Survival Research Laboratories - Meeting Mark Pauline

15 Jahre sind seit Wolfgang Dorningers Gespräch mit dem SRL-Kopf vergangen. 2006 ergab sich ein wünschenswerter Lokalaugenschein. Schlie&szliglich sind SRL seit ihrer Maschinenperformance 1992 in Graz nie mehr in Europa aufgetreten. Doch auch auf dem Sektor Cyberpunk-Theorie hat sich inzwischen so einiges getan. Alles passierte an einem hei&szligen Frühsommertag, exakt zwischen 17 und 18 Uhr in San Francisco, Ortszeit.

Während der ersten zehn Minuten, als ich endlich Mark Pauline gegenübersaß, er sprach und ich diese Zeit auf dem Display des digitalen Aufnahmegeräts mitlaufen sah, musste ich immer wieder an Slick denken. Der Weg war beschwerlich. Diese unendliche San Bruno Avenue versandet förmlich mitten in der Stadt, um sich hinter einer Häuserreihe und nach einer Highway-Überführung unvermittelt fortzuziehen. Von meinem Hotel in Nob Hill war ich wohl mehr als eineinhalb Stunden bis an die periphere Industriezone San Franciscos und an das Ende der San Bruno Avenue unterwegs gewesen. Begrüßt von einem grell beißenden Warnton, der mich ansprang, als ich einen Fuß in das offene Garagentor der Werkstatt setzte, begegnete mir Mark Pauline erst nach einigem Rufen. Er war weiter hinten mit der nächsten Show in San Jose beschäftigt.
»Die ganze Sache mit SRL ist die, dass sich die Dinge permanent ändern, es wird hier etwas entwickelt, es gibt ständig neue Maschinen zu bauen, neue Ideen zu verfolgen. Es geht darum alles in Bewegung zu halten und das liegt am Ziel, nämlich in den Shows festzustellen, welche Reaktionen du von den Menschen kriegen kannst. Wie stark? Welche Story kannst du mit den animierten Objekten erzählen. Und wie kannst du diese Objekte animieren, um sie in der Performance lebendig wirken zu lassen.« Die erste Performance der Survival Research Laboratories lief 1979 über die Bühne. Das war »Machine Sex« an einer Chevron Tankstelle, Ecke Columbus und Green Street in San Francisco. Seither verkörpern SRL und Chefideologe Mark Pauline so etwas wie den »Mythos des Subversiven.« SRLs inszenierte Technokriege mit einem von der Industrie ausrangierten und von der Gruppe wieder reanimierten Maschinentrash haben bisher wenig von Paulines Vision der »interaktiven Hölle« ausgelassen. Lässige Zweideutigkeiten in den nach Tonnen kategorisierten Performances zwischen »wir wollen niemanden verletzten« und »wir wollen nur sehen, wie weit das Publikum geht, um sich zu schützen« haben wohl neben gezielten Angriffen ins Herz der politisch-religiösen Rechten, so etwa auf die Bibel, schon mehrmals dazu beigetragen, dass ihnen Performances abgesagt wurden. SRL ist eben nicht jedermanns Sache. Slick Henry, das ist jene Outlaw-Figur aus »Mona Lisa Overdrive«, mit der William Gibson Mark Pauline vermutlich das literarische Denkmal gesetzt hat. Slick hat eine Werkstatt irgendwo außerhalb von Chicago und baut Maschinen wie The Judge, einen Roboter bewaffnet mit Fingern aus Sägen. Kurz zuvor hatte ich jene Stelle überflogen, an der Slick von Kid Afrika vorgestellt wird: »Cherry, das ist mein enger persönlicher Freund Mr. Slick Henry. Als er noch ’n cooler junger Bursche war, ist er mit den Deacon Blues rumgezogen. Jetzt ist er ’n cooler alter Knacker, der sich hier verkriecht und sich seiner Kunst widmet. Hat echt Talent, der Mann, musst du wissen.« »Das ist doch der, der die Roboter baut«, meinte das Mädchen Kaugummi kauend. (…) »Genau der«, erwiderte Kid und öffnete seine Tür.« Jetzt fiel es mir eben wieder ein. Auf zwei metallenen Klappstühlen sitzen wir uns im Halbdunkel gegenüber, mein Diktiergerät läuft auf der Werkbank mit. Größer hab ich mir die Basis vorgestellt, irgendwie technoider, mehr nach Fabrikhalle eben. Bis an die Decke hängen die Versatzteile und Maschinen, Kabeltrommeln und quer verspannten Kunststoffrohre. Vorne steht ein offener Wohnwagen.
Doch kurz noch zu Slick. Das Problem mit SR-inspirierten Fantasien einer Techno-Revolution durch die Abfalleimer-Kids ist, dass diese abgesichert werden durch einen, mit dem eines Wettervorhersagers vergleichbaren, Glauben an die quasi Welt verbessernden Potenziale einer gut gezielten »Bombe«. Doch ist es offensichtlich ein Hauptgedanke postmoderner Theorien der nichtlinearen Dynamik von Macht, angefangen von Guy Debords »La société du spectacle« bis weiter zu Critical Art Ensembles »The Electronic Disturbance«, dass Macht sich quasi ätherisiert hat, dass Kontrolle weniger geschieht durch, wie auch immer, körperliche Strafandrohung als vielmehr durch Kolonisieren des Gedächtnisses der Masse mit Medienfiktionen. Mark Pauline ist sich dessen nur zu bewusst.
In Amerika verknüpft sich die Politik bekannter Weise extrem stark mit der Religion, konkret sind es die Republikanische Partei und die Christliche Rechte. »Weit rechts agierende Christen regieren das Land momentan und deren Entscheidungen basieren auf der Idee, dass es bald zu einer Apokalypse kommen wird, wie es in der Bibel steht. Und sie glauben, dass die Republikaner die wenigen Auserwählten sind.« Die nächste Show in San Jose wird sich darum drehen, was es heißt in einer apokalyptischen Welt zu leben, so Pauline. Er lese gerade Dantes Göttliche Komödie. »Dante war wohl der erste große Dichter, der einen künstlerischen Ausdruck davon vermittelte, was in der Bibel wirklich damit gemeint war, mit der Idee von Hölle und einer völlig zerstörten Welt. Wenn die Seelen verloren sind und Leiden der Name des Spiels ist. In der Show werden wir ein paar Schlüsselelemente haben, die auf Szenen in der Göttlichen Komödie basieren.« Inferno und Kontrolle, Flucht und Bannung, Qual und Nicht-Erlösung sind Assoziationen, welche die SRL-Performances wohl ziemlich von Beginn an im gleichermaßen verstörten wie faszinierten Publikum heraufbeschwören. Headlines wie Hölle, Alptraum, Desaster oder Angst sind ebenfalls stets dabei.
SRLs symbolische Gegenangriffe auf die fundamentalistischen Christen ziehen sich durch die Plots der Shows. Paulines Resümee über die aktuelle amerikanische Kunstlage stimmt dementsprechend nicht gerade erbaulich: »Die religiöse Rechte attackierte die Kunstorganisationen in den 1990er Jahren. Da ist nun nicht mehr viel übrig … Heute wird Kunst für Geld produziert oder einzig allein dafür, um irgendwie einen Status quo aufrecht zu erhalten. Kunst ist nur selten mehr kontrovers, denn die Galerien würden diese nicht unterstützen. Darüber hinaus zieht kontroverse Kunst die Aufmerksamkeit der Christlichen Rechten auf sich, die sie attackiert und die dann versucht die Organisationen zu schließen.« In »Escape Velocity« schließt Mark Dery sein Kapitel über SRL mit einem Zitat von Mark Pauline: »Ich glaube an das politische Potenzial der symbolischen Geste.« (2) Das operative SRL-Theater, so Dery, agiert auf Basis der Annahme, dass selbst ritualisierter Widerstand gegenüber technokratischer Macht greifbare Effekte, wenn auch nur in den Köpfen des Publikums, erzeuge. Allerdings, so Dery weiter, bleibe der symbolische Widerstand eben auch nur symbolisch.
»Im Theater muss man eine Sprache haben. Man will eine Situation kreieren, die größer ist als das Publikum und die das Publikum überwältigt und das Publikum reinzieht. Und man will ein Bild erzeugen, dass sie mit nach Hause nehmen. Das ist es auch, was alle Theater versuchen. Ich habe davon eine Art wörtliche Vorstellung, ein wenig Access ist gut, viel Access ist besser – und das ist auch das Motiv, das sich durch die Performances zieht. Vielleicht fühlt man sich dann glücklich, wenn man am Sterbebett liegt und man weiß, dass die Leute in der Show waren und mit einem Bild davon im Kopf herumlaufen. Man sucht nach der ultimativen Kunst, wenn man die Leute auf einer Ebene erreichen will, die jenseits ihrer Kontrolle liegt. Das ist das ultimative Ziel das ich habe. Das ist der ultimative Thrill für einen Künstler: So tief in das Unterbewusstsein des Publikums einzudringen, dass diese niemals vergessen was sie sahen.« Da war dieses Bombending, das unaufhörlich von der Decke stürzte, sich spitz in den Betonboden rammte und dann wieder am Stahlseil nach oben hievte, um sich erneut runter zu werfen. Diese Sequenz habe ich etwa immer noch im Kopf und vor Augen seit der SRL-Show 1992 in Graz. Ob ich sie wohl wieder loswerde, frage ich. Er lacht. Das Ding liegt da hinten im Regal, er hätte es seither nie wieder eingesetzt. Die Grazer Performance war eine ihrer besten, so Pauline. Seither seien sie nie wieder für eine Show nach Europa eingeladen worden. Er glaube nicht, dass das was SRL macht in Europa so populär sei … Wie steht es da mit Amerika? »In den Vereinigten Staaten ist SRL sehr nahe dran für eine terroristische Organisation gehalten zu werden, wegen der vielen künstlerisch eingesetzten Bomben usw. In Kalifornien dagegen sind wir ziemlich sicher mit unserer Arbeit. Sie verhaften unschuldige Künstler überall im Land, wie etwa Steve Kurtz, Frontfigur des Critical Art Ensemble. Du bezahlst einfach dafür, wenn du in Orten mit einem konservativen Umfeld wie Buffalo lebst. In solchen Städten kann man einfach nicht leben. Man muss da wirklich in San Francisco, L.A. oder New York sein, an progressiven Orten, wo man mit seiner kritischen, künstlerischen Arbeit verhältnismäßig sicher ist.« Aber auch in San Francisco selbst können sie im Augenblick keine Shows veranstalten, aus anderen Gründen: Die Feuerwehr ist hinter ihnen her, wegen der teilweise engen Abstände zwischen den Maschinen und dem Publikum. 1995 brachten sie die Gruppe sogar hinter Gitter. »Die Polizei ist hier auf unserer Seite. Sie versucht uns immer wieder vor der Feuerwehr zu beschützen. Die haben damals viel zu tun gehabt, damit uns die Feuerwehr nicht verhaften lässt, es half aber schließlich nichts.«
Es ist gegen sechs. Draußen sind bereits seine Frau und der zweijährige Sohn. Ich mache noch ein Foto und fahre mit dem Bus ins Hotel zurück.

skug dankt Mark Pauline für das Interview.

Critical Art Ensemble: »The Electronic Disturbance« Automedia, New York, 1994
Alighieri Dante: »La Divina Commedia« Florenz, 1902/2002.
Guy Debord: »La société du spectacle« Gallimard, Paris, 1967
Mark Dery: »Escape Velocity. Cyberculture at the End of the Century« Grove Press, New York, 1996
William Gibson: »Die Neuromancer-Trilogie« Heyne, München, 2000
Geert Lovink: »Interview mit Mark Dery« www.nettime.org, 1. Juni 1996

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