Es bildet sich eine immer längere Schlange vor dem Eingang. Mantel um Mantel füllt den Garderobenraum, Jacke um Jacke wird gegen einen Nummernzettel eingetauscht. Auf dem Floor im Erdgeschoss spielt die chilenische Sängerin Belén Ester als ruhigen Auftakt des Abends eigene Songs auf Spanisch, begleitet von ihrer akustischen Gitarre. Später erzählt sie mir, dass sie erst seit ein oder zwei Jahren intensiv Musik macht – und dass es für sie kein Wollen, sondern ein Müssen war, das sie zur Musik geführt hat. Auf die Frage, was sie mit ihrer Musik in den Menschen auslösen möchte, antwortet sie, dass die Musik vor allem ein Ort sei, um sich selbst, Geschichten, Momente, Emotionen und Beziehungen abzulegen. Denn wenn man Geschichten aus sich selbst, aus dem eigenen Kopf herausnimmt, aufschreibt und in Musik verwandelt, werden sie zu etwas, das bearbeitbar ist, etwas zwischen Realität und Fiktion Schwebendes. Diese in den Songs gespeicherten Geschichten durchlebt sie beim Spielen erneut und bekommt so die Möglichkeit, sie in verschiedenen Kontexten und Situationen zu betrachten und daraus zu lernen. »Sometimes you need to take out a moment outside of yourself and just put it into the music. That is when people actually can feel this moment listening to the music.«

Wenn man dem langen, schmalen Gang folgt, bis man an eine Treppe kommt, die in den Keller führt, und diese hinabsteigt, betritt man einen großen Raum mit gewölbter Decke, beleuchtet durch bunte Lichter und die kreisenden Lichtpunkte einer Diskokugel auf den Ziegeln und Fliesen. Das Duo Gatafiera beginnt gerade seinen Auftritt. Mit einer Genregrenzen sprengenden Mischung aus Latin Beats, Rap, Punk und all dem, worauf sie gerade musikalisch Lust haben, erzeugen die beiden Artists augenblicklich nicht nur eine Stimmung, sondern einen Raum: einen Raum der Freiheit zur (Self-)Expression und des Empowerments queerer Körper. Ihr Auftreten ist energiegeladen, mitreißend, fordernd. Gleich zu Beginn ihres Sets rufen sie der Menge zu: »Let’s sweat together, release your inner demon! Decolonize your body, decolonize the body, decolonize music!« Alle singen – oder vielmehr: schreien, kreischen, brüllen, rufen gemeinsam – mit jeder Wiederholung wird die Menge lauter, dringlicher, wenn die Zeile »Fresse halten, Arschloch – don’t fucking touch me« wiederholt wird. Nach dem Konzert erzählt mir draußen beim Rauchen eine Person, noch ganz erfüllt von Adrenalin, wie sehr sie die Tanzkultur dieses Abends schätzt: dass so viele unterschiedliche Menschen sich gemeinsam zur Musik bewegen, egal ob gerade Cumbia oder Punk gespielt wird. Dass sie sich in diesem queeren Raum frei fühlt, einfach zu hüpfen, zu tanzen, sich zu bewegen, wie es gerade kommt – und dass in all der Ausgelassenheit gleichzeitig so aufmerksam aufeinander geachtet wird, alle so respektvoll und lieb miteinander sind.

Aktivismus trifft Clubkultur
»La Washa beginnt jetzt!«, hallt es an die vor dem Lokal Rauchenden. Zigaretten werden hastig in Aschenbechern entsorgt und die Menge drängt sich durch den schmalen Gang die Treppe hinunter, bis sie schließlich wie aus einer Tube ins Kellergewölbe gedrückt wird. Heute spielt La Washa ihr erstes Set mit einer Live-Band, gemeinsam mit Lxs Valentinxs. La Washa ist das Musikprojekt der chilenischen Performance-Künstlerin, politischen Aktivistin und DJane Valentina Viera (»La Machi«) und des österreichischen Instrumentalisten, Umweltaktivisten und Musikproduzenten Stefan Kerschbaumer. In ihrer Musik verschmelzen europäische elektronische Klänge mit lateinamerikanischen Rhythmen zu einer eigenen Interpretation von Neo-Perreo – einer Subkultur, die Reggaeton in düsteren, experimentellen Varianten neu denkt. Seit 2022 ist das Duo in zahlreichen Wiener Clubs und auf Festivals zu sehen, auf Demonstrationen, bei Würstelständen und generell überall dort, wo Menschen zusammenkommen. Ihre Musik bringt Bewegung in die Statik – wortwörtlich, wenn sie das Publikum mitreißt und in Tanzbewegungen versetzt, und künstlerisch, wenn ihre Texte wütend und mutig starre Machtverhältnisse offenlegen und zur Diskussion stellen.

In der kurzen Pause bevor das nächste DJ-Set beginnt wird es plötzlich dunkel und still, der Strom ist ausgefallen, in alten Gewölben gibt es nun mal Geister aus der Vergangenheit (zum Beispiel ein instabiles Stromnetz). Die Menschen rücken in Gruppen zusammen und unterhalten sich, niemand geht, niemand will, dass es vorbei ist. Irgendwer sagt, es ist eine Stimmung wie früher bei einer Übernachtung bei Freund*innen, wenn man sich im Dunkeln unter der Decke Geheimnisse erzählt hat. Die Unterbrechung zeigt einmal mehr, wie sehr äußere Umstände zwar einen Raum gestalten, es aber letztlich auf die Menschen in diesem Raum ankommt, ihn zu prägen und zu dem zu machen, was er sein soll. Ebenso bestätigt und betont das letzte Booty Dissident von La Perica im Jahr 2025 die Wichtigkeit autonomer Räume als Voraussetzung für freie Kunst und deren Rolle für die Stärkung einer sich selbst ermächtigenden Zivilgesellschaft. Plötzlich scheint wieder rotes Licht auf, die Diskokugel zeichnet wieder sich stetig bewegende blaue Punkte auf den Fliesenboden und das Ziegelgewölbe, die Musik ertönt, der Bass dröhnt, die Menschen jubeln, es geht weiter, weiter und weiter, noch lange in dieser Nacht.











