Allein sterben

»Die Zeit, die bleibt«, der neue Film von Francois Ozon, nimmt das plötzlich nahende Lebensende eines jungen Mannes ins Visier: der elegische Entwurf einer nicht unproblematischen Variation des Themas.

»Die Zeit, die bleibt« ist der zweite Teil der »Trilogie über die Trauer« des jungen und ungemein produktiven französischen Regisseurs. Angefangen mit »Unter dem Sand«, der den Verlust eines nahe stehenden Menschen immer wieder umkreist, soll eine Geschichte um den Tod eines Kindes die Reihe abschließen. Der zweite Teil allerdings ist die Konfrontation mit dem eigenen Tod – und damit von vornherein der radikalste. Der etwa dreißigjährige erfolgreiche Fotograf Romain (Melvil Poupaud, bekannt aus Eric Rohmers »Sommer«) erfährt, dass er unheilbar krank ist und nur noch wenige Monate zu leben hat. Die kaum aussichtsreiche Behandlung lehnt er ab; er versucht, die ihm verbliebene Zeit zu nutzen.

Dabei flüchtet er sich ein letztes Mal in die Scheinsicherheit einer schon lange gescheiterten Zweierbeziehung – in diesem Fall eine homosexuelle Partnerschaft; versucht einmal vergeblich den reinen Lustgewinn in einem noblen Nachtklub und findet in seiner seit jeher geliebten vitalen Großmutter (dargestellt von der großartigen Jeanne Moreau) den einzigen Menschen, dem er sich anvertrauen kann. Den Kontakt zu seiner Familie bricht er nach und nach ab, die alte Feindschaft gegenüber der Schwester versucht er nicht aufzuheben. Auch von einem Freundeskreis ist nichts zu sehen. Auf seinen einsamen Streifzügen begegnet Romain einer Kellnerin (adrett und sanft wie immer: Valeria Bruni-Tedeschi), die ihn gemeinsam mit ihrem unfruchtbaren Mann bittet, mit ihr ein Kind zu zeugen.

Der anfängliche Realismus des Films wird mit der Zeit immer unglaubwürdiger, die Handlungen des Protagonisten fragwürdiger. So überzeugend seine leise Verzweiflung ist und auch seine Unmöglichkeit, sich anderen mitzuteilen, so wirklichkeitsnah der Lebensstil eines Bobos der Jahrtausendwende scheint, weicht das Mitgefühl irgendwann einer gewissen Irritation: warum gibt Romain bis zum Schluss das beherrschende Verhältnis gegenüber seinem (Ex-)Freund nicht auf, warum ist die Freundschaft mit der Großmutter mehr wert als die mit der ihn ehrlich liebenden gleichaltrigen Schwester; warum wird keine Freundschaft zu Leuten aufgebaut, mit denen man schließlich ein Kind zeugt? Und ist völliger Rückzug aus der Gesellschaft – bis hin zu einem regelrechten Versandeln – wirklich das Beste für einen Sterbenden? Auch eine selbstverliebte Flucht in die Kindheit, deren Bilder nach einiger Wiederholung immer platter wirken und ein besserwisserisch anmutendes Mit-sich-selbst-Sein zwingen den Zuschauer immer mehr zur Distanz.

Anderseits liefert Ozon etliche durch und durch stimmige Szenen: so etwa den Streit am Familientisch als den ganz normalen Wahnsinn eines liebevoll-bemühten Zusammenlebens; die unglaublich authentische zeitgeistige Trennung oder die selten schönen Bilder einer Ménage à trois zur Zeugung eines Kindes. Die sind es, die den Film letzten Endes doch sehenswert machen, auch wenn er an Ozons frühere Erfolge wie »Swimming Pool« oder »5 x 2« nicht wirklich herankommt.