»Das weiße Band«

Michael Hanekes neuer Film spielt am Vorabend des 1. Weltkriegs und porträtiert eine autoritäre Gesellschaft, deren überkommene und starre Strukturen brüchig werden.

»Eine deutsche Kindergeschichte«, in Kurrentschrift ausgeführt, ist der Untertitel von Hanekes Film. Das erinnert stilistisch an Literatur für die »lieben Kleinen« wie sie vom 19. Jahrhundert bis etwa in die 1940er-Jahre publiziert wurde. In diesen Büchern herrschte meist ein moralischer Ton. Einen gewissen Hang zum Moralisieren könnte man auch Michael Haneke vorwerfen oder zumindest, dass vielen seiner Filme bestimmte Thesen zugrunde liegen. In diesem Fall wäre diese: Autoritäre und gewalttätige Erziehung bringt autoritäre und gewalttätige Menschen hervor. (Ich denke es waren Margarete und Alexander Mitscherlich, die diese These in Zusammenhang mit dem Faschismus herausgearbeitet haben.)

Verstörende Ereignisse

Der Film spielt im Zeitraum von knapp einem Jahr vom Sommer 1913 bis zum Sommer 1914 in einem fiktiven Dorf in Norden Deutschlands. Erzählt werden die verstörenden Ereignisse jenes Jahres aus der Erinnerung des Dorfschullehrers, dessen Stimme aus dem off die Handlung einleitet und kommentiert. Was sich damals abgespielt habe würde auch erklären helfen, was sich später ereignet habe, so die sinngemä&szlige Wiedergabe der gesprochenen Einleitung. Später meint unausgesprochen wohl die Zeit des Nationalsozialismus.

Unbeweisbarer Verdacht

Es ist eine Reihe von Unfällen und Gewalttaten, die die Bewohner des Ortes in Unruhe versetzen. Zum Beispiel verletzt sich der Arzt (Rainer Bock) bei einem Reitunfall schwer. Wer den Draht spannte, der sein Pferd zu Fall brachte, kommt nie ans Licht. Auch wer die Scheune des Gutshofs in Flammen aufgehen lie&szlig, bleibt unbekannt. Ebenso findet man nie heraus, wer den Gutsbesitzer-Sohn misshandelte. Nur der Lehrer (Christian Friedel) hat einen Verdacht, den er nicht beweisen kann.

Kein Heimatfilm

Haneke drehte in Schwarz-wei&szlig – vielleicht auch, um keine Heimatfilm-Idylle aufkommen zu lassen – die fehlende Farbe verstärkt den Eindruck von Trostlosigkeit und Engstirnigkeit. Im Dorf herrschen feste Hierarchien: Gutsherr und Bauern, Männer und Frauen, Erwachsene und Kinder. Die einen müssen den anderen gehorsam sein, wer aufmuckt hat mit harten Strafen zu rechnen, setzt sogar seine Existenz aufs Spiel. Ordnung und Gehorsam als Grundpfeiler – das gilt für die Zusammenarbeit der sozialen Schichten, wie für die Erziehung. Fast alle Arten der sozialen Beziehungen, insbesondere die zwischen Eheleuten, sind von Lieblosigkeit geprägt. In dieser kalten und oft auch brutalen Atmosphäre wachsen die Kinder jener Zeit heran.

Erklärung zum Filmtitel: Der Pastor (Burghart Klaussner) und seine Frau (Steffi Kühnert) binden ihren Kindern nach der Verbü&szligung einer Strafe für ein Vergehen ein wei&szliges Band um. Das soll die Kinder daran erinnern, nicht zu sündigen, um im reinen Zustand zu bleiben.

»Das wei&szlige Band«: Deutschland/Üsterreich/Frankreich/Italien 2009. Regie: Michael Haneke

Mit: Christian Friedel, Leonie Benesch, Ulrich Tukur, Burghart Klaussner, Steffi Kühnert, Maria-Victoria Dragus, Leonard Proxauf, Josef Bierbichler, Rainer Bock, Susanne Lothar, Roxane Duran, Branko Samarovski, Birgit Minichmayr, Detlev Buck u. a.

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