»Mappa Mundi« © Amour Fou Film

Alles bewegt sich ununterbrochen

Die Geschichte der ständigen Wanderung von Menschen und der Besiedlung über den Himalaya hinweg. Plus hundert sehr unterschiedliche Weltkarten: In Bady Mincks neuem Film »MappaMundi« muss man sehr schnell schauen.

»Wir leben ja nur hundert Jahre und kriegen vieles gar nicht mit. Wir sehen immer nur einen ganz kleinen Ausschnitt der Welt und des Geschehens«, sagt Bady Minck bei der Präsentation ihres neuen Filmes im Filmcasino am 13. Juni 2018. »MappaMundi« ist quasi weltumfassend gedacht, weltumspannend durch drei kosmische Kartografinnen in ihrem fliegenden Zeitschlauch, der wie ein lebendiger Geburtskanal von innen aussieht. Im Gedächtnis bleiben die hunderttausend kleinen Menschlein im Film, die wie Ameisen aussehen, und fleißig über Jahrtausende ständig auf die Suche gehen – nach Ressourcen, nach einem besseren Leben in Frieden. Die Erde ist genauso praktisch ständig in Bewegung, schon durch den »continental drift«, die Annäherung der Kontinente. »Alle 700 Millionen Jahre stehen die Kontinente wieder gleich da«, meint Bady Minck. »Es ist alles ein Zyklus, alles fließt.« 950 Millionen Jahre Erdgeschichte hat sich die Filmemacherin vorgenommen, gleich 150.000 Jahre Migration und auch nicht wenig: 15.000 Jahre Kartografie. »Ich habe mir verboten, ins Detail zu gehen«. Alle ZuschauerInnen lachen. Bady Minck und wenig Details?

Der Kosmos lebt
Es ist noch gar nicht so urlange her, dass es hieß: »Jeder, der behauptet, die Erde drehe sich um die Sonne, ist ein Ketzer. « Forscher hatten mit Problemen zu rechnen. So war Galileo Galilei, der als Karrierist in Venedig dreizehn Jahre lang zauderte, seine bahnbrechenden Forschungen zu veröffentlichen, nach seinem Prozess durch die Inquisition ein gebrochener Mann. Er litt unter Hausarrest und Berufsverbot. Erst 1992 wurden Galileos Erkenntnisse vom Papst anerkannt. Der Protestant Kepler, der katholisch werden oder die Stadt Graz verlassen sollte, konnte wegen des Bauernaufstandes in Linz seine Werke nicht drucken. Die Bahn des Mars kann kein Kreis sein, berechnete Kepler, sondern muss eine Ellipse sein! In der Himmelsphysik wurden Veränderungen in der Welt der Gestirne erkannt – der Kosmos lebt! Bady Minck fügt nun all’ diesen Erkenntnissen eine Art Zeitschlauch-Raumschiff hinzu, mit drei kosmischen Kartografinnen, die dank einer Art von Computer in der Zeit hin und her reisen können, alles von oben sehen. Der kaiserliche Hofmathematiker Ticho Brahe aus Prag erforschte 1604 die Supernova, einen explodierenden Stern, der weiter weg war als der Mond. Bady Minck versucht sich an vielen Themen gleichzeitig und daran, einen Bogen zu spannen. »Die Chinesen haben gute Weltkarten entwickelt«, sagt sie zum Beispiel, »die Ming-Dynastie schickte Schiffe nach Europa, die waren zwanzig Etagen hoch.«

Das Unendlichzeichen
Ein bisschen seekrank wird man im Kino schon bei dem ganzen Geschaukel des Weltschlauchs und der rasanten Bewegung von Mincks Weltkugel. Im Alltag verdrängt man ja gerne, dass sich die Erde mit 30 Kilometern pro Sekunde um die Sonne dreht. »Von den Babyloniern gibt es nur eine einzige Karte, aus 700 nach Christi«, weiß Bady Minck. In »MappaMundi« sprach die Schauspielerin Adele Neuhauser die Figur der Erde. »Sie hat die Erde gʼschupft«, lacht Minck, die einen jungen Beatboxer, der gleich live am Mikrofon Beispiele liefert, zur Filmmusik anregte. Sehr flott, sehr neu. »Die allererste Karte entstand auf einem Knochen, den wir leider für den Film nicht ausborgen durften.« Besagter Knochen lagert in der Ukraine. Über hundert Weltkarten kommen im Film vor. Drei Jahre dauerten die Recherchen für den Film, noch einmal drei Jahre die Umsetzung. Am Ende von »MappaMundi« steht das Unendlichzeichen im Raum, das nicht im Drehbuch stand, sondern sich während der Dreharbeiten entwickelte. Dabei gibt es neueste astrologische Erkenntnisse, dass sich die Ausdehnung des Weltraumes verlangsamt und irgendwann stillstehen wird. Es wird also nicht unendlich lange so weitergehen mit »unserem« Kosmos. Was wird dann passieren?

Nach dem Film verulkt mich der Kunstphilosoph Burghart Schmidt mit der Geschichte eines Bildes, auf dem man unter der Malerei ein anderes Bild entdeckte. Dann noch eines und noch eines. Am Ende erscheint plötzlich wieder das allererste Bild. Lustig sind alle diese rätselhaften Wunder des Lebens.

Link: http://www.amourfoufilm.com/film/mappamundi/