Viennale ???07

»We still feel better in the dark«

Es ist soweit, am 19. Oktober 2007 wird das wichtigste Filmfestival des Landes, die Viennale eröffnet. Die Kinos laden wieder in ihre abgedunkelten Säle, wo die Cineasten zahlreichen Projektionen beiwohnen können. Unliebsamer Begleiter der Viennale ist wie immer das feuchtkalte Wetter, das sich immer prompt zur Festivalzeit einstellt.
Ungetrübt davon kommt das ausgewählte Filmprogramm daher. Auf den ersten Blick (natürlich streng subjektiv) scheinen die Highlights nicht ganz so zahlreich wie in den letzten Jahren zu sein, jedoch gibt es immer noch genügend hochklassige Werke zu begutachten.

Hard facts
Wie gewohnt laufen bei der Viennale zahlreiche Spezialschienen. Das Tribute ist diesmal Jane Fonda gewidmet, die dem Festival bis zum 21.10. als Ehrengast bewohnen wird. Zehn Filme, unter anderem der Eröffnungsfilm »Klute«, sowie der Klassiker »Barbarella« erfahren dieser Tage ihre Projektion.
Die Arbeiten der Filmemacherin und Kamerafrau Nina Menkes sind ebenfalls in einem Spezialprogramm zu sehen. Ihre Filme sind zahlreich prämiert und sie »springen einen an, überfallen dich wie böse und doch zutiefst realistische Träume« (Viennale Pressetext).
Der amerikanischen Regisseurin Stephanie Rothman, die sich als Frau erstmals im Bereich »Sexploitation« und B-Movies bemerkbar gemacht hat, ist ebenfalls eine Werkschau gewidmet. Sie gilt als eine der Vorreiterinnen des heute durch Quentin Tarantino bekannten Kinogenres.
Das Filmarchiv Austria und Synema kümmern sich um einen speziellen Teil der Filmgeschichte dieses Landes. »Proletarisches Kino in Österreich«, so der Titel der Filmschau, zeigt frühe autonome Produktionen der österreichischen Arbeiterbewegungen der 20er Jahre sowie internationale Werke, wie Beispiele des russischen Revolutionskinos, oder Filme von Charlie Chaplin oder G.W.Pabst.
Im Filmmuseum läuft bereits seit Anfang Oktober eine Retrospektive kuratiert vom Filmemacher und Autor Jean-Pierre Gorin, die sich mit essayistischem Kino auseinandersetzt und zahlreiche Arbeiten von 1909-2004 zeigt.
Darüber hinaus zeigt das Festival aktuelle Arbeiten in den Bereichen Spielfilm, Dokumentarfilm (dem wie immer ein relativ hoher Anteil zukommt) und Kurzfilm.
Zahlreiche Künstlergespräche runden Viennale (z.B. im Rahmen des Programms »Working Class«) ebenso ab wie Diskussionen und Partys.
Eine Nachtschiene wird das Festival auch heuer wieder begleiten. Zum Auftakt legt beispielsweise DJ-Legende Hans Nieswandt auf, weitere Programmpunkte sind die britische Band Trouble over Tokyo und zahlreiche DJ-Sessions u.a. von ausgewählten FilmemacherInnen.

24.10. »Staub«
Eine meisterliche Dokumentation vom meisterlichen Hartmut Bitomsky. In seinem Film ist er Staub auf der Spur, einem Zusammenschluss feinster Partikel, »dem kleinsten, noch unmittelbar sichtbaren Objekt«. Seine Reise führt uns an verschiedene Orte, wo dieser anzutreffen ist und zeigt uns Menschen die sich mit ebendiesem beschäftigen. Die Bandbreite reicht hierbei von Putzpersonal über Wissenschaftler zu Astronomen und Künstlern. Ein phänomenologisches Wunderwerk, das durch Off-Kommentar und Montage zusammengehalten wird und uns folgende Erkenntnis bringt: Staub ist nicht mehr das was er einmal war. 18:30 Uhr, Metro-Kino

25.10. »Holunderblüte«
Volker Koepp lässt Kinder der russischen Exklave Kaliningrad (einst Königsberg) erzählen. Imposante Landschaftsaufnahmen illustrieren ihre Geschichten, die von Familienverwahrlosung berichten, von Alkohol und Gewalt, aber auch von Freundschaft und Sehnsüchten. 16:00 Uhr, Metro-Kino.

26.10. »Lou Reeds Berlin«
33 Jahre nach Lou Reeds Konzeptalbum »Berlin« erfährt dieses seine Live-Aufführung. Der Künstler Julien Schnabel hat fünf Abende lang dieses Konzert auf Zelluloid gebannt. »Berlin« fiel seinerzeit bei den Kritikern als Flop durch und avancierte mittlerweile zum Kultalbum. 2006 wurde ein Remake des Werkes in New York auf die Bühne gebracht, Schnabel konzipierte die Show, seine Tochter war für die Videoprojektionen verantwortlich. 23:00 Uhr, Gartenbaukino.

27.10. »Ai no yokan«
Dieser Film von Kobayashi Masahiro wurde bei den Filmfestspielen in Locarno bereits mit dem großen Preis ausgezeichnet und ist ein wunderbares Beispiel des japanisches Minimalismus. Der Regisseur legt eine intensive Charakterstudie vor, in dessen Zentrum die Figuren Noriko und Junichi stehen. Ein Jahr später treffen sich die Wege beider Figuren. Eine Mutter, deren Tochter eine Mitschülerin umgebracht hat, und ein Vater, der um eben diese, seine Tochter, trauert. Dialogarmut, Langsamkeit und Wiederholungen prägen dieses nahezu hyperrealistische Werk. Irgendwann überwiegt jedoch die Unerträglichkeit der Situation. 23:00 Uhr, Künstlerhaus Kino.

28.10. »Control«
Anton Corbijn begibt sich mit seinem Spielfilm auf die Suche nach den Spuren von Ian Curtis, dem legendärem Sänger von Joy Division, welcher 1980 bekanntlich seinem Leben auf dramatische Weise ein Ende gesetzt hat. Auf den Erinnerungen seiner Frau Deborah basierend zeichnet Corbijn das Bild einer tragischen Figur, von großem Talent gesegnet und von einer Krankheit der Epilepsie befallen, der er sich nach und nach ausgeliefert gefühlt hat. 21:00 Uhr, Künstlerhaus Kino.

29.10 »Casting a glance«
Dieser Film vom Meister des cineastischem Minimalismus James Benning gibt bereits einen Vorgeschmack auf das was uns im November im Filmmuseum erwartet. Da wird nämlich dem Filmemacher zu Ehren eine Retrospektive, der Benning beiwohnen wird, veranstaltet. Seine 16mm-Filme befinden sich stets an der Schnittstelle zwischen Film und Fotografie, wobei auch die Mathematik einen wesentlichen Bestandteil seiner Filme ausmacht. Auch sind die Arbeiten des Experimentalfilmemachers von verschiedenen Kunstrichtungen beeinflusst. So prägten amerikanische Folk Art, Malerei und Land Art seine früheren Arbeiten. Sein neuester Film knüpft an diese Tradition an und setzt sich mit der Arbeit »spiral jetty« des Landart-Künstlers Ribert Smithson auseinander, der 1970 in der Salzwüste von Utah einen Erdwall in Spiralform in die Landschaft eingeschrieben hat. Diese »Installation« hat im Lauf der Jahre durch die Witterung eine Änderung erfahren. Benning, ehemaliger Mathematiker und nunmehr Professor der renommierten Kunstuni CalArts hat diese Veränderungen in gewohnt minimalistischer Weise statisch und poetisch auf 16mm gebannt. 18:00 Uhr, Stadtkino.

30.10. »Joshua«
Dieser Film spielt im Milieu der Upperclass von New York. Dort wächst der neunjährige hochbegabte Joshua heran. Als die Familie Zuwachs in Form einer kleinen Schwester für Joshua bekommt, beginnt dieser sich langsam zu verändern. Das Baby hört tagelang nicht auf zu weinen, die Mutter erkrankt an einer postnatalen Depression, seltsame Vorfälle häufen sich. Der Horror hält Einzug über die Familie, das Diabolische in Joshuas Seele blitzt auf. 20:30 Uhr, Gartenbaukino.

31.10. »Yella«
Der diesjährige Abschlussfilm der Viennale stammt vom deutschen Filmemacher Christian Petzold, der bereits für Meisterwerke wie »Die Innere Sicherheit«, »Wolfsberg« und »Gespenster« verantwortlich zeichnet. Nina Hoss spielt die Hauptrolle in seinem neuesten Werk. Yella geht von Ost- nach Westdeutschland, um hier ihre neue Zukunft zu beginnen. Sie lernt Philip kennen, der für eine Risiko-Kapital-Firma arbeitet. Yella wird seine Assistentin. Langsam holt sie ihre Vergangenheit ein, sie will nicht, dass ihr Traum zerplatzt, bewegt sich zwischen zwei Welten. »Sie ist ein Fremdkörper in einer Welt, die unter ihrem Blick, in ihren Händen eine fremde Welt wird« (Ekkehard Körer). 23:00 Uhr, Gartenbaukino.

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