Christoph Ransmayr/Franz Hautzinger, 11. 9. Porgy & Bess

»Der Urplatsch!« oder Tonale Ozeane für Nichtschwimmer – »Poetry & Abstract Music. Damen und Herren unter Wasser«; Christoph Ransmayr: voice, Franz Hautzinger: trumpet, electronics.

»Quallen küssen«, hört man, dazu eine Musik, die wie eine Unterwassermusik in den Weiten des Ozeans klingt. Ein Mikro steckt in der Trompete, zumindest sieht es so aus, da nur das Kabel zu sehen ist. Musiker Franz Hautzinger nähert sich einem Text von Christoph Ransmayr an – mit Hilfe von Musik, die rhythmisch stottert, als wenn man weit unter der Ozeanoberfläche schwimmt und oben ein Schiff tuckern hört. »Geisterpfeifenschiff«, äh, »Geisterpfeifenfisch« – alles rotes Licht im Wiener Porgy & Bess, nur Hautzingers Hemd ist blau. Die inneren Bilder übertreffen die der auf der Bühne gezeigten Diashow, die wenig befremdend, entfremdend sind. Water World, blau in blau, »ein Fischfunksignal empfangen«. Er streckt die Hand aus, den Arm, der schaut ganz harmlos aus, der Ransmayr hinter seinem Lesetisch und seiner Lesebrille. »Meine Tentakel auf einer Blasskoralle?« Die lachen gar nicht im Porgy & Bess, das ist meistens so. Wünsche mir für das dunkelrote Rund einmal einen wilden Zirkusabend nur so zum Spa&szlig, eine Kirmes mit blinkendem Kinderkarussell und Hollywoodschaukeln wie früher im Schauspielhaus manche Abende unter Leitung von Airan Berg und Barrie Kosky zum Fest wurden. »Grundschleppnetze, Beifang, leere leere Fanggründe. Aktenberge, Datenströme, Datenfluten, Flutwellen.« Hautzinger spielt mit dem Fu&szlig auf Elektro dazu, Schnalzer ertönen. Ähnlich der schrägen Treppe aus Lautsprechern von Ceal Floyer in einer Ausstellung im Wiener Jüdischen Museum gerade, die in einer Stufenfolge Lautsprecher montierte, aus denen der Reihe nach aufwärts- und abwärtsgehende Schritte zu hören sind. Gespenster kommen und gehen wieder die Treppe rauf. »Frau Whitie, die Fischereiministerin«, höre ich im Porgy, mit ihrem »Hass aufs Meer«! »Die Verdampfung der Ozeane hätte ihr gefallen. Ihr Weg führte über das Meer, dieses verfluchte Meer, als gewählte Volksvertreterin und Nichtschwimmerin. Das war ein Geheimnis, dass sie Nichtschwimmerin war. Ihr Volk war wasserscheu oder fürchtete zumindest den Untergang.«

Blaue Fledermausfischfrau

Zart und fragil wirkt der in der Mongolei in den Fluss gefallene Musiker – die Trompete konnte er aber augenscheinlich retten. »Schwärme von Nachkommen. Ob der Körper der eines Männchens oder Weibchens ist, wei&szlig man nicht. Meditative flie&szligende Fortpflanzung.« Irgendwie dringen nur Textfetzen zu mir durch, mein Hinterkopf ist zu stark mit der Musik beschäftigt, der Vorderkopf mit eigens produzierten Bildern. »Bin ich männlich? Bin ich weiblich?«, fragt Ransmayr. Keiner lacht. Hautzinger auch nicht. Denkt er an was anderes, horcht er auf Sphärenklänge? Eine Trompete kann doch lachen, oder?

»Weibchen oder Liebchen …, na eben, ganz still. Sie schwamm in mein submarin doppelbödiges Triebleben. Eine Frau mit zarten Flossen, ich musste meine Greifarme verknoten. Sie gehört zu meiner Schicksalsgemeinschaft, aber nicht zu meiner Art (eine Frau lacht auf). Fledermausfisch. Frau Purpleheart (noch ein Lacher). Das Zweckfreie unserer Beziehung weist weit über den Meeresspiegel hinaus.« Hautzinger spielt höher auf der Trompete. »Unsere Submarinierung«. Dort unten konnte alles zu Verwandlungen führen. (»Verwandlung« war übrigens das Lieblingswort von Canetti. Ob Ransmayr »Der Ohrenzeuge« gelesen hat?) »Luftwellenwesen. Das Wasserstoffatom ist das älteste Element des Universums. Der Urplatsch!!« Und ein paar Sätze weiter: »Am Heimweh nach den Wolken leiden. ?ber gefallene Langstreckenbomber hinweg schwimmen. Er flie&szligt. Wasserwalzen. Ruinen und Morast hinterlie&szligen die Albträume eines Wasserbauingenieurs. Seine Submarinierung befreite ihn zum Frieden der Tiefe. Der Weg der fortschreitenden Erinnerung. Ein Schwarm unteilbarer Teilchen …« Jetzt kommt doch noch blaues Licht. Tocker tocker. Hautzingers Motorboot tockert trocken auf den Weiten des Ozeans.

Farbenverändernder Trompetenfischtagvogel

nachtfischen_hautzinger_96ppi__c_karinweinhandl_2012.jpg»Na, meine Roots sind sicher in den Lacken. Mein Emotionales ist auf jeden Fall in diesen Wasen, in diesen Lacken, da bin ich aufgewachsen, meine ganze Kindheit bin ich an irgendwelchen Lacken gesessen und hab‘ hineingeschaut oder einen Stein reingeworfen. (…) Und dann bin ich noch immer in den Lacken, mit den Fischen. Es gibt kein Wasser, an dem ich vorbeigeh‘, es gibt kein Wasser, das ich nicht sehe. Beim Nachtfischen (…), ist mir klar geworden, wie das geht, also warum ich das kann, sozusagen echt reduziert zu spielen. Es ist so wie Zanderfischen, es dauert die ganze Nacht und wenn du Glück hast, auf einmal: Pieps. (…) Also diese Geduld, Ruhe und das Hören. Ich hab‘ das Hören gelernt. Aber diese Aufmerksamkeit, wenn du mal Nachtfischen gehst, dann hast du ja zuerst den Tag-Sound, dann kommt der Dämmer-Sound, die Vögel, die Tiere, es verändert sich. Dann bei Anbrechen der Nacht, nach Sonnenuntergang, an Seen, die Winde, alles verändert sich, dann kommen die Nachtvögel, die sich vorbereiten, die Tagvögel gehen schlafen.«

Alle Zitate frei nach Christoph Ransmayr
Interviewausschnitt: »theoral no. 6«, August 2012, Graphics: Karin Weinhandl, Editor: Philipp Schmickl, www.theoral.org