Julian Lage © Markus Stegmayr

Delikates Auskosten von Möglichkeitsräumen

Der weitum als Gitarrenwunder verschriene Amerikaner Julian Lage geigte am Dienstag, dem 30. Oktober im Stromboli in Hall in Tirol auf. In der proppenvollen Konzertlokalität verursachte er ein verschmitzt-wissendes Lächeln bei zahlreichen Gitarristenkollegen im Publikum und geschlossene Auge bei Melodieliebhabern.

Julian Lage lächelt gerne und viel. Auch und vor allem bei Konzerten. So auch gestern. Einerseits wohl deshalb, weil es sich um eines seiner raren Solokonzerte handelt, andererseits vornehmlich dann, wenn er sich den Rändern seiner subtil konstruierten Möglichkeitsräume annähert. Akademische Gitarrenmachbarkeitsstudien sind es dennoch nicht, mit denen er das fachkundige Publikum konfrontiert. Dafür sorgt allein schon die Bezugnahme auf die Melodie- und Nostalgieseligkeit seines Soloalbums »Worldʼs Fair«, dessen Melodien und Motive er im Konzertverlauf immer wieder aufgreift. Sie dienen ihm als Ankerpunkte für freie Improvisationen, die nicht vor Genre-Grenzüberschreitungen Halt machen. Folk findet insgesamt ebenso Platz wie Freitonalität, klassische Elemente oder Rock-Fragmente. Jazz dient ihm bei alldem als Mechanismus, um all das virtuos und mit hoher Fallhöhe durch den Musikfleischwolf zu drehen.

Logische Anschlüsse
Mit welcher Musikalität Lage das tut, erstaunt. Subtil greift er bekannte Elemente auf, denkt diese fort und lässt sie gegebenenfalls, unter Einhaltung höchster Respektbekundungen dem Material gegenüber, abrupt fallen. Wie im Vorbeigehen entdeckt er dabei logische Anschlüsse, wo andere Musiker nur Aporien vorfinden würden. Man kann dabei Lage beim Fabulieren und Denken zusehen und zuhören. Auch bei Passagen, die fast schon unmenschliche spieltechnische Fertigkeiten erfordern, verkrampfen seine Gesichtszüge nicht. Mit derselben Leichtigkeit und Lässigkeit bewegt er sich durch höchste Komplexität ebenso wie durch vergleichsweise schlichte Melodieversatzstücke. Beidem gibt er Raum, beides spielt er mit dem selben Nachdruck bei gleichbleibender Leidenschaft. Dieser spielwitzige Übermut erregt immer wieder Augenbrauenheben bei den anwesenden Musikern.

Der Rest hört gebannt zu und wird später dann davon sprechen, was für ein Genuss es war, diesem Gitarrenmeister zu lauschen. Glücklich sind an diesem Abend dem Anschein nach jedenfalls alle. Musik, die sich nicht um Szenen oder Begrenzungen kümmert, sondern Reichhaltigkeit und Vielseitigkeit wie selbstverständlich aufs Tapet bringt, kann das. Vor allem dann, wenn sie in die Finger eines genialen Musikers wie Julian Lage gerät.

Link: http://www.julianlage.com/