Boris Kovac & La Campanella, 12.02.2005, Szene Wien

Das Famose an diesem Mann ist bis jetzt nicht viel weiter als bis Graz durchgedrungen. Dort spielt er vor ausverkauftem Haus, in der Wiener Szene spielte er sein erstes Konzert vor 40 Gästen. Diese aber wurden fantastisch entlohnt.

Boris Kovac will uns auf eine Reise mitführen. Seine ungemeine Produktionswut kursiert auf vielen verschiedenen Abwegen um das Thema Geschichte und das Ende der selbigen herum. Es geht um die Frage, wie eine Welt jenseits der (blutigen) Geschichte der Menschheit aussehen könnte. Was würdest du tun am letzten Abend des Menschengedenkens?

Kovac versucht diese Frage auf vielfältige Weise zu beantworten. Als Multimediakünstler hat er immer schon starke Verbindungen zum Theater gehabt, und das war auch bei diesem Konzert ein ganz wesentlicher Bestandteil: die Inszenierung. Dass ein Tanz auch wirklich getanzt, und nicht nur gespielt wird. Kovac lässt sich frei laufen, erklimmt selber mit jedem Lied, mit jedem Rhythmuswechsel neue Stufen der Erregung und der Freude. Er reist mit uns durch Zeiten und Orte, die uns oft unbekannt oder fremd wirken, lässt uns aber nie aus den Augen. Als Reiseführer ist er bester Freund, Auskenner und Discman in einem. Ein Soundtrack, der wild, impulsiv und vor allem gefühlvoll ist, begleitet uns auf dieser Reise.

Boris Kovac würde wohl das Prädikat »Ausnahmesaxophonist« verdienen. Seine Begleiter, die das Quintett La Campanella (akk, drum, git, c-bass) vervollständigen, sind gutgelaunte, junge und weniger junge Männer aus Novi Sad in Serbien, die mit Spaß und Enthusiasmus die jazzigen, orientalischen, improvisierten und gut durchdachten Ideen wie Feuerwerke in den Raum schießen. Was auf Platten, wie der monumentalen Doppeledition »The Last Balkan Tango – Ballads At The End Of Time«, schon so großartig funktioniert, gewinnt live durch die überzeugende Darbietung noch mehr an Kraft und Energie. Der Tanz um den Abgrund der Menschheit herum macht Spaß. Und diese Erkenntnis von Boris Kovac präsentiert zu bekommen verleiht ihr ungemeinen Nachdruck.

Dieser Mensch ist aufgewachsen mit Van Der Graaf Generator und hört jetzt, wenn er sich mal auf aktuellen Pop/Rock einlässt, Sting. Nochmal: Sting. So weit weg voneinander liegen also Himmel und Hölle nicht. Verwirrt und träumend verlassen wir den Ort des Geschehens und hoffen, bald wieder von diesem Meister verführt zu werden. In eine Welt jenseits der Geschichte.