Festivaltagebuch 15. 10. / Tag 2

Reviews: »Mutual Appreciation«, »Miss Universe 1929 – Lisl Goldarbeiter. A Queen in Wien«
Shortcuts: »My Name is Albert Ayler«, »Romance and Cigarettes«
Events: Will Oldham, Diskussion von kolik.film

»Mutual Appreciation«
Ein Film von Andrew Bujalski, der in sprödem schwarzweiß und in 16 mm gedreht von dem Musiker Alan (Justin Rice) erzählt, der wieder nach New York geht, um eine neue Band zu gründen. Er wohnt bei seinem besten Freund Lawrence und dessen Freundin Ellie. Alan sucht einen Drummer und findet ihn, im Bruder einer Radioshowmoderatorin, mit der er ein paar Nächte verbringt. Tatsächlich bahnt sich aber eine Dreiecksbeziehung zwischen Alan, Lawrence und Ellie an.

Der Film schafft es ein Lebensgefühl einzufangen, das viele Twentysomethings teilen. Irgendwo im Zwischenraum zweier Lebensphasen angesiedelt. Das College ist vorbei, dem ernsthaften Berufsleben möchte man entgehen, von seinen künstlerischen Tätigkeiten kann man nicht leben.

Der Musiker, der irgendwie Ähnlichkeit mit dem Sänger von The Vines hat, stolpert eher durchs Leben, als es bewusst zu steuern. Alan macht schrammeligen Indiepop und hat zerzauste Haare, wie eben erst aufgewacht.

In manchen Momenten ähnelt »Mutual Appreciation« Filmen wie »SubUrbia«, aber insbesondere »Clerks«. Bestimmt nicht zu unrecht gilt Bujalski als eine viel versprechende Hoffnung des amerikanischen Independent-Kinos. Viele vergleichen ihn jetzt bereits mit dem großen John Cassavetes.

Bujalski setzt seine Film bewusst puristisch in Szene. Er arbeitet mit befreundeten Laiendarstellern (die großteils selber Filmemacher oder Musiker sind), und verzichtet auf großen technischen Aufwand.

Der Regisseur lässt die Figuren in seinem Film dabei durchaus ambivalent erscheinen, sie treiben planlos durchs Leben und vor lauter Stammeln schaffen sie es selten ihre wahren Emotionen auszudrücken. Trotzdem verbleiben die Sympathien immer bei den stets ein wenig verwirrt wirkenden Hauptdarstellern.

Heute um 15:30 Uhr im Künstlerhaus

»Miss Universe 1929 – Lisl Goldarbeiter. A Queen in Wien«
1929 wird die jüdisch-stämmige Wiener Bürgerstochter Lisl Goldarbeiter Miss Austria, danach Miss Europe und schließlich Miss Universe.

Ihr Cousin Marci, der sie zu diesem Weg ermuntert hat, hält ihren Werdegang schon sehr früh auf Kamera fest. Für Marci ist Lisl seine große Liebe. Diese heiratet jedoch einen anderen Mann und entsagt den Verlockungen Hollywoods. Marci verbleibt in Ungarn. Die schrecklichen Vorkommnisse des Holocaust (ein Großteil der Familie wurde von den Nazis ausgerottet) und die Weigerung von Goldarbeiters Gatten, ihren Verwandten zu helfen, brachten Lisl dazu ebenfalls dazu, nach Ungarn zu emigrieren. 1949 heiratete Lisl Marci dann doch. Gemeinsam erleben sie die ungarische Revolution von 1956 und den Kommunismus. Lisl Goldarbeiter stirbt 1996. Marci erzählt dem Filmemacher Peter Forgács seine und Lisl Lebensgeschichte. Der Film besteht ausschließlich aus Archivmaterial, dessen Großteil Marcis Aufnahmen ausmachen. Erzählt wird die Geschichte einer Miss Universe, ihr persönliche Leben, eingebettet in das Zeitgeschehen.

Heute um 16:00 Uhr in der Urania

Shortcuts

»My Name Is Albert Ayler«
Ein feines Musikerporträt der 1970 sehr jung verstorbenen Jazzlegende Albert Ayler. Ayler, Saxofonist und Komponist, war eine der prägenden Gestalten des Free Jazz. Archivmaterial, Interviews mit Verwandten und Mitmusikern und persönliche Aufnahmen bilden den Rahmen dieses Porträts.

Heute um 18:00 Uhr im Stadtkino

»Romance And Cigarettes«
Ein Musical mit prominenter Bestzung. Die Tanz- und Gesangseinlagen stammen unter anderem von Susan Sarandon, Steve Buscemi, Kate Winslet und James Galdofini (als singender Stahlarbeiter!). Das Viennale-Programm schreibt von einem »großartigem proletarischen Singspiel aus dem Arbteiterviertel Queens«.

Heute um 20:30 Uhr im Gartenbaukino

Events

Um 16:00 Uhr veranstaltet kolik.film eine Diskussion zum Thema »Deutscher Film. Berliner Schule«, es geht selbstredend über die aktuelle Ausrichtung im deutschen Film. Moderiert von Bert Rebhandl beteiligen sich u.a. Valeska Grisebach, Isabella Reicher und Stefan Krohmer am Gespräch.

Ab 18:00 Uhr kann man dann den von Will Oldham aka Bonnie »Prince« Billy verlegten Stücken lauschen. Das Programmheft verspricht »Perlen amerikanischen Songwritings als dunkelschönen Soundtrack«.