aktionstheater ensemble © Gerhard Breitwieser

Dekonstruktion der Männlichkeit

Gott ist tot. Der Mann tut es ihm nach. Das aktionstheater ensemble zeigt im Kosmos-Theater in Wien noch bis 17. Juni 2018 »Die wunderbare Zerstörung des Mannes« und überzeugt am Puls der Zeit.

Wer will denn heutzutage eigentlich noch ein Mann sein? Man könnte in die Runde fragen, Daten erheben, sie auswerten und analysieren. Wer traut sich noch, wer will noch mehr? Da hinten im Eck zeigen ein paar Verrückte auf, die sich für besonders lustig halten. Aber diese unbelehrbaren Schwachmaten in ihrem Dunstkreis der patriarchalen Vernebelung, die werden wir ja ohnehin nie erreichen, oder? Die gegenwärtigen Umstände (wir wollen es Fortschritt der Menschheit nennen) und die damit verbundene Tatsache, dass ihm, dem lange gar nicht so heimlichen Hegemon der Geschlechter, längst der Penis zwischen die Beine gesteckt wurde, verlangt seinen Sinnesgenossen, so hört und liest man es zumindest, einiges ab. Denn eines muss einmal klar gesagt werden: Den Mann als solchen, den gibt es gar nicht mehr. Vielleicht hat es ihn nie gegeben und selbst der Mann der Moderne ging spätestens mit ihr zugrunde, wurde verscharrt und geschändet – zurecht, möchte man meinen. Denn alles, was das einstige Mannsbild einmal ausmachte, war heillos wichtigtuerischer Chauvinismus und systematischer Sexismus in allen Grundzügen seiner mit Testosteron geschwängerten Macho-Existenz.

Alle gegen alle
Dementsprechend ist es nur recht, wenn »Die wunderbare Zerstörung des Mannes« ausgerufen wird. Reichlich spät, aber Vergeltung ist bekanntlich süß und zeitlos. Zerstörung klingt übrigens nur zufällig nach Krieg – und in diesem kriegerischen Grundzustand befindet sich der Mann aus Gründen der Natur. Uga, uga, uga! Es ist ein Krieg ohne Waffen gegen niemand anderen als sich selbst. Sozusagen eine Ein-Mann-Operation mit sechs Gesichtern, die das aktionstheater ensemble nun mit ihren eigenen, zugegebenermaßen bewährten, aber überaus erfolgreichen Mitteln ausficht. Am Anfang steht dort ein Kreis. Und in diesem Kreis stehen Männer. Sie heißen Andreas oder Thomas. Ein anderer heißt Peter. Aber das tut nichts zur Sache. Was sie alle verbindet, ist die einfache Tatsache, dass sie Männer sind. Im Geiste verbunden stehen sie aufgefädelt im Raum, etwas ratlos, ohne Frage. Belehrt wird natürlich bitteschön trotzdem. Wer keine Ahnung hat, der sagt einfach irgendwas, was soll dabei schon schiefgehen? So haben sie es gelernt, so wurde es ihnen gezeigt, den nach Anerkennung und Bestätigung lechzenden Männern. »Ich habe dich unterbrochen? Nein, das kann nicht sein!« Fünf Männer also, die ein Bild des Mannes symbolisieren. Dazu noch ein Abtrünniger! Denn ganz so einfach wie der anfängliche Einklang hegemonialer Männlichkeit es verspricht, ist es nicht.

aktionstheater ensemble © Stefan Hauer

Der Mann der Moderne war ein Mann der Tat. Weil Taten und Tun ihm ja – das haben wir gelernt – von Grund auf in die Wiege gelegt sind und in ihrer genetischen Bedingung eine derartige Männlichkeit versprühen, dass sich die Balken unter all der überschüssigen Potenz gehörig biegen. Was aber, wenn der Balken bricht, wenn aus der Zerstörung des Mannes auf einmal eine Verstörung wird? Wenn der homogene Mann mit seinem homogenen Rollenbild auf einmal nicht mehr ist? Wenn seine Identität zu einem fragmentierten Bündel aus einzelnen Schnipseln seines ehemaligen Selbst wird? Wenn der gemeinsame Kreis sich auflöst und urplötzlich die nicht ganz freiwillige Wahl zwischen sehr viel mehreren, gleichzeitig aber ungleich kleineren Kreisen besteht? Was macht der Mann dann? Er nutzt die kontemplative Macht seiner Männlichkeit und begibt sich auf die Suche. Auf eine Suche nach der verlorenen Identität, nach Sicherheit und Halt in einer Gesellschaft aus nunmehrig singulären Einheiten. Diese Suche, so Regisseur Martin Gruber, wird für eine heranwachsende Generation von Männern zu einer »gnadenlosen Nabelschau aus Versagensängsten, erotischen Fantasien, väterlichen Vorbildern und der etwaigen Identifikation mit tradierten Männlichkeitsbildern«.

Wir sprengen die Konvention
Dabei ist der Vorarlberger Gruber gemeinsam mit dem Dramaturgen Martin Ojster sowie dem aktionstheater ensemble einmal mehr am Puls der Zeit. Wer hätte gedacht, dass die Dekonstruktion tradierter Männlichkeitsbilder zu einer derart unterhaltsamen Sache werden könnte? Und es tut gut, dem alten, wenn auch gar nicht ehrwürdigen Gebäude der Männlichkeit dabei zuzusehen, wie es langsam in sich zusammensackt. Es ist ein Stück geworden, das sich beständig entwickelt. Im besten Fall nach vorne, genauso wie jenes starre Bild, das zu persiflieren sie sich zur Aufgabe gemacht haben. In den gewohnt kurzweiligen, für das aktionstheater ensemble mittlerweile zur charakteristischen Eigenschaft gewordenen Dialogen, kommt es neben anhaltender Ironie zu mitreißend ausdrucksstarker Wahrhaftigkeit. Die insgesamt sechs Männer (Andreas Jähnert, Sascha Jähnert, Thomas Kolle, Peter Pertusini, Fabian Schiffkorn, Benjamin Vanyek) sorgen jedenfalls für ebenso viele rasend komische wie gleichermaßen unverblümt ehrliche Sichtweisen auf ein Thema, das mit viel Verve, Selbstironie und Schweiß in knapp 80 ungemein männlichen Minuten seine unabgeschlossene Erfüllung findet. Grandios und an dieser Stelle besonders hervorzuheben ist die musikalische Begleitung, die diesmal von PH Lion (Nadine Abado) kommt und mit balladeskem Gesang über vertrackte Beats den Soundtrack zur Dekonstruktion der Männlichkeit legt.

»Die wunderbare Zerstörung des Mannes« des aktionstheater ensembles ist noch bis 17. Juni 2018 täglich ab 20:00 Uhr im Kosmos-Theater zu sehen.

Link: http://aktionstheater.at/