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Neue deutsche Befindlichkeitsmusik

Text: D. A. Schindler | 07.03.2015
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Die Nerven (c) Oliver Wolff

Die Stadt als Leiche, der Planet als Patient. Anamnese-Betrachtungen zu aktuellen Handlungsanweisungen in Deutschland mit Post-Punk u. a. von Trümmer, Karies und Die Nerven. Und: Rap von Haftbefehl. 

 


Von der Hansestadt Hamburg im Norden der Republik bis Stuttgart im Süden legt sich so manche Stirn in Runzeln.[1] Sowohl Trümmer und Die Heiterkeit (Hamburg) als auch Karies und Die Nerven (Stuttgart) - und noch viele andere, die ich mutwillig weggekürzt habe (wie zum Beispiel Messer), damit der hier geplante geographische Taschenspielertrick aufgeht - eint das Gefühl, dass die Stadt eine Leiche und der Planet ein Patient ist.[2] Ihr von Post-Punk und NDW beeinflusster Gitarren- Sound bringt ihnen allerdings neben gelegentlichen Schlager-Vorwürfen zum Leidwesen aller Beteiligten auch noch Hamburger-Schule-Vergleiche ein.

  

Dabei waren die Gemeinsamkeiten innerhalb dieser popmusikalischen Bewegung der frühen 1990er Jahre in kaum mehr als der Ortsangabe zu finden. Eine Restgemeinsamkeit war und ist allerdings nicht im Sound, sondern eher in den Texten auszumachen: Die Hamburger Schule leidet an der Schlechtigkeit der Welt. Die ihr zugerechneten Künstler leiden daran, dass eine schlechte Welt sie nicht versteht - sie sind von der Existenz eines Innerhalb und eines Außerhalb der Gesellschaft überzeugt und lokalisieren sich klar im letzteren.[3]

Und auch die Vertreter der neuen deutschen Befindlichkeitsmusik haben über eine auffällige Gleichzeitigkeit[4] hinaus nur die Grundstimmung ihrer Texte gemein. Und genau hier ist der Vergleich eben nicht gerechtfertigt, denn im Gegensatz zur Hamburger Schule ist das Bewusstsein der Lebensumstände heute merklich intelligenter: Es ist ein Bewusstsein des Nicht-Entkommen-Könnens aus der Komplizenschaft mit der Welt.

Geld essen

Worum es in der Welt geht, wird mitten auf der Verbindungslinie Hamburg-Stuttgart artikuliert, in Frankfurt am Main. »Saudi A / Saudi Arabi Money / Money Rich« deklamiert Haftbefehls zerhacktes Vocalsample im Refrain der ersten Single-Auskopplung aus »Russisch Roulette«. Der Fremde, der Ausgesonderte, will also Geld haben, will seine Existenz finanziell absichern - oder, etwas pathetisch ausgedrückt, sein (Über-)Lebensrecht erkaufen. Der Migrant kann innerhalb der Gesellschaft aller- dings nicht jede Verbindung eingehen, nicht jeden Weg einschlagen, sodass für ihn nur die Wahl bleibt, wenn nicht mit Rap, dann mit der Pumpgun[5] an das benötigte Geld zu kommen. Es sind jedem Individuum Möglichkeiten gegeben, bestimmten Individuen[6] aber eben nur bestimmte: Solche in weniger anerkannten oder gar juristisch sanktionierten Feldern beispielsweise.

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Haftbefehl (c) Robert Wunsch

 

Anders als die meiste Pop-Musik wirkt der seit Jahren sich großer Beliebtheit erfreuende Gangsta-Rap hier auch wie eine Handlungsanweisung, wie die Beschreibung einer Möglichkeit zum Erreichen der gesteckten Ziele auf infamen Wegen. Dabei kann vielleicht die Unterscheidung gezogen werden, dass die Pumpgun die Louis-Vuitton-Kollektion finanzieren kann, Rap hingegen auch ein Haus in einem Vorort von Darmstadt ermöglicht.[7] Dass also die nicht-kriminelle Ökonomie die Option birgt, genauso erscheinen zu können wie diejenigen Individuen, denen andere, anerkannte Möglichkeiten gegeben worden sind. 


Und Ja

Ich weiß nicht, welche Ausbildung die Bandmitglieder von beispielsweise Trümmer oder Die Nerven genossen haben, doch ich glaube, ihnen kein Unrecht zu tun, wenn ich vermute, dass sie alle ein Studium abgeschlossen haben.[8] Zumindest ließe sich so sehr leicht ihr Leiden an ihrer Komplizen- schaft mit der Welt erklären.

Denn ein Bildungssystem, das schon zehnjährige Kinder in drei gesellschaftliche Klassen unterteilt, legt auch fest, an welche Möglichkeiten einzelne Individuen in Zukunft werden anknüpfen können. Auf diese Weise werden bestimmte Individuen in Felder hineindiszipliniert, welche zwar einen hohen Grad an Anerkennung genießen, dabei aber auch mit einer bestimmten Erwartungshaltung verknüpft sind - einer Erwartungshaltung, die zu erfüllen zum einzigen Lebensinhalt werden kann. Das Leid entsteht nicht dort, wo keine Verknüpfungen bestehen, die man ohnehin nicht haben will (wo man also von einer verachteten Welt nicht verstanden wird); sondern eben dort, wo man Verknüpfungen haben möchte, die verunmöglicht werden oder man auf Verknüpfungen angewiesen ist, die man eigentlich kappen möchte. Gerade letzteres mag sich wie Stillstand[9] anfühlen.

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Karies (c) Annika Rabenschlag 

 

Die Texte der neuen deutschen Befindlichkeitsmusik zeugen von einem Bewusstsein, Teil eben keiner Jugendbewegung mehr zu sein, sondern es sich in der permanenten Absicherung der grund- sätzlich prekären Existenz gemütlich gemacht zu haben. Weil man es kann, in einem der reichsten Länder der Welt. Weil die ökonomisch verwertbare Position so genau wie möglich bestimmt und festgelegt worden ist. Und weil dem neoliberalen Charakter[10] von Grund auf Ideen fehlen, was stattdessen zu tun sei.

Kein Gerede

Was lässt sich aber sagen, wenn einen die Unzufriedenheit darüber plagt, dass man selbst das Räderwerk der Maschine ist, die man mit dem eigenen Tun in Gang hält?[11] Wie der Gangsta-Rap Handlungsanweisungen für den Weg nach Oben (vom Rand[12] der Maschine zu ihrer Mitte hin) gibt, so lassen sich auch in Gitarren-zentrierten Popmusik-Genres Handlungsanweisungen finden, die den Weg aus der Maschine heraus aufzuzeigen versuchen. Das bedeutet aber in der Regel stets den Weg zu den Rändern hin - da hin, von wo die Gangsta-Rapper zu entkommen versuchen. Mögliche Handlungsanweisungen umfassen die Kriminalität in Form von Gewalt gegen die Staatsmacht: »Bullenschweine« von Slime.[13] Oder auch das Leben in Armut durch das Besetzen unbewohnter Immobilien: »Abend in der Stadt« von AufBruch.[14] Oder aber sogar beides: »Rauch-Haus-Song« von Ton Steine Scherben.[15]

 

All das kommt aber einer Räumung des Feldes gleich, denn auch wenn Straßenschlachten geschla- gen werden, so sind es doch nur Kämpfe um die Ränder der Gesellschaft, nie Kämpfe um deren Mitte. Nie also ein Offensichtlich-Machen der subtilen Schlacht, die permanent in der Mitte der Gesellschaft tobt. In diesem Sinne tut die neue deutsche Befindlichkeitsmusik vielleicht doch ganz gut daran, nicht gleich zur Therapie zu springen, sondern sich erst einmal Zeit für die Anamnese zu nehmen: Das Befinden in der Mitte der Gesellschaft also aufzuzeichnen. Eine mögliche Diagnose könnte dann lauten, dass Deutschland von der Wahnvorstellung der Vollbeschäftigung besessen ist. Oder an einer akuten Respektlosigkeit gegenüber Alten und Kranken und denen, die diese versorgen, leidet. Oder aber einfach nur darüber verwirrt ist, welche Arbeit welchen Respekt und welche Entlohnung verdient.

Chinesisches Roulette

Die sich daraus ergebende Therapie kann aber keineswegs in der bloßen Selbstversicherung liegen, dass vor uns immer noch mehr liegt, als hinter uns.[16] Viel eher scheint es angebracht, sich selbst zum Revolver zu erklären[17] und nach allen Seiten zu schießen.


  



 

[1] Karies: »Abwärts«. 
[2] Trümmer: »Eigentlich«. 
[3] Jochen Distelmeyers Frage »Merkst du, was ich merke, wenn ich den Output verstärke?« beispielsweise zeugt von einer verzweifelten Hoffnung darauf, endlich von irgendjemandem verstanden zu werden. Blumfeld: »Verstärker«. 
[4] Ihre räumliche Entsprechung findet diese Gleichzeitigkeit mit den beiden Samplern »Von Heimat kann man hier nicht sprechen« (Stuttgart, 2013) und »Keine Bewegung« (Staatsakt, 2014). 
[5] Haftbefehl: »Dann mit der Pumpgun«. 
[6] Bestimmt nicht durch eine übergeordnete Instanz, sondern rein durch die verfügbaren und ergriffenen Möglichkeiten.
[7] Haftbefehl-Interview. 
[8] Hier eine weitere kleine Ungerechtigkeit, denn während der erfolgreiche, offensichtliche Ausländer sich in Interviews anhand seines Werdegangs für seinen Erfolg zu rechtfertigen hat, bleibt dies jedem erspart, der auf den ersten Blick normiert erscheint. So können sich Trümmer beispielsweise auf fünf Seiten über das Leben in der Stadt und ihren Sound auslassen, ohne ihre Herkunft und ihre Lebensumstände zu thematisieren. Vgl. »Das Wetter«, 10/2014, 48ff. 
[9] Mit Zeilen wie »Und andere Frauen ändern auch nichts an deinen Problemen. / Und andere Städte ändern auch nichts an deinen Komplexen. / Und andere Sprache ändern auch nichts an deinem Zustand: Irgendwann geht's zurück« verweist Max Rieger klar auf einen Stillstand selbst in der Bewegung. Die Nerven: »Irgendwann geht's zurück«.
[10] Paul Verhaeghe auf »Der Freitag«, 24.10.2014. 
[11] Und eben nicht in ihr Räderwerk eingeschlossen ist, wie Michel Foucault in »Überwachen und Strafen« (279) sagt. 
[12] Der Rand ist dabei kein Ort kurz vor einem Außerhalb der Gesellschaft - er ist überall dort, wo die Verknüpfungen, die als (politische, juristische, wirtschaftliche etc.) »Gesellschaft« zusammengefasst werden, dünn, selten und kurzlebig sind. 
[13] So singt Dirk Jora in der letzten Strophe: »Haut die Bullen platt wie Stullen / stampft die Polizei zu Brei! / Haut den Pigs die Fresse ein / denn nur ein totes ist ein gutes Schwein!«. 
[14] Den Mittelpunkt dieser Punk-Ballade bilden wohl Ralf Matterns Zeilen »Die Häuser müssen bewohnt sein / das ist doch ihr Zweck. Und wir wollen nicht länger bitten / haben die Behörden satt / heute zieh'n wir in die Häuser ein: es ist Abend in der Stadt«. 
[15] Mit den Zeilen »Und vier Monate später stand in Springers heißem Blatt / dass das Georg-von-Rauch-Haus eine Bombenwerkstadt hat. / Und die deutlichen Beweise war'n zehn leere Flaschen Wein. / Und zehn leere Flaschen können schnell zehn Mollies sein« versucht Rio Reiser wohl eher aufzuzeigen, wie parteiisch und voreingenommen die »B.Z.« in ihrer Berichterstattung gewesen ist und ihre voreiligen Schlüsse zu verurteilen. Ich habe diese Zeilen aber meistens als dezenten Hinweis darauf verstanden, was mit den Flaschen getan werden kann, wenn der Wein ausgetrunken worden ist.   
[17] Haftbefehl-Interview.



Anm. d. Red.: In skug #100 (10-12/2014) gab es den Artikel »Die Neue Verkrampfung - Deutscher Diskursrock« und auf skug-Online ein Interview mit der Band Trümmer, beides von Hardy Funk. Der vorliegende Text versteht sich als ein ergänzender Blickwinkel.

Text: D. A. Schindler | 07.03.2015

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