Calhau!

»Ú«

Kraak

Das portugiesische Duo Calhau! legt mit »Ú« sein drittes Album vor. Ich kenne die beiden Vorgängeralben nicht. Ich habe auch nicht versucht, während des Hörens der Platte und des Schreibens der Rezension, diese Wissenslücke zu schließen. Ich war und bin hinreichend damit beschäftigt herauszufinden, was ich von »Ú« halten soll, und das ist ja erst einmal ein sehr gutes Zeichen: Erstaunen, Ratlosigkeit und Stirnrunzeln befallen einen ja mit den Jahren immer weniger, wenn man Musik hört. Was also machen Calhau!, dass ich nicht so recht weiß, welche Worte ich wählen soll, um der Musik hier einigermaßen gerecht zu werden? Zunächst dachte ich: Mumpitz mit Magick, ganz nett – aber nichts, was nicht Coil oder Psychic TV schon besser oder (wenigstens) früher gemacht hätten. Aber der Hinweis auf historische Vorbilder (sofern sie denn der Band überhaupt als solche gedient haben) ist ja ebenso armselig wie die Musik angeblich sein soll. Das wäre, das ist zu einfach. Und dann war es mit der Zeit auch so, dass die Platte mit jedem Hördurchgang seltsamer und origineller wurde. Sicherlich, ich muss hier und da an die ruhigeren Momente von Throbbing Gristle und die dunklen Meisterwerke »Marble Index« und »Desertshore« von Nico oder den mystisch-verspielten DIY-Murks von Vox Populi denken, und in jeder nicht alphabetisch sortierten Plattensammlung können Calhau! genau dort ihren Platz finden – und gleich daneben stehen vielleicht noch Dead Can Dance und eine Zusammenstellung Gregorianischer Choräle. Irgendwie so. Jenseitsmusik. Der Gesang (vorgetragen in mehreren Sprachen und nicht definierbaren Lauten) gleicht liturgischem Gemurmel, Summen und manchmal auch Gurgeln und die elektronischen Sounds kreisen selbstvergessen um die Stimme herum, der Welt abgewandt. Es gibt wenig zu verstehen, um so mehr anzunehmen. Im doppelten Sinn: Die Musik von Calhau! lädt einerseits dazu ein, sich allerlei Reim darauf zu machen wie man sich anderseits ihr gegenüber auch bloß öffnen bzw. hingeben kann. Das ist, neben vielen anderen, auch eine Frage der Neigung oder Stimmung. Der (dezidierte) Irrationalismus der ausgestellten Klangwelt kann einem auch schwer auf die Nerven gehen, nehme ich an. Andererseits entfaltet »Ú« mit der Zeit eine seltsame Anziehungskraft und entfacht eine Neugier, vergleichbar mit der Wirkung von Filmen wie Alejandro Jodorowskys »Holy Mountain« oder »Begotten« von E. Elias Merhige – man will wissen wie es weitergeht und nicht aufhören hinzugucken bzw. hinzuhören, weil … tja, jedenfalls empfehle ich den Selbstversuch mit »Ú«,­ wenn man mit den genannten Bezugsgrößen was anfangen kann.