Theatermacher Martin Gruber über die neue Produktion SPEED (kills content):
„Egal ob in New York, Wien oder Dornbirn – was sich im Vorfeld dieser Produktion aus unzähligen Gesprächen mit Menschen verschiedenen Alters abgezeichnet hat, ist jene diffuse Zukunftsangst, der Verlust jener Sicherheit, welche uns die Demokratie bislang zu geben schien. Genau diese wird nun seit geraumer Zeit befeuert.
Ein allseits be- und herbeigeschriebener Siegeszug der extremen Rechten, ein mangels gemeinsamer Visionen der demokratischen Parteien vorerst gescheiterter Versuch, diese Bedrohung zu stoppen, liefert für unsere neuesten Produktion das ständige Hintergrundrauschen. Kriegsbedrohungen, Klimakrise, ein um sich greifender Turbokapitalismus erhitzt zudem die Temperatur der Performance.
Vor dieser Drohkulisse widmen wir uns nun in Speed den individuellen Nöten und Sehsüchten des Einzelnen. Scheint doch für einen immer größer werdenden Teil der Bevölkerung der schiere Überlebenskampf – Stichwort Teuerung – jegliches Nachdenken über eine gerechte und freie Gesellschaft in einer lebenswerten Umwelt zu verdrängen. Und was beschäftigt uns, neben den Zumutungen unserer Zeit, sonst noch? Was hat da noch Platz in unserem ganz privaten Kosmos?
Kommt sie noch, die alles erfüllende Liebe? Können wir sie noch erleben, die Autonomie, das selbstbestimmte Leben, das wir uns erträumt haben? Der erfüllende Job, die Möglichkeit, uns ständig neu zu erfinden? War’s das schon, war das alles? Und wo sind die großen Entwürfe, der Mut zum wütig-lustvollen Sprengen von Grenzen, von mir selbst oder anderen gesetzt. Oder wo bleibt der Humor, der die Kraft hat, Abstand zu schaffen und alles Totalitäre zu zersetzen?
Zwei Schritte vor, Taktwechsel, drei Schritte zurück. Das Ensemble zählt Schritte und Takt, dazwischen – mitunter auch gleichzeitig – wird gesprochen. Ähnlich unserem Alltag: dies erledigen, jenes erledigen. Nur nicht aus dem Takt kommen. Rasend im lähmenden Stillstand. Immer weiter. Immer schneller. Mit Volldampf wohin? Und für wen? Womit wir wieder bei der Politik wären.
Was uns allen bleibt, ist die Hoffnung auf einen Schritt zur Seite.“
Eine öffentliche Generalprobe findet am 10. Jänner um 19:30 Uhr statt.
Das aktionstheater ensemble ist eine freie Theatergruppe in Österreich, die 1989 vom Regisseur Martin Gruber gegründet wurde. Das Ensemble ist bekannt dafür, die Gegenwart besonders schnell zu reflektieren. In ihren Stücken werden grundsätzlich Themen verarbeitet, die sich mit dem zeitgenössischen Menschen auseinandersetzen. Es ist zum Paradigma der Gruppe geworden, Theaterstücke ohne Handlung zu entwickeln. Die Stücke entstehen aus einer Kombination von Interviews mit Schauspieler*innen und Autor*innentexten, die im Probenprozess zu einer collagenartigen Dramaturgie gebaut werden. Mit dieser Arbeitsweise nähert sich das Ensemble dem zeitgenössischen dokumentarischen Theater an, allerdings steht die poetische Verdichtung der Realität im Vordergrund. Von 2015 bis 2017 sowie im Jahr 2021 wurde das Ensemble für den Nestroy-Theaterpreis in der Kategorie „Beste Off-Produktion“ nominiert. 2016 erhielt das Ensemble den Preis. 2023 wurde es mit dem Österreichischen Kunstpreis für Darstellende Kunst ausgezeichnet.
