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Post von Debord

Text: Alexander Edelhofer | 04.12.2011
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Briefe des französischen Autors, Filmemachers und Künstlers - beginnend mit dem Jahr der Gründung der Situationistischen Internationalen. 

Der kommende Aufstand ist kein kommender, sondern einer, der - wenn man das Ersterscheinungsdatum im Jahr 2007 des gleichnamigen Pamphlets heranzieht - bereits fünfzig Jahre zuvor begonnen hatte. 1957 nämlich war das Jahr der Gründung der Situationistischen Internationalen (SI), die u. a. für sich in Anspruch nehmen darf, die letzte klassische Avantgarde gewesen zu sein und Ideen formuliert zu haben, die im Jetzt für gute Geschäfte der Verlage und katatonische Schockzustände bei ultra-konservativen Kotzbrocken wie Glenn Beck sorgen. An intellektuell vorderster Front und ganz und gar nicht unsichtbar, war die SI auch wesentlich in die Mai-1968-Unruhen in Paris involviert; anders als Daniel Cohn-Bendit sitzt und saß allerdings keiner ihrer Vertreter jemals im EU-Parlament.

Wobei: Der Gedanke an Guy Debord, MEP ist nicht ohne Reiz. Welche Tiraden hätte der Spiritus Rector der SI von sich gegeben? Mit welcher brutalen Häme wäre er gegen das Europa der Bankenrettungspakete aufgetreten? Gut, all das ist Kaffeesudleserei. Was in Debords Werk offensichtlich wurde - also »auf dem Tisch« liegt - ist, dass es stets gegen die Zwänge, Einschränkungen und Entmenschlichungen der modernen Welt aufgetreten ist; sei es in seinen Filmen oder in Büchern, wie seinem Hauptwerk »Die Gesellschaft des Spektakels«.

»Ausgewählte Briefe 1957-1994« der Berliner Edition Tiamat (die sich seit Jahren ob der Verbreitung des Werkes Debords große Verdienste macht) fügt zu den bekannten Theorien keine bahnbrechend neuen Erkenntnisse hinzu - nichts gäbe es nicht aus Primär- und Sekundärquellen zu erfahren bzw. -ahnen - allerdings gilt dies nur für die Briefe bis 1972, in denen Aufstieg und Fall der SI aus erster Hand dokumentiert werden, persönliche Zerwürfnisse und Beschimpfungen inkludiert. Ab 1973 schreibt allerdings nicht mehr zum Großteil der Theoretiker Debord. Die Briefe ab diesem Zeitpunkt dokumentieren Freundschaften, Diskussionen über politische Ereignisse oder scheinbare Profanitäten wie Honorarabrechnungen. Und dennoch: Den Gesellschaftstheoretiker konnte Debord nie verleugnen. So erscheint bei all seinen Beobachtungen immer wieder derselbe Geist, der in der »Gesellschaft des Spektakels« vehement die Rückeroberung des Lebens durch die Menschen forderte. Und es erstaunt, wie Debord gesellschaftliche und politische Entwicklungen erkannte und thematisierte, die heute in ganz Europa schier unlösbar scheinen und den tagespolitischen Diskurs dominieren. Der originäre Visionär eines (kommenden) Aufstands.

Debord, Guy: »Ausgewählte Briefe 1957-1994« Aus dem Französischen von Bernadette Grubner, Roman Kuhn, Birgit Lulay, Christoph Plutte, Berlin: Edition Tiamat 2011, 336 Seiten, EUR 28,80


Text: Alexander Edelhofer | 04.12.2011

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