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Cuban Rebel HipHop

Text: Hanna Klien | 10.09.2011
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Fotos: vorname zuname

In den Straßen von Havanna gibt es viele Kritiker des kubanischen Regimes, doch nur wenige erheben ihre Stimme so laut wie die Rapper, deren Songs vom Kampf für Meinungsfreiheit und soziale Gerechtigkeit erzählen. Für sie ist HipHop nicht nur Musik, Tanz und Kunst, sondern Widerstand oder wie manche es nennen: ein Untergrundkrieg.


Wer an Kuba und Musik denkt, stellt sich meist eine Gruppe betagter Herren und Son-Lieder vor. Doch in den Straßen der Insel selbst scheint es nur noch eines zu geben: Reguetón! Viele Touristen wundern sich nicht einfach, wo Salsa, Trova und Son geblieben sind, sondern beschweren sich über die aus allen Boxen schallenden Hits, die sich vor allem durch den eintönigen Dembow- Rhythmus und sexistische, gewaltverherrlichende Texte auszeichnen. Nicht nur sie kritisieren diese Entwicklung, auch in der kubanischen HipHop- Bewegung erregt sie Unmut. So klagt der Sänger Insubordinado, Reguetón habe die lokale Szene zerstört. Das sei vor allem darauf zurückzuführen, dass die Konsumgesellschaft um sich greife und die Regierung oberflächliche Musik im Gegensatz zu sozialkritischem Rap fördere. Wie sehr Musik in Kuba ideologisiert ist, zeigt sich am Beispiel seiner Rapper. Sie setzen ihre Kunst ein, um gegen soziale Marginalisierung, Repression oder Zensur anzukämpfen. Mestizo deklariert seinen Standpunkt folgendermaßen: »Ich bin kein Politiker, eigentlich interessiere ich mich gar nicht für Politik - aber in diesem Land hier ist alles politisiert!«

Anfänge der kubanischen HipHop-Bewegung

Kubanischer HipHop nahm seine Anfänge in den 1980er Jahren, als Jugendliche in den Plattenbausiedlungen vor Havanna Radiosendungen aus Miami hörten, von Soldaten des Militärstützpunktes Guantanamo Breakdance vorgeführt bekamen und spanische Versionen großer Hits aus Lateinamerika von Hand zu Hand weitergegeben wurden. Die neue Subkultur wurde zu einer Herausforderung für die Regierung, die mit schweren ökonomischen Problemen zu kämpfen hatte, welche dem Fall der kommunistischen Systeme im Osten Europas folgten. Wie so oft im HipHop waren es Vertreter benachteiligter Bevölkerungsgruppen, die sich die Subkultur zu eigen machten, um Kritik und Widerstand zu äußern. Entgegen den Erwartungen vieler Kritiker des Regimes feierte die Bewegung ab Ende der 1990er Jahre große Erfolge. Vertreter der Avantgarde, wie Anónimo Consejo, rappten offen über Prostitution, Polizeigewalt und die Zweiklassengesellschaft in Kuba - Themen, die in der Üffentlichkeit sonst kaum angesprochen wurden. Ebenso identifizierten sie sich mit ihren afrikanischen Wurzeln, was sich bewusst gegen die kommunistische Ideologie der Gleichheit richtete, und setzten negative Entwicklungen im Land in den Kontext eines globalen Machtsystems. Dennoch verorteten sie sich stets in der kubanischen Revolution, was auch für die meisten nachkommenden Rapper zutrifft. Die Regierung reagierte überraschenderweise mit der Förderung von HipHop-Events und der Gründung einer Rap-Agentur, die den Künstlern ein Gehalt zahlte. Seitdem aber scheinen diese Gruppen ihre radikale Kritikfähigkeit verloren zu haben, denn mittlerweile wird die Agentur dazu eingesetzt, den Nachwuchs zu unterdrücken. Insgesamt hat die HipHop-Bewegung stark an Popularität eingebüßt, was nicht zuletzt auf die Kontrolle der Regierung über die Szene zurückzuführen ist.

Die zweite Generation

Der so genannten zweiten Generation, die heute versucht, die Kritik an den sozialen Missständen und ihre Vorstellungen eines kubanischen Sozialismus in die Gesellschaft zu tragen, bleibt daher nur ein begrenzter Handlungsspielraum. Da sie aufgrund der Bürokratie der Rap-Agentur und anderen Kulturinstitutionen von der Üffentlichkeit ausgeschlossen sind, konzentrieren sich die nachfolgenden Rapper auf Studioarbeit und Verbreitung illegal produzierter CDs. Daher rührt zum Beispiel der hohe Bekanntheitsgrad von Real Setenta, einem illegalen, rudimentären Tonstudio. Es gehört Papá Humbertico, der sowohl Produzent wie auch Rapper ist. Kein anderer fördert die Szene so wie er und verbindet ihre vielen, teilweise verfeindeten Gruppierungen. Folglich stellt die Festplatte seines PCs mittlerweile ein Archiv eines Großteils aller Rap-Aufnahmen des Landes und ist damit von unschätzbarem Wert. Ähnlich wie Papá Humberticos Studio dient auch der Friseurshop von Mestizo als Treffpunkt für einige Rapper. An manchen Tagen herrscht hier Hochbetrieb, wenn Rapper, Fans und Interessierte ein- und ausgehen. Es wird erzählt, wer beim Jugendtreff von der Polizei abgeführt wurde und welche anderen Diskriminierungen man erlebt hat. Mestizos Kommentare dazu verwandeln sich oft zu politischen Reden voller Pathos und ?berzeugungskraft, während er weiter die Haare seiner Kunden rasiert. Hier werden auch Aufnahmen für selbst produzierte Dokumentationen über die Bewegung gemacht. So beginnen Insubordinado und Recluso- Uno zu freestylen. Der Wettkampf unter Freunden schaukelt sich hoch, bis Mestizo eine eingängige Parole einführt, die alle zusammen kampfeslustig singen: »Wir marschieren vereint! Las Tropas für ein Volk! HipHop Underground!« Nicht nur dieser Aufruf, sondern auch der Name der Gruppe, Las Tropas (»Die Truppen«) weist auf eine Militarisierung hin, die in der zweiten Generation weit verbreitet ist. Dabei stellen einige Rapper einen Zusammenhang zwischen dem US-Rapgenre Underground und dem Guerrilla-Kampf in Kuba her. Underground wird so nicht nur als politische Opposition und Ablehnung von Kommerz verstanden, sondern als Krieg beschrieben. Im kubanischen Kontext erfährt der gesamte Bedeutungskomplex damit eine neue Bedeutung, die im Symbolsystem der kubanischen Revolution zu verorten ist. Diese Umdeutungen kommen allerdings nicht nur auf verbaler, sondern auch auf performativer Ebene zum Ausdruck. Bei einem Konzert, das illegal veranstaltet wird, treten Insubordinado und Recluso-Uno in militaristischer Kleidung auf, teilweise sogar mit Uniformen des kubanischen Militärs. Damit identifizieren sie sich einerseits mit dem Guerillakampf der 1950er Jahre als nationales Erbe, der auch symbolisch für den Kampf gegen eine staatliche ?bermacht steht. Andererseits kombinieren sie diesen Stil mit Afro-Frisuren, die eher an die Black Panther in den USA erinnern, wobei sie durch diesen Bezug auf US-amerikanische Ausdrucksformen ihr afrikanisches Erbe betonen.

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Für andere jedoch ist Rap nicht ausschließlich Ausdruck von Widerstand. Donato sagt, er sei mit afroamerikanischer Musik aufgewachsen und sie begleite ihn in allen Lebenslagen. Warum sollte er also nur über politische Themen rappen? »Auch die Liebe ist wichtig; wer keine Liebe fühlt, kann kein Rapper sein!« Donato stammt aus dem Osten der Insel - El Oriente. Es heißt, in Santiago de Cuba beginne die Karibik. Wenn man aber mit Donato durch die Straßen zieht, erinnert die Stadt eher an die Bronx! Er erzählt vom Ghetto und seinen Bewohnern, als ob er jeden Einzelnen kennt. Wenn ein Tourist, dem er versucht, die Augen für sein Kuba zu öffnen, die positiven Seiten des Systems aufzählt, widerspricht er heftig: »Alles Lügen! Ich komme aus dem Ghetto, ich repräsentiere die armen Menschen, die Marginalisierten!« Schließlich sei er hier aufgewachsen und bekannt geworden. Tatsächlich kennen ihn hier viele. Mitten auf der Straße bitten sie ihn zu singen. Ein Autoradio wird aufgedreht, Donato und Moya beginnen zu rappen über ihre Probleme und Träume, während ihr Publikum am starken Ein-Peso-Kaffee nippt. »Das ist richtiger Underground«, erklärt Donato. In der Hauptstadt, die mit Dollargeschäften und Tourismus lockt, ist sein Leben um einiges komplizierter. Donato gilt als Palestino, wie die illegalisierten Binnenmigranten genannt werden, die aus anderen Teilen Kubas nach Havanna strömen. So auch Toño und Skiudys, die aus Guantanamo stammen und versuchen, der Polizei von Havanna zu entgehen, die sie an ihren Herkunftsort zurückschicken würde. Dabei geraten sie leicht in kriminelle Kreise - Prostitution, Drogenhandel und Schwarzmarktgeschäfte greifen um sich. Die drei Rapper versuchen diese Lebenswelt in ihrer Musik zu repräsentieren. Während Donato sichdabei dem Gangster Rap annähert, distanziert sich Skiudys insgesamt, trotz einiger Entlehnungen aus ebendiesem US-amerikanischen Genre, davon: »Es interessiert mich nicht, vor dem Publikum über Gangster zu sprechen. Weil ich es lebe! Ein Gangster leidet ?? ich versuche nur zu verhindern, dass kommende Generationen so werden wie ich!« In Kuba kann man sehr schnell zum »Schwerkriminellen « werden: Skiudys sitzt derzeit eine 12-jährige Haftstrafe ab - wegen Einbruchs.

HipHop ist Veränderung

Wenn die Vertreter der kubanischen Bewegung auch sehr unterschiedlich sind, verbindet sie doch alle der Wunsch nach gesellschaftlicher Veränderung. Rap ist daher nicht nur Sozialkritik, sondern wird gleichgesetzt mit Revolution. Die zentralen Konzepte »HipHop Revolución« und »Revolución dentro de la Revolución« verwendet daher fast jeder. Papá Humbertico singt: »?ber Revolution spreche ich, darüber / Dinge zu ändern, darüber Fußfesseln / zu brechen, das Leben zu verbessern! / Zeit das Revolutionierte zu revolutionieren, / die Stunde um veraltete Konzepte auszurotten / (??) gegen ein vereintes Volk kann das Militär nichts machen / (??) Das Ziel ist der Frieden, keine Diktatur noch Repression / (??) Revolution innerhalb der Revolution!«
Manche beschreiten diesen Weg mit großem Idealismus und bewundernswerter Konsequenz, andere versuchen an das große Geld zu kommen. Donato rappt in einem der letzten Songs, die aufgenommen wurden, bevor auch er für einige Jahre ins Gefängnis musste: »Ich bin im Ghetto geboren und aufgewachsen. / Ich hätte gern so viel Geld wie das Meer Sand, / um es den Armen im Ghetto zu geben«. Geld für den aidskranken Moya, der seine Medikamente auf dem Schwarzmarkt kaufen muss, für seine Schwester, die gerade ihr zweites Kind zur Welt bringt, in einer Wohnung ohne fließendes Wasser und Strom, oder für Vladimir, der ihn in seiner Wohnung vor der Polizei versteckt und nur regelmäßig Tabletten bräuchte, um wieder sehen zu können.

Weiterführende Literatur: Hanna Klien: »HipHop in Havanna: Afroamerikanische Musik im Widerstand«
Wien: Lit-Verlag 2009, 160 Seiten, EUR 19,90 


Text: Hanna Klien | 10.09.2011

Referenzen:

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