Festivaltagebuch 21. 10. / Tag 8

Reviews: »Come Early Morning«, »One Way Boogie Woogie/27 Years Later«
Shortcuts: »Man Push Cart«, »Shi no otome«
Events: DVD-Präsentation, Filmemacher an den Plattentellern II

»Come Early Morning«
Lucy (Ashley Judd) ist Mitte dreißig und lebt in einer Kleinstadt im ländlichen Süden der USA. Ihre Abende verbringt sie damit, sich in einer Bar zu betrinken, um am nächsten Morgen neben irgendeinem Kerl aufzuwachen, vor dem sie dann nicht schnell genug die Flucht ergreifen kann.

»Come Early Morning« ist ein Porträt einer Frau, und wie sie ihr Leben lebt, wie sie versucht es zu ändern und wie sie sich um eine bessere Beziehung zu ihrem Vater bemüht, und dafür jeden Sonntag früh aufsteht, um gemeinsam in die Kirche zu gehen. Alkohol ist in ihrer Familiengeschichte stets präsent, ohne dass es groß als Problem thematisiert wird. Ihre Eltern sind geschieden, die Großmutter mit einem tyrannischen Mann verheiratet. Gleich zu Beginn des Films lernt Lucy in einer Bar Cal kennen, mit dem sie eine Nacht verbringt. Cal ist an mehr interessiert, nur sehr schüchtern und zögerlich gibt Lucy nach. Man sieht ihr die Schwierigkeiten, sich ernsthaft auf eine Beziehung einzulassen, an. Obwohl sie dagegen ankämpft kehrt sie zaghaft zu ihrem alten Verhaltensmuster zurück. Ein Film, der von einer Frau handelt, die ihr Leben in den Griff bekommen will.

Gut gespielt, und mit einer feinen Kameraarbeit von Tim Orr, aber am Ende ein doch recht konventioneller Independentfilm von Joey Lauren Adams (»Chasing Amy«).

Heute um 18:00 Uhr im Gartenbaukino

»One Way Boogie Woogie/27 Years Later«
Die Viennale präsentiert uns James Bennings neueste Arbeit.

Benning gilt als einer der Meister im Filmminimalismus und gilt auch als ein bekannter Gast des Festivals (z.B. »13 Lakes«). Wie sein Kollege William E. Jones unterrichtet Benning ebenfalls am renommierten Cal Art Institute.

In »One Way Boogie Woogie/27 Years Later« sieht man streng genommen gleich zwei Filme in einem. Beide dauern genau 60 Minuten. Beide zeigen in einer statischen Aufnahme dasselbe Tal in Milwaukee, indem Benning aufgewachsen ist.

Die erste Einstellung hat Benning 1977 gedreht, im zweiten Teil kehrt er 27 Jahre später zum Drehort zurück, um diesen nochmals filmisch festzuhalten. Wir sehen die Veränderungen des industrialisierten Tals. Manche Gebäude stehen nicht mehr, oder sie haben einen neuen Anstrich verpasst bekommen, aber im Großen und Ganzen ist vieles gleich geblieben.

Benning meint zu seinem Film: »I shot the same film again«. Und tatsächlich hat er mit derselben Kamera und dem gleichen statischen Ausschnitt gearbeitet, um die Veränderung von Orten über die Zeit zu untersuchen. Die amerikanische Flagge, die im ersten Teil noch unbeschädigt im Wind geflattert ist, ist nunmehr zerrissen und von der Zeit gezeichnet. Der Viennale-Katalog konstatiert die größte Veränderung beider Filme allerdings »in den verschiedenen Materialen auf denen sie gedreht wurden. »Der erste Teil zeichnet sich durch ein sattes Farbspektrum aus, während im zweiten Teil kühle Farben vorherrschen«. Die Tonspur des ersten Films unterlegt auch den neuen Teil. Ein wunderbares Filmkunstwerk, das man sich keinesfalls entgehen sollte.

Heute um 20:30 Uhr im Stadtkino

Shortcuts:

»Man Push Cart«
Der pakistanische Ex-Popstar Ahmad verdient seinen Lebensunterhalt nunmehr in New York, indem er einen Imbiss-Stand betreibt, den er jeden Tag zum Standort hin und zurück schieben muss.

Die Stadt fungiert als Schmelztiegel der Kulturen, als ein Ort der Schicksale, hinter jedem Zeitungsverkäufer könnte eine Geschichte stehen. Nebenbei vertickt Ahmad Porno-DVD. Er freundet sich mit einer jungen spanischen Kioskbetreiberin an. Die Tage ähneln sich.

Ein Film über das Schicksal und die Dinge die einem im Leben widerfahren, und die Absurdität des Lebens.

Heute um 11:00 Uhr im Metro

»Shi no otome«
Ein Horrorfilm von Kurosawa Kiyoshi. Die Schriftstellerin Reiko befindet sich in einer Schaffenskrise und hat sich in ein einsames Vorstadthaus zurückgezogen. Dort sucht sie ein Geist heim. Ihr nunmehriges Heim wurde zuvor von einer Frau bewohnt, die seinerzeit spurlos verschwunden war.

Heute um 23:00 Uhr im Gartenbaukino

Events:

Um 15:00 Uhr wird in der Urania wird mit einschlägigen Fachleuten über das Medium DVD als Vermittlungsmedium für ein minoritäres Kino diskutiert.

Am Abend dann gibt’s die zweite Auflage von Filmemachern an den Plattentellern. Fünf hochkarätige RegisseurInnen legen auf. Im Anschluss daran dann ein DJ-Set von dem nicht unbekannten Herrn Bernhard Fleischmann.