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Halderner Open Air 2002 - Respekt vor der Freizeit

Text: Oliver Frohner, Susi Ondrusova | 15.07.2002
Ich bin ein Musik-Tourist. Ich reise nach Belgien um RADIOHEAD und nebenbei Land und Leute kennenzulernen, ich fliege nach England um mir an einem Ferienort, den ich in meinem Oberstufenatlas nicht mal eingezeichnet finde, eine ?berdosis SHELLAC zu erlauben und ich hitchhike durch Tschechien um mich in ausverkauften Clubs den FRAMES zu stellen. Ein Reisen, das einen ins Licht der Verwöhnten stellen kann, denn der einzige Luxus den ich mir im Urlaub leisten will ist - die Verwöhnung der Sinne.

Man müsste meinen die sommerliche Festivalzeit ist meine paradiesische Urlaubszeit. Falsch. Der jungfräuliche Überraschungseffekt, und der AHA- und WOW-Effekt beim Musik und Musiker live erleben, setzt bei einem mega-ultra-turbo-event wie Forestglade oder Hurricane oft gar nicht ein. Denn im Line-Up mischt sich die Oberschicht der »top of the pops« mit der Oberschicht der Alternativ Charts (Manche sagen dazu Indie, manche rufen »You're at home, baby!«). Zweifellos wird somit oft nicht nur das Zuhören zur Qual sondern auch das zum Festival dazugehörende in der ersten Reihe stehen und das zwischen zwei, drei, vier bühnen Herumwandern. Wenn mich die Jon Spencer Blues Explosion interessiert, muß ich dafür wirklich die Toten Hosen und Samy Deluxe ertragen? Achtung: Dieser Artikel spiegelt die persönliche Meinung des Autors wider und möchte Niemanden in seiner musikalischen Vorliebe belehren.

It's a special kind of road-movie
Die tiefen der internetten-Suchmaschinen bringen bei der richtigen Sucheingabe (+Festival+klein+fein) eine Trefferquote von 100 Prozent. Das Ergebnis: www.haldern-pop.de.
5000 Festival-gäste die sich auf dem alten Reitplatz in Haldern am Niederrhein einfinden werden, werden das Motto »Respekt vor der Freizeit« auf ihren Wahrheitsgehalt überprüfen können, auch das Gerücht ob Haldern wirklich mit Abstand eines der saubersten Festivals sei, ob die Besucher tatsächlich das Gelände gemeinsam sauberhalten und aufräumen.
Egal, ein paar enthusiastische Musikliebhaber und Konzertveranstalter haben es geschafft für eben erwähntes diesjährige Haldern - Festival vom 9. bis 10. August ein Line-Up zusammenzustellen, das sich anhört wie eine Auflistung aus meinem Traumtagebuch.
Und bei dieser Vorschau bitte festhalten: Wir eröffnen mit den LEAVES aus Island, hören mit der Masse THE SHINING zu und erkennen nicht oder erkennen schon wie die zwei Ex-Mitglieder von THE VERVE ihre stehengelassenen Talente bei diesem Projekt ausleben. Wir wundern uns warum SAYBIA schon nicht früher der Durchbruch aus der dänische Musikszene in den kleinen deutschsprachigen Raum gelungen ist. Liefern sie doch das musikalische Dach als Schallschutz gegen 0815-Melodien. Wenn die Hormone im guten Stimmungshoch liegen, dann dürfen wir uns auch auf die zwei jungen Herren der ELECTRIC SOFT PARADE freuen. Um aber nach ihrer Zugabe auf die Verfassung von mr. Ex-Stone-Roses Ian Brown gespannt zu sein. Don't wanna go there? Let me take you by the hand! Wir werden endlich verstehen, warum SUPERGRASS vor auch schon fünftausend Jahren »moving, just keep moving« gesungen haben. (Die bewegen sich ja wirklich!) Um uns dann für den Rest des Abends in der harmonisch-bekannten-aufregenden Zwischenwelt von SIGUR ROS aufzuhalten. Wer da nicht in die Musik-Hörer-Trance verfällt sondern sich mit dem Boden und dem Himmel verwurzelt, der erlebt auch Tag Zwei.
Eröffnet wird mit MILLIONAIRE, eines der wunderbaren Projekte von den vielen dEUS Mitgliedern, diesmal das vom Gitaristen Tim Vanhamel. Ablöse erfolgt nach einem Auf- und Abbau der Instrumente von der MULL HISTORICAL SOCIETY, die mit einer Garantie, die ihr kick-out-of-bed-sound bringt, alle verschlafenen Seelen von der Isomatte holen wird. GEMMA HAYES wird in der Nachmittagssonne die Lieder für die Nacht singen. Dass sie nicht die neue Joni Mitchell ist, hat sie nun oft genug erzählt, aber vielleicht zeigt sie, ob sie die neue Ani diFranco ist? JOSEPH ARTHUR, der als »Troubadour des Elektronikzeitalters« beim Real-World-Label einen wunderbaren Platz gefunden hat. Jemand, der seine Kreativität eigentlich als Maler und Bildhauer auslebt, wird uns da von seinen Qualitäten als Singer/Songwriter mit kleiner Band überzeugen. Wie multi kann ein multi-talent wirklich sein? Cigarette-break. Angstschweiss reißt aus dem schönen Traum. Was macht das Wetter? Was sagt die 574 Tage-Prognose auf www.bbc.co.uk/weather ? Egal. Der Wind wird kommen und wenn mit ihm der Regen, dann wird das im sommerlichen, zwanzigminütigen fünfuhr-Gewitter mit Abkühlungsfaktor 3 und dem üblichen Sonnenschein nicht weiter auffallen, wenn COOPER TEMPLE CLAUSE schon die Bühne gestürmt haben und uns mit ihren Nieten Gürteln blenden. Made in Reading. Sollte uns das nicht bekannt vorkommen? ZITA SWOON 's Auftritt is alles andere als vorauszuahnen, haben sie doch kurzfristig bereit erklärt für TURIN BRAKES einzuspringen. Werden sie nach einem lauten »Let's kill music before it kills us all« mit einem »We're floating O.K.« erwidern? So wie jede zweite belgische Band können auch sie sich nicht in eine Musikrichtungs-Schublade eingliedern und so gilt: Spiel, Spass, Schokolade, wenn sich Frontman Stef Camil Carlens Klangexperimenten und Improvisationen hingibt und uns mit einer all-inclusive-show verwöhnt.
Die Frage nach dem Haupt-Act, Main-Act oder der Band wegen der alle gekommen sind stellt sich eigentlich also gar nicht, weil dies bei Haldern ohnehin auf alle zutrifft; aber wenn sich jemand trotzdem auf Hierarchien einlassen möchte, der lasse sich die Bands der letzten Spielzeit auf der Zunge zergehen: GOMEZ! BELLE AND SEBASTIAN! NOTWIST! (die »Wir-nehmen-zur-Abwechslung-lieber-unsere-Freunde-vom-Blasorchester-mit-auf-Tour«-NOTWIST) und dann Bühne frei für: DOVES! Die DOVES, von denen die Veranstalter im Programmheft schüchtern hinzufügen »in England no.1«.

Hausaufgaben zuerst
Die allgemeine Rechnung für Festival- und Musik-Touristen lautet: Dividier den Eintrittspreis mit der Anzahl der Bands, die du tatsächlich sehen möchtest. Wenn a) das Ergebnis weniger ist als der Durschnittspreis eines Club-Gigs, dann nicht zögern, Bauanleitung fürs Zelt lesen, Festival-Tickets besorgen und Schuhe anziehen. Wenn b) das Ergebnis mehr als der Durchschnittspreis eines Club-Gigs ist, überdenke Spass-Faktor und Enttäuschungs-Faktor. Eine andere Rechnung lautet: Wie steht das Verhältnis von auftretenden Bands zu must-see-bands? Wenn ein Verhältnis von 1:1 rauskommt, schrei BINGO, ruf deine Freunde an und besorg dir Festival-Tickets.
Im Falle von Haldern 2002 schadet auch diese Wahrscheinlichkeitsrechnung nicht: Wie gross ist die Wahrscheinlichkeit, dass die oben erwähnten Bands mal in in einer kürzeren Zeitspanne als ein oder zwei Jahrzehnte in näherem Umkreis von deinem Wohnort auftreten werden? Wenn du für diese Frage Faktoren wie Umzug in den Musik-Freizeitpark Grossbritannien, Island, Amerika oder gar einen Lotto-Gewinn miteinbeziehen musst, dann gib's auf. Schrei lieber nochmal BINGO, ruf deine Freunde zum zweitenmal an und besorg dir Tickets für Haldern 2002. Now. Spätestens morgen, um fünf nach zwölf ist es nie zu spät. Falls das ein Samstag, Sonntag oder Feiertag sein sollte, degustiere hier: www.jugendinfowien.at
Ganz ruhig, wenn mit dem Ticket in der Hand die plötzliche Panik einsetzt: Where the fuck is Haldern? Ist nicht halb so schwer auszumachen wie die Quadratur des Kreises. Bilde ein Dreieck mit den Eckpunkten Nimwegen, Arnhem und Bochum. Der Mittelpunkt ist dann der alte Reitplatz und die Mainstage von www.haldern-pop.de. Jubel und prophylaktisches In-Die-Hände-Klatschen. See you there, sagt das und-Kollektiv.

Text: Oliver Frohner, Susi Ondrusova | 15.07.2002

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