»Less is a possibility« (Douglas Coupland)

Linklater-Retrospektive im Wiener Filmmuseum

Nach der großartigen Mai-Schau im Filmmuseum steht nun das nächste Highlight des Hauses an. Die weltweit erste Gesamtretrospektive von Richard Linklater kündigt sich an. Linklater, der für die Rundschau extra nach Wien kommen und für Publikumsgespräche zur Verfügung stehen wird, gilt als einer der wichtigsten Vertreter des US-Independentkinos der 90er Jahre. Der Durchbruch gelang dem Regisseur mit seinem Werk »Slacker« (1991). Eine großartige Momentaufnahme von Twentysomethings, die Schriftsteller Douglas Coupland seinerzeit als Generation X zusammenfasste. Rastlos folgt die Kamera einem Charakter nach dem anderen ohne all zu lange bei einer Figur zu verbleiben, Hauptdarsteller lassen sich somit keine ausmachen, dafür gelingt es Linklater auf diese Weise ein bestimmtes Lebensgefühl festzumachen, von sich treibenden Menschen, »Slacker« eben, die ihre Zeit mit endlos langem Geplapper über dies und jenes füllen und die ihrer Umwelt ungefragt ihre Sicht der Dinge, ihre Sehnsüchte und Träume ins Gesicht schleudern. Junge Menschen zwischen Highschool und College oder der Zeit danach, die sich bestenfalls mit McJobs durchschlagen. Linklater hat diesen Film mit geringsten Mitteln in seiner Heimatstadt Austin/Texas realisiert und viele der auftretenden Laiendarsteller rekrutieren sich aus dem Freundeskreis des Filmemachers.

Schwer empfehlenswert ist auch »SubUrbia« (1994) nicht nur wegen der Musik, die von Sonic Youth stammt. Der Film porträtiert Jugendliche in einer typischen US-Kleinstadt. Die Figuren, gerade mit der Highschool fertig geworden, schlagen ihre Zeit tot, träumen von einem Leben in New York oder haben Schwierigkeiten ihre Ideale mit ihrem Leben in Einklang zu bringen. Tolle Schauspieler agieren in diesem wunderbaren Film, dem es ähnlich wie »Slacker« gelingt, ein Lebensgefühl einer bestimmten Generation festzuhalten und der zeigt was es bedeutet jung zu sein, Ideale zu haben und der amerikanischen Mittelklasse zu entspringen.

In »Dazed and Confused«  kehrt Linklater zu seiner Jugend in die 70er Jahren zurück. Es ist der letzte Schultag und die Protagonisten wollen zur Mitternachtsparty mit den Älteren … Dazwischen Autofahrten, Bier, Gespräche über Mädchen, Sex und vor allem Musik als konstantem Begleiter. »School of Rock« schließt zehn Jahre danach als »gegenkulturelle Schulkomödie« an dieser Arbeit an.

»Before Sunrise«, der »Wienfilm«, sowie sein Nachfolger »Before Sunset«, wohl hinlänglich bekannt und mit Ethan Hawke und Julie Delpy (die gerade mit ihrem Film »Two nights in Paris« ihre eigene Referenz auf diese Filme aufweist) in den Hauptrollen, sind natürlich genauso bei der Werkschau vertreten. Ebenso wie Linklaters neuester Film »Fast food nation« der in hervorragender Weise die gleichnamige Buchvorlage verfilmt. Der Vegetarier Linklater beleuchtet hier auf unprätentiöse Weise die Mechanismen der Fast Food-Industrie. Fäkalien wurden in Burgern der Burger-Kette Mickey’s entdeckt. Der Manager, verkörpert von Greg Kinnear, zieht nun durchs Land, um dem Übel auf den Grund zu gehen. Dazu lakonisch der großartig in einer Nebenrolle auftretende Bruce Willis als lokaler Mickey’s-Mann: »We all have to eat shit from time to time«.

Um einen Besuch im Filmmuseum wird man im Juni wohl keinesfalls umhinkommen. Wer’s nicht tut: selber schuld, denn vor allem die Frühwerke des Regisseurs, unter anderem auf Super 8, wird man hier in näherer Zukunft bestimmt nicht mehr zu Gesicht bekommen, vor allem wenn man bedenkt, dass in Österreich ohnehin nur etwa die Hälfte der Filme des Regisseurs regulär in den Kinos angelaufen ist. »Nostalgia is a weapon« (Douglas Coupland).