skug #104, 10-12/2015

Demütigung durch ihre Ûberlegenheit ausspielende westliche Machteliten ist ein Motor für Gegengewalt. Nach der Ausrottung vieler indigener Völker durch europäische ›Entdecker‹ waren die Massaker der deutschen Kolonialherren am Volk der sich wehrenden Hereros in Deutsch- Südwestafrika beispiellos. Traumata der Ûberlebenden wirken in Folgegenerationen nach. skug widmet diesem menschlichen »Seelenunheil« das Afrika Shoah Memory Festival, im November im Fluc – siehe Seite 5!

Ravid_Kahalani_by__Highlineballroom1.jpgGenerell ist es nicht nur eine Frage der Menschenrechte und der Moral, den aktuellen Exodus aus dem Orient und Afrika human zu bewältigen. Ganz in diesem Sinne setzte der junge Künstler Raoul Haspel ein würdiges Zeichen der Solidarität mit den unzähligen Flüchtlingen und ihren Familien. Sein Stück »Schweigeminute (Traiskirchen)« bildet einen Kontrapunkt zum permanenten medialen Getöse und bietet zugleich eine glaubwürdige Form des Spendens für Menschen in dramatischen Lebenssituationen. War bei John Cage die live aufgeführte Stille letztlich Ausdruck der L’art pour l’art, ist sie bei Haspel zur sozialen auralen Skulptur im Dienst der Menschlichkeit geworden. Und dass sechzig Sekunden Stille an der Spitze diverser Charts stehen würden, war bis vor kurzem unvorstellbar. Damit gelingt es dem Künstler, mit dieser im Grunde simplen Idee nicht nur Geld für die private Initiative »happy.thankyou.moreplease!!« aufzutreiben, sondern im besten Fall Bewusstsein zu schaffen für die katastrophale Lage der vom österreichischen Innenministerium sträflich vernachlässigten AsylwerberInnen.

Dieses Beispiel zeigt sehr gut, wie heutige Popphänomene funktionieren. Doch existieren viele Lücken im Wissen um die konkrete Ökonomie der Popkultur. Diesem Manko widmet skug anlässlich seines 25-jährigen Bestehens (die Nullnummer erschien im Oktober 1990) einen Schwerpunkt, der in Kooperation mit der Zeitschrift »MALMOE« entwickelt wurde. skug hält nicht Rückschau, sondern stellt sich der Gegenwart und blickt in die Zukunft und hält auf den Seiten 24 bis 41 nach neuen Orientierungsmarken in der Poptheorie und Popökonomie Ausschau. Ergänzend dazu findet sich in »MALMOE« #72 ein Schwerpunkt zu Musik, Geld und Politik. Den Diskurs zu forcieren in der immer kleinteiligeren und unübersichtlicheren Popwelt, ist nötiger denn je. Unser Kooperationspartner, bei dem 2015 das 15-Jahr-Jubiläum ansteht, kommt uns dabei als dezidiert politische Zeitschrift gerade recht. Und wir feiern gemeinsam am 21. Oktober im Fluc 25 + 15 = 40 Jahre journalistische Haltung. Näheres auf skug.at. Und am 9. 12. verbindet der Salon skug im rhiz in Zusammenarbeit mit wolkenvorhang elektronische Sphären der heimischen Formation theclosing mit den analogen wie auch digitalen Soundtexturen der in Wien lebenden Ukrainerin Zavoloka.

Bleibt noch der Verweis aufs Titelblatt mit King Midas Sound/Fennesz – der weltweit gebuchte österreichische Musiker Christian Fennesz spielte vor 25 Jahren in der Avantrockband Maische – und auf das Hintergrundbild dieser Seite. Es zeigt den Cover-Ausschnitt des Albums »Albatros« der Band Raze de Soare, das diesen Herbst auf dem Bukarester Label Future Nuggets erscheint (siehe Bianca Ludewigs Artikel auf Seite 8).

Die Redaktion


skug #105, 1-3/2016 erscheint Ende Dezember

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Inhalt vol.104


s o u n d

08 – Future Nuggets – Ausgrabungen aus Bukarest
10 – »Schnitzelbeat Vol. 2« – Österreichische Beat- und Garagenbands 1964-1970
14 – King Midas Sound/Fennesz – Christian Fennesz spricht über Kollaborationen, Dub-Sounds und endlose Sommer
16 – Berlin Atonal – Mit den Traditionen brechen: Industrial in Film und Festival
18 – Die Goldenen Zitronen – Schorsch Kamerun im Interview
21 – John Lydon/PiL – Autobiografie des King of Punk
23 – Clubcharta 2030 – Wiener Clublandschaft im Umbruch


p o p o v e r & o u t ?  S c h w e r p u n k t Po p k u l t u r

24 – skug meets Elevate Festival – Roundtable + Buchpräsentation
25 – Musik, Geld und Politik – Transformationsprozesse in Pop und Musikindustrie
27 – Made in Austria – Kreativwirtschaft und Neo-Austropop
30 – Heimatgangbang – Volks-Rock’n’Roll: Heimat als Popzeichen bei Andreas Gabalier
32 – Pop und Populismus – Kritik und Identitätsgehabe
34 – Die Dialektik des Dabeiseins – Stell dir vor, es ist Popmusik und keiner geht hin …
37 – Queer, feminist, punk – Jukebox-Interview mit Katharina Wiedlack
40 – Kritik der Kritik – Reflexion als Verantwortung, Thomas Edlingers »wunde Punkte« des Weltinnenraums des Pop

42 – reviews – Asfast/Kutin, Battles, Julia Holter, »Trevor Jackson presents: Science Fiction Dancehall Classics«, Clara Luzia, Hazmat Modine, »Rastafari – The Dreads Enter Babylon 1955-83«, Shaun & Starr, »Shut Up! We’re The Slaves«, Ms. John Soda, Schnipo Schranke, Wanda, »μ20«, Yo La Tengo

c u l t u r e

06 – live previews Charlemagne Palestine in der Kunsthalle Wien, steirischer herbst + Musikprotokoll mit The Young Fathers und Dolomite Dub, Salam Orient mit Natacha Atlas, Jazz & The City in memoriam Gerhard Eder, Elevate mit Osunlade, Bernhard Lang im Tanzquartier Wien, Jeunesse-Special mit Peter Evans
48 – thinkable Die Revolte des Formlosen, Teil 2: Zur Aufhebung der Zeit mit Fela Kuti, Breaking Convention 2015: Der psychedelische Weltgeist tagt in London
55 – art Klangskulpturen von Ulla Rauter und Andreas Trobollowitsch, Marcel Broodthaers
59 – watchable Bekenntnisse eines Serien-Junkies
61 – film Tauben, die auf Menschen blicken: Roy Andersson
62 – readable Gespräche anzetteln: Stuart Hall und »Aktivismus, Pop und Politik«, sonische Ethnografien von Jochen Bonz, Karriereverweigerungen mit dem Haus Bartleby, Ernst Jandls »Liebesgedichte «, Ulrike Schmitzers »Die gestohlene Erinnerung«, James A. Mitchell über John Lennons revolutionäre US-Jahre
66 – Kolumne Die Welt in Bewegung, alles hinter sich lassen

s t a n d a r d s

03 – Editorial
05 – 25 Jahre skug – Afrika Shoah Memory Festival
58 – Abonnement
66 – Impressum

skug #105, 1-3/2016 erscheint Ende Dezember