Das Musikmachen entdeckt Dave Angel, Jahrgang 1966, in einer turbulenten Phase seines Lebens. In den 1980ern bringt ihn ein kleinkrimineller Lebenswandel zweimal ins Gefängnis. Sein Vater, ein lokal aktiver Session-Musiker, stirbt früh, zwei Kinder werden geboren. Mit überschaubarem Equipment beginnt der Bruder der Rapperin Monie Love (Native Tongues), elektronische Musik zu produzieren. Zunächst ist das ein privates Hobby, aber gegen Ende der Dekade wird Ernst daraus. Der erste Output ist eine kleine Legende: 1989 veröffentlicht Angel als White Label seine Adaption von »Sweet Dreams«, dem globalen Hit der Eurythmics. Ohne seine Kreativität kleinzureden, rahmt er diesen »Nightmare Mix« in späteren Interviews als technisch einfach. Schon diese frühe Produktion lässt jedoch seine musikalische Identität deutlich erkennen – und sorgt für Wirbel in den Clubs. Auch die Eurythmics erkennen das an: Es folgt ein offizieller Release auf RCA.
Dave Angels Techno ist nicht von »Härte« oder »Kälte« geprägt – vorrangig ist vielmehr die musikalische Aufgeschlossenheit. Sein Schaffen aus den 1990ern vermeidet die Industrieromantik vieler anderer Releases dieser Zeit. Stattdessen setzt der DJ, der zunächst mit der Acid-Bewegung und den neuartigen Sounds aus Detroit sozialisiert wird, auf funkige Basslines, swingende Hi-Hats und bausteinartige Arrangements mit einem offenen Fluss. Angel, der sich selbst als Einzelgänger beschreibt, war nie ein sonderlich PR-getriebener Künstler: kein Manifest, keine direkten politischen Statements wie etwa bei Underground Resistance. Seine Musik ist dennoch politisch – allerdings eher zwischen den Zeilen: Sein charakteristisches Zusammenspiel von Groove, Offenheit und Bewegung verrät viel über Haltung.
Zwischen Wärme und Präzision
In Interviews wirkt Dave Angel geerdet und musikalisch reflektiert. Auf die Frage, ob er analog oder digital bevorzugt, antwortet er nicht im Sinn der Coolness. Stattdessen spricht er aus der Perspektive eines Musikers in einem fortlaufenden Lernprozess: Ihn interessiert das Beste beider Welten – die Wärme ebenso wie die Präzision. Angel beschreibt, wie ihn analoge Technologie zunächst angetrieben habe, seinen Sound immer weiter in den roten Bereich zu pushen – und wie digitale Werkzeuge später genau das Gegenteil bewirkten und ein Umdenken erforderten, für das er sich Zeit nehmen musste. Gerade in solchen Momenten wirkt Angel wie jemand, der lieber Musik macht als Mythos. Technik ist bei ihm Werkzeug, nicht Identität. Damit erübrigt sich die Fixierung auf Gear und Maschinen, die in manchen Techno-Erzählungen die musikalische Auseinandersetzung überschattet. Sein Schaffen ist immer schon modern, aber eben nicht technokratisch.
Das Selbstverständnis, das diese Musik trägt, wird im Verhältnis zu anderen Genres greifbar – wenn Angel jene Einflüsse offenlegt und kommentiert, die über Techno und House hinausreichen. Der Musikgeschmack, den er bei solchen Gelegenheiten präsentiert, wirkt nicht zu Tode kuratiert, sondern erfrischend und aufschlussreich. Wenn er etwa in einer Playlist für R&S Records Klassiker wie »Kind of Blue« von Miles Davis, »Slave to the Rhythm« von Grace Jones oder »Exodus« von Bob Marley & The Wailers aufgreift, denkt man nicht: Ach ja, da kommt die Standardware. Im Gegenteil: Man hört auch bei hundertfach Gehörtem plötzlich wieder genauer hin. Denn Angels Begeisterung für Musik ist ansteckend. Unmittelbar möchte man nachvollziehen, wie sich der altbekannte Sound auf seinen eigenen ausgewirkt hat.
Nicht zitiert, sondern gelebt
Nach zahlreichen kleineren Formaten, mitunter auf seinem eigenen Label Rotation Records, verdichtet Dave Angel seinen musikalischen Zugang 1995 mit dem Album »Tales of the Unexpected« zu einer geschlossenen Reihe tief musikalischer Vignetten. Statt auf monotone Wiederholung zu setzen, entwickeln sich die Stücke lebendig und oftmals subtil – eingefasst in klare Strukturen, aber nicht von ihnen bestimmt. Musikalische Farbtupfer werden gesetzt wie kurze Solo-Passagen, mit einem ausgeprägten Sinn für Spannung und Auflösung. Das Sound-Design wirkt eigenständig und für eine Techno-Produktion der 1990er ungewöhnlich »holzig« – soll heißen: warm, körperlich, organisch. Einsätze von E-Piano, Jazz-Gitarre und verwandten Klangfarben verweisen auf eine afrodiasporische Musiktradition, die bei Angel nicht zitiert, sondern gelebt wird.
Die EP »In Flight Entertainment« (1994) zeigt Angel dagegen mit aller Klarheit als den Club-DJ, der er nun einmal ist: Er macht Techno nicht für den Ohrensessel – jedenfalls nicht vorrangig. Auf den vier kurzen Vinylseiten wird deutlich, wie souverän er zwischen Techno als Partymusik und Techno zum Zuhören navigiert – als Kontinuum, nicht als Gegensatz. Wer genau hinhört, entdeckt auch (oder gerade) hier ein musikalisches Universum voller Feinheiten. Das selbstgewählte Genre-Etikett »Tech-Funk« trifft diesen Ansatz präzise: Es benennt eine Musik, die körperlich aktiviert, ohne sich in dieser Funktionalität zu erschöpfen. Der Mix »39 Flavours of Tech Funk« (1998) treibt diesen Zugang auf die Spitze – Angels Arbeit erreicht hier ein besonderes Energielevel. So unaufgeregt seine Bühnenfigur in Interviews auftritt, seine Musik ist geprägt von einer klaren Vorwärtsbewegung.
Ein anders gelagerter Fall
Im Vergleich zu Jeff Mills, Richie Hawtin oder Laurent Garnier taucht Dave Angel selten in theoretisch geprägten Techno-Debatten auf. Auffällig ist, dass auch »The Wire« seine Arbeit über die Jahrzehnte hinweg nicht mit prominenten Features begleitete – und das trotz Angels ausgeprägter Affinität zum Jazz. Sein Name erschien dort eher am Rand. Musik und Auftritt des Musikers eignen sich offenbar nicht für ein Bild vom »Autoren-Techno«: Es gibt hier keine Dekonstruktion, keinen erklärten Neuentwurf. Auch Ambient ist hier nichts Abstraktes, sondern hat einen festen, einladenden Platz: als After Hour. Angels Schaffen ist damit kein blinder Fleck, sondern ein anders gelagerter Fall: weniger diskursiv aufgeladen, dafür tief in der DJ- und Clubkultur verwurzelt – weniger Kanon, mehr gelebte Praxis. Entsprechend ranken sich bis heute Geschichten über legendäre Sets, die auch nach 30 Jahren in Erinnerung bleiben.
Heute ist Dave Angel, mit Unterbrechungen, weiterhin aktiv. In seinem Spätwerk setzt er nicht auf Neuerfindung, sondern verfeinert seine musikalischen Trademarks für den Sound der Gegenwart. Er spricht offen über die gesundheitlichen Herausforderungen, die das Leben als DJ über Jahre mit sich brachte: schlechtes Essen, wenig Schlaf, weite Reisen – was ein junger Körper als aufregende Herausforderung mitnimmt, hinterlässt später Spuren. An Groove und Energie hat sein musikalisches Schaffen dennoch nichts verloren. Zuletzt markieren die Singles »Glide« (2023) und »Revolt« (2024) starke Momente seines jüngeren Outputs. Sie bestätigen, was sich durch seine gesamte Karriere zieht: Bei Dave Angel geht es nicht um Aktualität oder Vermächtnis um jeden Preis – es geht um Gefühl. Das ist der Grund, warum es sich lohnt, seine Musik wieder und wieder neu zu entdecken.











