einem einzigen Statement zurück und hat sich seither weitgehend aus dem Rampenlicht zurückgezogen. Musikalisch ist er weiterhin aktiv – inzwischen jedoch in einem bescheidenen Rahmen. Kozelek war einmal eine prägende Figur des Indie-Rock, einer der originellsten Songwriter seiner Generation. Heute ist er ein Musterbeispiel dafür, wie sehr ein Künstler in seiner Kunst verstrickt ist – ob man will oder nicht.
Echokammer der Müdigkeit
Die Red House Painters klangen im Gegensatz zu ihren Zeit- und Leidensgenossen aus dem Grunge nicht lebensmüde, sondern schlicht: müde – und das im besten Sinn. Kozelek schuf mit Alben wie »Down Colorful Hill« (1992), »Red House Painters« (genannt: »Rollercoaster«, 1993) oder »Ocean Beach« (1995) eine Musik, in der alles bleiern war: die Melancholie, der Verdruss, sogar die Schönheit. In den stärksten Momenten wirkte das wie eine wohlige Echokammer zwischen Traurigkeit, Alltag – und Landschaften. Mit denen kannte er sich aus: Kozelek ist im flächenstarken Bundesstaat Ohio aufgewachsen. Doch während Bruce Springsteen eine emotionale Anwaltschaft für das amerikanische Heartland übernahm, blieb Kozeleks Verhältnis zu Ohio unversöhnt, präsent als ein Ort, den man loswerden will und doch nie ganz verlässt: flache Felder, Fernstraßen, Häuser voller poröser Familienverhältnisse – ein Umfeld von Scheitern und Flucht. Als Kozelek zu Beginn seiner Karriere nach San Francisco ging, fand er damit einen Ort, an dem seine eigentümliche Mischung aus Trägheit und Mitteilungsdrang musikalisch aufgehen konnte.
Slowcore – dieses Genre-Etikett hat mich immer fasziniert. Bands wie Low oder Red House Painters bekamen es damals angeheftet. In meiner Fantasie ist Slowcore die stille Schwester von Hardcore: beides Gitarrenmusik, beides Härte mit verletzlichem Kern. Hardcore schreit »Sick of it all!«, Slowcore seufzt dasselbe. Auch Kozelek war einer von denen, die an allem kranken – nur eben auf Zeitlupe gestellt. Diese Langsamkeit wurde sein Markenzeichen, durchsetzt mit Einflüssen, die manchmal eher aus der Ramschkiste stammten als aus dem Feuilleton. Denn Kozelek liebte John Denver und Cat Stevens – Songwriter, zu denen sich kaum jemand bekennt: unironische, tröstliche Musik für Überlastung und Liebeskummer. Er hat deren emotionale Wärme verinnerlicht und ins Indie-Milieu übersetzt. Menschen mit Flanellhemden hörten stundenlang zu, wie einer sanft und unaufgeregt zu weiten Akkorden und schleppenden Besenschlägen sang – und merkten, wie sie selbst etwas weicher und langsamer wurden. Das Label 4AD übersetzte das Gefühl dieser Musik brillant in Cover-Artwork: wie Standbilder aus einer Doku über »lost places«, in 1990er-Sepia-Töne getaucht.
Ende des Jahrzehnts war Schluss mit den Red House Painters. »Songs for a Blue Guitar« (1996) hatte Streitigkeiten mit 4AD ausgelöst: Label-Chef Ivo Watts-Russell hielt das ausufernde Material für unpassend. Das Album erschien schließlich bei Island Records. Auch der Nachfolger »Old Ramon« wurde von Label-Problemen blockiert und erst 2001 veröffentlicht, freigekauft und neu platziert bei Sub Pop. Für viele entwickelte das Album sich später zum Favoriten. Es klingt so resigniert wie die Geschichte seines wieder und wieder verschobenen Erscheinens. Zwischen den Painters-Alben veröffentlichte Kozelek mehrere Solo-Tonträger mit AC/DC-Cover-Versionen. Er nahm sich die Songs der bluesigen 1970er-Ära mit Respekt und Feingefühl vor. Plötzlich klang Bon Scott wie ein verletzlicher Verlierer, der lärmt, weil er keinen anderen Weg findet – ein überraschender, damals rührender Perspektivenwechsel. Schon zu dieser Zeit galt Kozelek als eigenbrötlerisch und eitel. Erst im Rückblick wirkt das wie ein frühes Warnsignal.
Zwischen Nylonsaiten und Klangflächen
2003 wagte Mark Kozelek die Rückkehr unter neuem Bandnamen: Sun Kil Moon, eine Hommage an einen koreanischen Boxer. Immer wieder traten Boxer bei ihm wie biblische Figuren aus dem amerikanischen Kabelfernsehen in Erscheinung, die mit ihren mythischen Siegen, Niederlagen und Schicksalen durch seine Lyrics und Songtitel geisterten. »Ghosts of the Great Highway«, das erste Album unter dem neuen Namen, wurde von Fans und Magazinen gefeiert. Mit dem etablierten neuen Bandnamen änderte sich im Folgenden auch Kozeleks musikalische und ästhetische Ausrichtung. »Admiral Fell Promises« (2010) wirkte asketisch und streng. Kozelek, kein Kind bürgerlicher Herkunft, sprach in Interviews nun von klassischer Gitarrenmusik – von Andrés Segovia und Ana Vidovic. Sein Look wandelte sich ebenfalls: adrett und ernsthaft, gute Hemden, kontrolliert – eine fast feierliche Erscheinung. Mit Nylonsaiten und edlem Ton wollte er offenbar Seriosität ausstrahlen. Die Phase war schnell wieder vorbei: Insbesondere auf der Bühne konnte er diese Persona nicht halten.
Nach Jahren des Desinteresses kehrte Kozeleks Musik mit voller Wucht in mein eigenes Leben zurück, als mein Vater 2012 schwer erkrankte. Die langatmigen Songs begleiteten mich auf vielen Zugfahrten, auf den Wegen ins Elternhaus und ins Krankenhaus. Kozeleks Musik war der passende Soundtrack für meinen inneren Zustand: erschöpft, aber aktiv – manchmal nostalgisch, manchmal resigniert. Besonders berührt hat mich damals »Somehow the Wonder of Life Still Prevails«, ein Song über die harten Schläge des Lebens vom Album »Perils from the Sea« (2013), einer Kollaboration mit dem Musiker Jimmy LaValle alias The Album Leaf. Dessen elektronische Backing-Tracks öffneten emotionale Räume, in denen Kozeleks Stimme tastet, sucht und manchmal überfordert wirkt. Diese Mischung aus Orientierungslosigkeit und Beharrlichkeit traf mein eigenes Erleben in dieser Zeit – und wurde somit zu einem persönlichen Anker. Wenige Jahre später griff die damals 24-jährige Phoebe Bridgers mit ihrer spukhaften Interpretation von »You Missed My Heart« ebenfalls auf dieses Album zurück – und verlieh dem Material eine neue, eigenständige Tiefe.
Kritischer Triumph und Bruchstelle
Nach diesen Jahren der Experimente wurde das Album »Benji« von 2014 zu einem unerwarteten Indie-Hit – eine Platte, die in dieser Form niemand vorausgesehen hatte. Kozeleks Musik hatte sich weiter verändert: spröde, wechselhaft, mit Lyrics, die kaum noch in Bildern arbeiteten, sondern in einem scheinbar ungefilterten Gedankenstrom Situationen und Regungen des Alltags schilderten – mal beiläufig, mal tiefgründig. Diese Mischung faszinierte viele und sie war musikalisch mitunter voller Witz: So zitieren die Akkorde von »I Love My Dad« unverkennbar »Born to Lose« von Social Distortion. Aus dem Outlaw-Pathos von Social D wird hier eine – halb lustige, halb unbeholfene – Hymne auf den eigenen Vater. Damals war ich überzeugt: Bald würde »The Wire« diese entgrenzte Art des Songwritings aufgreifen und Kozeleks Aufbruch mit einer Titelstory oder einer Werkschau (»Primer«) würdigen. Ein Songwriter mittleren Alters, der sich radikal vom klassischen Songwriting verabschiedet, um mit Alltagsbeobachtungen und Gedankensprüngen zu arbeiten: Das passte perfekt ins Raster des Magazins. Aber nichts davon geschah. Selbst als Kozelek sich mit »Wire«-Liebling Justin K. Broadrick (Jesu, Godflesh, Napalm Death) zusammentat und mehrere Alben veröffentlichte, kam keine große Story. Im Rückblick kann man »The Wire« für sein gutes Gespür nur beglückwünschen.
Für ein erstes Stirnrunzeln sorgte damals der Song »Dogs« von »Benji«: Mark Kozelek schildert darin frühe sexuelle Erfahrungen – nicht verdichtet, nicht reflektiert. Auffällig ist das Double-Tracking seiner Stimme – ein Produktionsmittel, das üblicherweise emotionale Wärme erzeugen soll. Hier jedoch treffen zwei halbherzige Takes aufeinander, die sich gegenseitig klanglich verwischen. Das Ergebnis: eine Stimme, die zweimal erzählt, was niemand hören möchte. Musikalisch kreist eine Akkordfolge fünf Minuten lang um sich selbst, getragen von einem flachen Sprechgesang. Episoden reihen sich mechanisch aneinander und am Ende bleibt nur Überdruss. Dass es beim gleichen Thema auch anders geht, zeigte 1969 der junge Al Stewart – nicht der coolste Musiker, aber für eine Überraschung gut: Im 18-minütigen Stück »Love Chronicles« schildert der Erzähler jugendliches Begehren ebenfalls episodenhaft. Im Finale, wenn eine seiner Begegnungen unverhofft zu Liebe führt, kippt auch die Musik selbst, um den Gefühlsumschwung zu markieren. Stewart begleitet man gern – nicht trotz, sondern gerade wegen seiner Unsicherheit. Kozelek dagegen wirkt in »Dogs« unbeteiligt, wie eingefroren.
Zunehmend galt Kozeleks eigentliche Begeisterung offenbar weniger der Musik als seiner eigenen Rolle im größeren Kulturbetrieb. Seine kleinen Filmauftritte in »Almost Famous« (2000), »Vanilla Sky« (2001), »Shopgirl« (2005) und »Youth« (2015) befeuerten über die Jahre zunehmend Kozeleks Eitelkeit – nicht, weil er sich plötzlich für einen Schauspieler hielt. Selbst ein Ego wie seines reichte dafür vermutlich nicht aus. Das – von außen betrachtet bescheidene – Mitwirken im Filmbetrieb signalisierte vielmehr Zugehörigkeit zu einem Kreis, der Erfolg und Seriosität anders buchstabierte: Wenn schon mittleres Lebensalter, dann wenigstens mit Cameron Crowe und Konsorten als Referenzrahmen. Crowe, erklärter Bewunderer von Kozeleks Werk, interviewte ihn 2011 für die Sun-Kil-Moon-Website. Anlass war Kozeleks Doku »On Tour«, ein Nischenprodukt in Schwarzweiß, an dem Crowe kaum echtes Interesse gehabt haben kann. Das Gespräch endet betont kumpelhaft: »Give me a role and I’ll knock it out of the park«, sagt Kozelek. Bis heute ist ein solches Engagement ausgeblieben.
»Benji« hatte die Magazine auf seiner Seite, doch bald bekam das neue Image merklich Risse. Der Versuch, das Banale poetisch zu überhöhen, scheiterte bereits 2015 auf dem Album »Universal Themes« auf eine Weise, die selbst für die großzügigsten Fans schwer zu überhören war. Dort widmet Kozelek einen überlangen Song einer toten Beutelratte. An anderer Stelle erzählt er, wie er sich an einem Stück Fleisch einen Zahn abgebrochen hat. Nichts davon trägt erzählerisch, nichts erschließt einen größeren Zusammenhang. Was zunächst wie eine künstlerische Erneuerung wirkte, erwies sich auf Dauer nicht als radikaler Move, sondern als Eigentor – mit selbstmitleidiger Note und einer hörbaren Unzufriedenheit: mit sich selbst, mit der Welt. Ironischerweise hat der oft zornig auftretende Kozelek, obwohl erklärter Fan klassischer Metal-Bands wie Accept, nie gelernt, Aggressionen musikalisch zu verarbeiten. Seine Musik blieb meist sanft und introvertiert. Für seine Aggressionen suchte er sich andere Bühnen.
Vom Grumpmaster zum Problemfall
Auf Online-Plattformen wurde Kozelek als Anspielung auf seinen notorischen Missmut scherzhaft »Grumpmaster Koz« genannt – ein unverdient liebevolles Wortspiel mit Grandmaster Flash. Seine männlichen Fans verunglimpfte er bereits in einer schwedischen TV-Doku von 1999 als »Loser«: »They’re disappointed because we’re not losers too. They see me making out with a pretty girl and they’re disappointed because they’re not.« Auch live konterkarierte Kozelek die Sanftheit seiner Musik oftmals mit Gehässigkeiten und abfälligen Sprüchen. Frauen im Publikum wurden mit plumpen Anspielungen oder gönnerhaften Komplimenten bedacht. Lange wurde dieses Verhalten als exzentrische Eigenheit verbucht – als mache ihn das interessanter oder gehöre zum Gesamtpaket. Doch irgendwann kippte die Stimmung: Was zunächst als Marotte belächelt wurde, war für viele Fans schlicht nicht mehr hinnehmbar.
Endgültig vorbei war es für viele mit dem Album »This Is My Dinner« (2018), das von »Pitchfork« mit 2,8 von 10 Punkten abgestraft wurde – nur vier Jahre zuvor hatte »Benji« dort noch eine 9,2 erzielt und war als »Best New Music« gefeiert worden. Der Boom um »Benji« hatte gute Bookings gebracht, unter anderem auf dem Pitchfork Music Festival – ausgerechnet. Mit »This is My Dinner« war ein Wendepunkt erreicht. Provokant war, dass es unter dem Namen Sun Kil Moon erschien, den viele weiterhin mit dem Post-Painters-Klassiker »Ghosts of the Great Highway« und eben dem Kritikerliebling »Benji« verbanden. Im Song »David Cassidy« verdichtet sich die Problematik: eine Banalisierung von Leben, Tod und Erinnerung. Statt Anteilnahme oder Reflexion kommt nur ein skurriler Redeschwall – wie Bill Murray in einer schwarzen Komödie über einen alternden Indie-Rocker auf Stand-Up-Tournee. Kozelek hatte damit jeden inneren Filter verloren – nicht als Spiel mit Rollen oder musikalischen Strukturen, nicht mit Augenzwinkern, sondern als Statement: »This is Mark Kozelek«, anno 2018. Viele ließen ihn daraufhin innerlich fallen, noch bevor die ersten Vorwürfe öffentlich wurden.
Wenn es um zerbrechliche Intimität und traumartige Klangflächen ging, war Sun Kil Moon nicht mehr konkurrenzfähig: Auf der musikalischen Kriechspur wurde Kozelek beispielsweise von Cigarettes After Sex überholt. Als persönliche Kränkung verarbeitete er offenbar den Erfolg von The War on Drugs – und entfachte daraus eine öffentliche Fehde. Kozelek attackierte nun jene, die ihm künstlerisch ähnlich waren, aber längst als musikalisch relevanter galten. Er widmete der Band einen Schmähsong, der allen Ernstes »War on Drugs: Suck My Cock« hieß. Dazu bot der Online-Shop seiner Website T-Shirts an mit der Aufschrift »All You Fuckin’ Hillbillies, Shut the Fuck Up«. Der »Grumpmaster« war nun zum zornigen Außenseiter ohne jede erkennbare Vision geworden. Statt neuen Ehrgeiz zu wecken, brachte der Erfolg von »Benji« offenbar die Illusion, er könne sich treiben lassen, als gelte für ihn kein Maßstab mehr: kein Feilen, kein Innehalten, kein Korrektiv.
Das Auslaufen einer Karriere
Immer wieder wird gefragt, ob sich Künstler und Werk trennen lassen. Bei Kozelek zeigt sich, wie trügerisch dieser Gedanke ist: Sein autobiografisches Songwriting lebte von Beginn an davon, dass die Grenze zwischen Kunst und Realität verwischt – genau das machte seine Songs ja so berührend. Doch eben diese Verwischung ist im Angesicht der Anschuldigungen fatal. Im Unterschied zu anderen Künstlern, die trotz öffentlicher Vorwürfe weiter die größten Bühnen bespielen, hat Kozelek spürbare Konsequenzen erfahren: Mit dem Aufkommen der Vorwürfe verlor sein Name in Indie-Kreisen endgültig seine Autorität – flankiert von einer musikalischen Entwicklung, die viele bereits als künstlerischen Abgesang empfanden.
Wer heute noch Kozeleks Musik hört, tut das meist aus alter Verbundenheit – nicht aus echter Neugier auf neue Releases. Diese erscheinen dicht getaktet, als könne er durch schiere Produktivität Kontrolle über die eigene Karriere zurückgewinnen. Ein aktueller Song trägt den Titel »Dulcolax«, benannt nach einem Medikament gegen Verstopfung: zwölf Minuten lang, halb gesungen, halb gerappt. In den geschrumpften Online-Communities, beispielsweise auf Reddit, findet auch so etwas noch Zuspruch von den letzten Verbliebenen. Auf Substack versorgt Kozelek diese treuesten Fans per Abo-System mit Blog-Einträgen und Konzertaufnahmen. Er tourt weiter – ein mühsames Geschäft. Zahmer soll er auf der Bühne geworden sein, wieder mehr alte Fan-Favoriten spielen. Doch das ist lediglich das langsame Auslaufen einer Musikerkarriere: Ein weiteres Comeback ist unwahrscheinlich. Der Abschied von Mark Kozelek ist damit auch der Abschied von einer Haltung, die nicht trägt: der Illusion, man könne die Musik behalten, ohne den Menschen mitzudenken.











