Kozelek live at Blue Bird Festival 2018 © Hanna Pribitzer

Cis mich nicht voll, Mark Kozelek!

Mark Kozelek schloss das Blue Bird Festival 2018 im Wiener Porgy & Bess als samstäglicher Haupt-Act. Sein Auftritt war wie erwartet eindrucksvoll, dennoch nicht ohne seltsamen Nachgeschmack, der unbedingt angesprochen gehört.

Es gibt über Mark Kozelek viel Gutes zu berichten. Zum Beispiel der stetige Fluss stets hörenswerter Veröffentlichungen, unter Eigennamen oder als Sun Kil Moon, in Kollaborationen wie z. B. mit Jimmy LaValle, Desertshore oder Jesu. Seine enorm ausdrucksstarke (Gesangs-)Stimme, sein Pathos, die zum Teil außerweltlich schönen Melodien auf der Gitarre (»My love for you is undying« ist zum Weinen, seine musikalische Größe wohl unverkennbar) und nicht zuletzt sein Talent, Geschichten zu erzählen und zu fesseln. Dabei verbindet er banalsten Quatsch, Popkultur und Tour-Alltag, springt von San Francisco nach Oslo und zurück und zeichnet ein Bild von amerikanischer Realität, zuletzt das Bild eines langsam alternden Mannes.

Ein Orgasmus während des Auftritts
Kozeleks Auftritte erinnern an Stand-up-Comedy. Dazu gehört das mitunter äußerst witzige Städte-Bashing, in dem er seine Situation als reisender Musiker verarbeitet: »Vienna 2015 was one oft the best shows ever. No, joke, I can’t remember anything.« Oder: »I came here at 6 p.m. It was just dark. The shops are beautiful. I would buy Christmas gifts for my grandparents. If they were alive. They died when I was still very young.« Oder seine albernen Anekdoten über eine Filiale der Restaurantkette »Centimeter«, die er in einer Story nach San Francisco verlegt. Das ist schon äußerst lustig. Oder als er einem Zuschauer einen Orgasmus attestiert, nachdem dieser den Titel eines Songs hört. Schnell baut er dieses Erlebnis in einen seiner Songs ein.  Oder wenn er scherzhaft erklärt, wie er als weißer Amerikaner in Europa belächelt wird, weil sein Land so unfassbar peinlich sei. »You poor, poor thing«, denkt man sich. Doch humorig zählt er US-Künstler auf: »We’re responsible for Bob Dylan, Jimi Hendrix, Johnny Cash etc.« (Anm.: Keine einzige Frau dabei.) »Whom have you … Sting?« . Hat durchaus etwas Witziges.

Mark Kozelek live at Blue Bird Festival 2018 © Hanna Pribitzer

Kommunikation mit Katzen
Schon vor seinem Auftritt, beim Soundcheck, ist Kozelek mit rotem Kopf auf der Bühne zu sehen. Es dauert alles etwas länger, irgendetwas funktioniert nicht am Klavier seiner männlichen Begleitung. Die Soundleute sind sichtlich bemüht, das Problem schleunigst zu lösen. Doch er ist angepisst, grundsätzlich und sowieso. Die Welt ist gegen ihn und alle sind weniger kompetent als er selbst. Das bestätigt sich jetzt wieder. Kozelek wirkt mit seinem schläfrigen Blick, wohlstandsbebaucht, Gentleman-like im schwarzen Anzug und mit Lackschuhen, bei dem selbstsicheren, virilen Auftritt wie eine Kreuzung aus Sylvester Stallone und Frank Sinatra. Er ist so ein Charles-Bukowski-Typ, den ja trotz dessen widerwärtiger Ausfälle auch alle irgendwie zu mögen scheinen, Mann wie Frau. Seine unterschwellige oder auch mal sehr oberschwellige Misogynie (wenn er eine Journalistin als »Bitch« beschimpft, die »ihn ficken wolle«) nimmt man in Kauf für so viel Wahrheit und Authentizität und schüttelt daher nur lächelnd innerlich den Kopf: »Künstler halt, gehört dazu.« Alles ist auch irgendwie überzeichnet an seinen Rants. Was ist da nun wirklich er und was nur Show? Doch, am Ende hat er oft was von diesen Rock’n’Roll-Typen, über die er in seinen Anekdoten witzelt: Frauengeschichten, Frauengeschichten, Wut, Hass, Cool-Sein, Pathos. Das lässt vermuten, dass doch ganz viel seines Streams-of-Consciousness tatsächlich aus der Seele spricht. Er ist Teil eben dieser sich gegenseitig zuprostenden Männlichkeit, die ihr Profil vor allem durch Abgrenzung gegenüber vermeintlich Schwächeren, Schlechteren stärkt. Zeigt er krasse Gefühle, zum Beispiel über den Tod seiner Katze, ist man bereits so eingelullt, dass man nicht mal wirklich merkt, wie grotesk das eigentlich ist. In einem Song singt er: »I love my cat more than anything in the world«. Kurz vorher hat er noch die Typen kritisiert, die dauernd auf ihre Smartphones starren und meinte: »Communication is the most important thing in the world.« Ja, schade, dass es bei dir halt nur mit deiner Katze klappt. Doch mit seinem Alter scheint auch Weisheit einherzugehen. Dies betont er permanent und offensichtlich scheinen ihm damit gewisse Privilegien automatisch zuzukommen: werten zu dürfen. Sein Auftritt hatte damit auch etwas Tragisch-Komisches: Offensichtlich hat Kozelek ja Probleme damit: »I still write music in my 50s. What are you doing with your life?« Nach dem dritten Mal »I am 51!« fragt man sich, ob er nicht einer von denen ist, denen bei sinkendem Testosteronspiegel so langsam die Antworten auf den Sinn des Lebens verloren gehen.

Mark Kozelek live at Blue Bird Festival 2018 © Hanna Pribitzer

Altmännerweisheiten
Gleichzeitig klingen seine mit viel Pathos vorgetragenen Geschichten, dieser Strang von Informationen und Gedanken aus seinem Tour-Alltag wegen ihrer Anekdotenhaftigkeit und dem eklektischen Charakter der Zusammenstellung mitunter wie ein Best-of gesammelter Facebook-Beiträge. Roter Faden des Ganzen ist das Pathos, sein Gefühl, sein Schmerz, sein Leiden, er selbst. Und gerade darum ist es schade, dass seine Energie und seine Fähigkeit zu leiden immer wieder nur auf Selbstmitleid beschränkt bleiben. Der ach so arme Mann. Da wundert man sich auch nicht mehr über Zeilen wie »Don’t over-analyze it!«. Das passt einfach zu gut ins Bild. Denn gewiss ist: Mark Kozelek ist ein Mann, der Frauen mag und wohl auch versteht. Das macht er immer wieder klar, wenn er über namenlose Frauen oder auch mal über welche namens Vivien singt. Was an sich nicht erwähnenswert wäre, wenn es nicht so vollkommen unsubversiv, unsubtil geschähe und in der Art und Weise einfach aus der Zeit geraten ist. Für all diejenigen vorwiegend männlichen Fans, von denen auch der Autor einer ist, die sich jetzt auf den Schlips getreten fühlen, nochmal zum Mitschreiben: Nicht Mark Kozelek ist das Problem. Er ist nur ein Symptom dieser allzu lauten Männlichkeit, die sich durch Zynismus und Besserwisserei profiliert. So beispielsweise, als ein Fan einen Musikwunsch äußert, weiß Psychologe Kozelek: »There is a reason you don’t have a girlfriend. Rule 1: Don’t yell stupid stuff during a concert«. Oder »My history of music is about having girlfriends« (oder so ähnlich). Mark Kozelek ist älter geworden. Das merkt man ihm und seinen Texten an. Seitdem er immer mehr zu diesem »grumpy old man« wird, scheinen seine Alben mehr und mehr Sammlungen recht belangloser Geschichten eines weißen Cis-Dudes zu sein. Erlaubt ist es, aber künstlerisch eher so naja. Alte, leidende weiße Männer: das wird langsam aber sicher uninteressant. Es bleibt zu hoffen, dass er, dessen Testosteronlevel sinkt (»My testosterone is expiring …«) und dessen Penis nicht mehr so gut erigiert, mal anfängt, seine nun neu gewonnen Freizeit anderen Menschen zuzuwenden, und im Zuge kritischer Introspektion sich und sein eigenes Bild von Männlichkeit hinterfragt. Dann klappt das vielleicht auch besser mit dem Altern, als Mensch und als Künstler.

Link: https://www.markkozelek.com/