Electronicat: Who Do You Shuffle - Who Do You Cut-Up

Fred Bigot, der nun in Berlin lebende Franzose mit Künstlernamen Electronicat, könnte es sich ja so leicht machen und seine Elektronic-Baukasten-Suicide meets Le Cramps Folies-Shuffle-Maschine wie gehabt weitertuckern lassen.

Fred Bigot, der nun in Berlin lebende Franzose mit Künstlernamen Electronicat, könnte es sich ja so leicht machen und seine Elektronic-Baukasten-Suicide meets Le Cramps Folies-Shuffle-Maschine wie gehabt weitertuckern lassen.

Damit war und ist Electronict erstens sehr erfolgreich und diese Shuffle-Maschine wäre zweitens auch ein klasse stures Argument gegen Wolfgang Voigts Prognose vom Ende des Electronic-Shuffles, dem Bigot auf seiner aktuellen CD »Voodoo Man« gleich mal als Glitter Band im Darkroom mit »Rock + Shuffle All Over You« so einiges entgegenhält. Aber wir reden hier nicht von pan-sonischem Dead Combo-Minimalsimus. Electronicat bewegt sich ja nicht umsonst in Kreisen (auch diesmal saß Patrick Pulsinger bei einigen Tracks hinter den Reglern), wo Rock’n’Roll zwar Sozialisationsgegenstand war, man aber immer noch weiß, warum das alles mal auch über Bord geworfen werden musste. Und er weiß, was davon zu Recht wieder ausgegraben wurde. Vor allem: Bigot weiß warum. Oder wir unterstellen es ihm einfach. Etwa die auffällig nach dem französischen Pop-Exzentriker Michel Polnareff klingende Gitarre im Single-Hit »Dans les bois«, die noch viel mehr aufhören lässt als die Story um »being lost in the jungle where leopard-skin clad figures taunt and tease whilst demonic leaves lead you astray« und dass die Idee dazu während Wanderungen zu Burgruinen in den österreichischen Bergen geboren wurde (was aber auch nicht ohne ist). Ebenso verhält es sich mit Referenzen an die französischen Electronic-Punk-Legende Metal Urban/Dr. Mix & The Remix (»Non«) und der Roy Orbison-Hommage »In My Dreams«, wo sich endgültig der Wechsel zur zweiten LP von Suicide (bzw. das intensive von Martin Revs Solo-Debüt) als romantisch verklärtes, nächtliches Eislaufen in blauem Samt im »Psychedelic Jungle« manifestiert.

Damit gibt sich Bigot aber nicht zufrieden (auch nicht mit dem Bo Diddley-Gerumpel »A Lovers‘ Suitcase«). Stattdessen erweitert er den Mensch/Maschinen-Diskurs um die Sci-fi Sex-Story einer TR808-Drum-Machine die gerne eine Venus im Pelz wäre (»Flesh & Accessories«) und dreht diese Grundprämisse dann bei der weiteren Handhabe von Samples und Flohmarktfundstücken einfach um. Mit dem Effekt, dass bei Tracks wie »Wap Doowop«, »Savage Cat« und »The Smell Of Danger« nacheinander Partikel aus/von Doo Wop, Garage-Punk, Hod Rot/Surf- & Dragster-Rock’n’Roll ähnliche Rollen übernehmen wie gewisse Szenen aus klassischen Hollywood-Filmen hinsichtlich ihrer Effekte im und für das US-Avantgarde-Kino zwischen Maya Deren, Jack Smith, Warhol und – schon wieder – Kenneth Anger. Das mag jetzt an den Haaren herbeigezogen scheinen, aber allein wie Bigot Sandy Nelsons »Drums A-Go-Go« mit seiner Roland TR808-Drum-Maschine (auch historisch) kurzschließt (also instrumentalen Rock’n’Roll mit/zu Techno in Beziehung setzt), HipHop-Prinzipien der transformativen Verwendung von Archivmaterial bis zur Unkenntlichkeit anwendet bzw. Samples durch Scratches wie durch bei Dub entliehenem Tonband-Hin-und Herspulen als Ausgangsmaterial kenntlich macht, erzeugt hier einen frechen Cut-Up-Track nach dem anderen.

Und wenn dann bei »Mummy Cat« nicht nur Miss Le Bomb Catriona Shaw (Queen Of Japan) aufheult, sondern auch noch das »Smoke On The Water«-Riff angestimmt wird, dann kann unserem »Voodoo Man« und seinem »deranged horror movie soundtrack« nur attestiert werden, dass nicht nur in diesem Fall »The Return Of The Living Dead« vollends gelungen ist. Der Sampler als Reanimator – Stephen King übernehmen sie!

Electronicat: »Voodoo Man« (Disko B/Ixthuluh)

www.electronicat.com

Electronicat – Sa., 26.3.2005, 1.30 Uhr – Fluc Mensa