Wishbone Ash © www.aleks-photo.com

Wenn Gitarren singen

Eine Band, eine Location und jährliche Tradition: Wishbone Ash gastierten am 15. Jänner 2019 im Rahmen ihrer XLIX-Tour zum 50. Jubiläum in gewohnter Weise im Wiener Reigen. Ein Konzertvergleich.

»Good evening! Raise your hands, are you feeling good tonight?« lautet die Begrüßung von Frontmann Andy Powell, als Wishbone Ash pünktlich um 20:30 Uhr die Bühne betreten. Powell (Gitarre, Gesang) ist das einzig verbliebene Gründungsmitglied der Band und heuer fünzig Jahre aktiv. Die übrigen Musiker Bob Skeat (Bass), Joe Crabtree (Schlagzeug) und Mark Abrahams (Gitarre) sind erst im Laufe der Jahre eingestiegen. Im Vergleich zum Konzert am 11. Februar 2016, bei dem ich die Band das letzte Mal sah, hat sich in puncto Formation nur die Besetzung der Gitarre von Muddy Manninen zu Mark Abrahams geändert.

Vieles vom damaligen Abend lässt sich auch heute wiederfinden: die perfekt gewählte Location, die sowohl ein angenehmes Ambiente, ausreichend viel Platz als auch eine sehr gute Soundqualität bietet; das respektvolle, etwas in die Jahre gekommene Publikum; die vereinzelten Die-Hard-Fans, deren Daumen während der Show ständig nach oben zeigen; die Sonnenbrille des Sängers; das vertraute Lächeln des Bassisten, gepaart mit dessen zuckendem linken Mundwinkel beim Spielen dynamischer Passagen. Auch die Setlist überschneidet sich in einigen Songs wie »Deep Blues«, »Blowin’ Free«, »Throw Down the Sword«, »Warrior«, »Front Page News«, »Phoenix« oder »Sometime World«. Auch dieses Mal entscheidet sich die Band jedoch dagegen, »Helpless«, einen meiner Favoriten, zu finden auf »Live Dates 2«, zu spielen.

Wishbone Ash © www.aleks-photo.com

Die Extrameile
Die Leistung der Musiker ist wie gewohnt nicht zu beanstanden, sogar besser noch als 2016. Crabtree setzt heute mehr Kraft ein, Abrahams harmoniert möglicherweise besser mit der Band als Manninen und »darf auch schon viel mehr machen, als beim letzten Mal«, wie einige Fans über das Konzert 2018 erzählen. Powell muss seine Stimmbänder zwar kurz aufwärmen, dann sorgen sie jedoch wie erwartet für Gänsehaut. Die eintrainierten Stage-Moves werden mit einem Augenzwinkern präsentiert, sind jedoch alles andere als lächerlich: Wishbone Ash kauft man das ab, denn dass dieser Name auf fünfzig Jahre zurückblicken kann, bestätigt Relevanz und die Tatsache, dass sich diese Gruppe nicht mehr zu beweisen braucht, sondern mit Würde altert. Nach der Show frage ich bei Bassist Bob Skeat persönlich nach: Was fühlt sich bei dieser Tour anders an? »We are going the extra mile, and we can feel it reciprocating from the audience. It’s a milestone. I’ve done it for twenty-one years, Andy is doing it every day, so of course it is very special to him. There is a nice vibe going on and we are planning bigger productions over the next months.«

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»Aber du bist doch so jung?«
Überrascht, dass sich im Publikum auch einige junge Leute finden, sind auch diesmal die übrigen Fans. Tatsächlich ist es unerklärlich, warum Wishbone Ash den jüngeren Generationen kein Begriff ist – reichen doch die handwerkliche Präzision, die Professionalität und der Umgang der Band mit Melodie unbestreitbar an jene von Gruppen wie Pink Floyd heran. Wishbone Ash sind wohl einfach nicht so kommerziell, obwohl sie in den 1970ern und 1980ern bekannte Größen waren. Nicht umsonst listet beinahe jede Rockband – Thin Lizzy und Iron Maiden wären nur zwei davon – Wishbone Ash als Vorbilder und Inspiration. Es handelt sich hier um eine Band, die im Grunde nie den verdienten Ruhm erhalten hat. Da stellt sich unweigerlich die Frage, warum Wishbone Ash nur etwas für eingefleischte Rockfans sind, obwohl die Musik (auch, wenn sie bestimmt als experimentell bezeichnet werden darf) weder unverständlich noch unzugänglich ist, sondern über reißende Melodie als höchsten Stellenwert funktioniert – kaum eine andere Band versteht es wohl, ihre Gitarren dermaßen zum Singen zu bringen, wie Wishbone Ash. Und daran kann eigentlich jede*r Zuhörer*in Anschluss finden.

Link: www.wishboneash.com