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Augsburger Tafelconfect: Hamburger aus Edition-Stora-Kreisen, keine Bayern!

Text: Felix Kubin | 04.03.2005
Was passiert, wenn Tastenmagier und Discodrangsalierer Felix Kubin mal nicht seine Orgel quetscht, sondern die Schreibtastatur bedrängt: Das Hamburger Label Edition Stora und ihre Protagonisten Augsburger Tafelconfect in einer fulminanten Analyse über dunkle Triebe, erhellende Erkenntnisse, jeder Menge Spaß und Hirnschmalz und erfrischender Musik mit bodenlosem Tiefgang.

Was passiert, wenn Tastenmagier und Discodrangsalierer Felix Kubin mal nicht seine Orgel quetscht, sondern die Schreibtastatur bedrängt: Das Hamburger Label Edition Stora und ihre Protagonisten Augsburger Tafelconfect in einer fulminanten Analyse über dunkle Triebe, erhellende Erkenntnisse, jeder Menge Spaß und Hirnschmalz und erfrischender Musik mit bodenlosem Tiefgang.

Vor wenigen Jahren schlug in Hamburg ein Kanu beim Fuhlsbüttler Kontrollturm auf. Heraus stieg eine träge Masse, gefolgt von einem Spittel, die sich rasch in Richtung Stadtmitte durch das spärliche Buschwerk der Landebahn davonmachte, das Mundwerk voller Schlamm, den Geist voll ungereimter Absichten. Im schnellen Schritt ihrer Flucht vor den Paparazzis der Hamburger Spuckpresse sonderte sich vom Matsch eine Schlacke ab, trennte sich Unrat von visionärer Hellsicht, Schwermut von Zukunftsfreude. Die Masse und ihr Spittel verwandelten sich in wirbelnde Zentrifugen, in denen sich unter Schauern leuchtender Farben die Elemente in ihre reinsten Urzustände auftrennten.

Die Flucht gelang

Wenige Jahre später. Im Angesicht einer Praline gerieten Jyrgen Hall und Sebastian Reier im Oktober 2002 in eine Auseinandersetzung, in deren Folge sie übel zugerichtet wurden. Der verbliebene Klumpen nannte sich Augsburger Tafelconfect. Ein passender Name, suggerierte er doch eine harmlose Ansammlung von Pralinen, ohne zu verraten, das eben vor den Augen dieses Confects eine Gewalttat stattgefunden hatte. Das Knäuel Reier/Hall wusste schon bald, aus seiner Verklumpung Nutzen zu ziehen. Die enge homoerotische Zusammensetzung fühlte sich gut an.

Die Chemie stimmte

Hall, auch bekannt als mädchenschwingender Elektroubadour Gunter Adler, begann (nicht nur) in seinen modularen Synthesizern (ebenfalls nicht nur) virtuelle Steckverbindungen herzustellen, die die Steuerdaten der digitalen Informationen zu unruhigen, sommerregenschönen polyrhythmischen Stakkati animierten. So schuf er klickende Schaltanordnungen, die im Stile György Ligetis das Nebeneinander unterschiedlich tickender Uhren ästhetisierten. Als lebendgewordene Schalttafel und ewig heimatloser Pendler zwischen den Möglichkeiten beschloss er, den Zustand der Unentschiedenheit als Sinnbild des mikroskopischen Lebens zu preisen und zu verstärken. Hall wusste: Pause und Stille sind Illusion, dazwischen liegt das Rascheln der Mikroben, das Geschrei der Schwebenden und »the point of no return«. Verwegen in seiner Unterwäschensammlung wühlend, arbeitete er mit dieser Ästhetik der Rastlosigkeit des Gitarrenspiels Sebastian Reiers zu.

Der Reigen begann

Sebastian Reier, nahtplatzende Ideenschmiede und Sabbelwunder aus Fuhlsbüttel, brachte vor nicht allzu langer Zeit frischen Wind in die zugedröhnte Verlagsanstalt Stora, einer reglosen, aber an guten Vorsätzen nicht zu überbietenden Künstlerbude, die sich ans Revers geheftet hatte, die Crème de la Crème der jungen Elektronikszene ins goldene Zeitalter zu führen. Reiers Kommunikationstalent zeigte sich schnell in der Fähigkeit, das kalkulierte Zusammenbrechen seiner ungewöhnlichen Gitarrenklänge, das in seiner Ästhetik mutwillig zerstörten Märklin-Waggons glich, dem zittrigen Erregungszustand von Jyrgen Halls digitalen Kettenreaktionen anzupassen. Scheuern und Reiben, Brechen und langes Explodieren sind Sebastian Reiers Spezialitäten. Die Abwesenheit sedierender Delays hebt sein Spiel vom postindustriellen Weihrauch der frühen 90er Jahre ab. Hier herrscht endlich Gegenwart, in improvisierten Abläufen muss blitzschnell auf den Partner reagiert werden, und sei es im Dunkeln.

Confect im Nneonlicht

Auf dem eigens gegründeten Label Nneon erscheint nun die erste Veröffentlichung der glücklichen Allianz Raider-Hallemann, mittlerweile zum Trio expandiert (um baronesseA, Videos). Fern jeder Weitschweifigkeit erzählt »fusion in the slaughterhaus« in kurzen Hörstücken filmisch anmutende Anekdoten, die sofort auf den Punkt kommen und darum in ihrer Form eher den aphoristischen Werken John Zorns ähneln als den Werken der elektroakustischen Musik, auch wenn sie mit den Mitteln der Letzteren arbeitet. Zusammenbrüche und aggressiv-zornige Passagen wechseln mit fast romantischen Übereinanderlagerungen von Feldaufnahmen ab. Klanglich wird mit vielen Farben gespielt, die auch vorübergehend ein- und ausgeschaltete Rhythmusloops nicht ausschließen. Bemerkenswert ist das melodische Element, das vielen Stücken in verklärter Form innewohnt. Die Songlängen erinnern an Werke der Popmusik, manche gar an tongewordene Überschriften oder Witze. Selten hatten verschiedene Stücke einer sogenannten experimentellen Veröffentlichung so viel Eigencharakter und deutlichen Wiedererkennungswert, selten ging das improvisierte Moment eine derartig gelungene Allianz mit durchgeplanter und klar geschnittener Montage ein. Das Augsburger Tafelconfect bietet weniger Sounddesign, dafür mehr Hörkunst, und, mag dieser Begriff auch noch so missverständlich sein, eine stimmige Auswahl kurzer Super8-Hörfilme, bei denen hin und wieder der Projektor vom Regal fällt und sich der Film verheddert.

Ausklang

Jyrgen Hall (Laptop und Malprogramme) und Sebastian Reier (Vulkangitarre und Gerätschaften) wären mit ihrem sonderbaren Instrumentarium bereits ein famoses Duo, doch ist das Augsburger Tafelconfect ein audiovisuelles Trio. Livia v. Seld aka baronesseA serviert zu den Konzerten des ATC wohlwonnige Filme in umgekehrter und kreisförmiger Erzählrichtung. Damit werden die Zuschauer zu Schiffbrüchigen im Meer der Animationen und sehen Filmstapel im Hörfilm. baronesseA schafft ein perfektes Environment für die Musik und bildet das dritte Auge des Augsburger Tafelconfects.

http://www.augsburg.tk
www.nneon.com

Nneon Labelpräsentation: Di., 22. März 2005, 19.00 Uhr - Fluc Mensa
Augsburger Tafelconfect live: Mi., 23. März
2005, 22.00 Uhr - Fluc Mensa


Text: Felix Kubin | 04.03.2005

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